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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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K X fcavens 












Der Schwarze Faden erscheint m i ttler- 
weile im 14. Jahrgang. Die kontinuier¬ 
liche Aufwärtsentwicklung von 900 
Auflage und 44 Seiten (1980) auf 
3000 Auflage und 72 Seiten (1991) ist 
leider zum Stillstand gekommen. Zwar 
kam es nicht zu einem großen Ein¬ 
bruch wie ihn manche "sozialistisch'' 
ausgerichtete Zeitschriften nach der 
"Wiedervereinigung" erleben mußten 
(ATOM, Weltbühne, Projektil etc. 
wurden z.B. ganz eingestellt, die 
LINKS und der FREITAG rufen nach 
einer recht großen Anzahl von Neu- 
abonnentlnnen), doch beklagen wir 
einen Rückgang vor allem bei linken 
Buchhandlungen. Unser derzeitiger 
Stand (1930 ABOs und 2500-2700 
Auflage) ermöglicht uns die Weiter¬ 
produktion nur durch vermehrte 
Selbstausbeutung. Wir suchen und 
brauchen Unterstützerinnen, Neu- 
ABOs und Wiederverkäuferinnen, um 
diese Zeitschrift weiter auf dem bis¬ 
herigen Niveau halten zu können und 
bestehende Mängel (mangelnde Zeit 
fürs Korrekturlesen, für Werbema߬ 
nahmen etc.) zu verbessern. Wer diese 
Zeitschrift wichtig findet, und die 
immer steigende Beteiligung durch 
Beiträge läßt uns da zuversichtlich 
sein, sollte sich überlegen, wie er/sie 
uns helfen kann und nicht vergessen, 
Wiederverkaufsexemplare der Zeit¬ 
schrift auch zu Veranstaltungen, 
Demos, Festen etc. mitzunehmen! 

Diejenigen, die sich verstärkt in den 
Fadens inbringen wollen, sollten dies 
bis zum 15.1.94 zu erkennen geben, 
da wir im Frühjahr 1994 ein Treffen 
vorbereiten, bei dem wir genau klären 
wollen, wer was an Zuarbeit über¬ 
nehmen kann und will. 

Ab dem 1.1.1994 übernimmt der 
Berliner Buchvertrieb ROTATION 
den Vertrieb der Zeitschrift für den 
Buchhandel und die Infoläden, eine 
Regelung, die vermutlich vielen Läden 
aufgrund möglicher Portoerspamis 
angenehmer sein wird. Die jeweils 
gewünschte Stückzahl soll jedoch 
auch in Zukunft weiterhin der SF- 
Redaktion durchgegeben werden. 

Der SF wird 1993 lediglich mit drei 
Nummern erscheinen. Die Nr. 1/94 
wird dafür bereits im Februar vor¬ 
liegen. 


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Redaktions- und 
ABOanschrift: 
Schwarzer Faden, 
Postfach 1159 
71117 Grafenau, 

Tel.: 07033-44273; 

Fax 07033-45264; 

Wer trägt den SF mit? 

Monatliche Dauerspenden zur "Verbrei¬ 
tung von Chaos und Anarchie im vereinten 
Deutschland": 

F.-J.M., Dortmund 10.-; A.R., Paderborn 10, 

;W.F.,BerlinlO.-;T.P.,KölnlO.-;E.T.,Bre¬ 
men 10.-; R.M, 20,; N.H., Nürnberg 25,; 
T.D.L., Berlin 30.-; M.R., Frankfurt 25,- 
T.A., Hersfeld 15,; V.S., 20,, H.W.M.! 
Westerland 20,; U.S., Bremen 15,; T.S., 
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HERAUSGEBER: 
SF-Redaktion/T rotzdem-V erlag 
ISSN: 0722-8988. 

Postzeitungsdienstnr.:E9860 F 

V.iSAP: Herby Sachs, Moosweg 165,5090 

Leverkusen; namentlich gezeichnete Beiträge 
stehen unter der Verantwortlichkeit der Vei - 
fasserlnnen und geben nicht die Meinung der 
Herausgeber oder gar des presserechtlich Ver¬ 
antwortlichen wieder. 

Das Redaktionskollektlv besteht derzeit aus 
6 Menschen aus Köln, Frankfurt, Karlsruhe, 
S tuttg art und Grafenau. 

Verlag, Satz, Vertrieb und ABOs: Trotzdem 
Verlag, Grafenau; Druck und Weiterverarbei¬ 
tung: Druckcooperative Karlsruhe. Gedruc 
wird auf 100% Altpapier. 

Mitarbeit: Der SF versucht eine Mischung 
aktuellen politischen Ereignisse» *n 
chistischer Diskussion, Aktualisierung 1 
tärer Theorie, Aufarbeitung freiheithcn 
Geschichte und Beiträgen, die 
turkritik oder einer Kultur von unten ber ass 








Autonome A.F.RJ.K.A.-Gruppe Marbach: Medienrandale-II - 
Weitere Fragen politischer Praxis..... 

Wolf gang Haug: Nicht wie das Kaninchen vor der Schlange - 
Nachdenkliches zum linken Antifaschismus. 

Ise Schwipper: Frauen-KZ Ravensbrück 
Über die Verfolgung der Lesben im Nationalsozialismus. 

Die "Auschwitzlüge'VBücher. 

Louis Lerouge: ZEGG: Sexismus, Rassismus und New Age 
Sezierung einer Sekte., 


Herby Sacks : Das Ende ist nah - Bekehrung statt Frieden 
Evangelikale Sekten in Guatemala. 

Noam Chomsky: Das Jahr 501 
500 Jahre Kontinuität in der Geschichte: der Hass auf die 
Unabhängigkeit... 

Boris Scharlowski: Jenseits staatlicher Einflußnahme? 
Kritische Betrachtungen zur Entwicklungen der Nicht¬ 
regierungsorganisationen am Beispiel Chiles.., 

Rainer Wandler: Wir wollen keine Almosen - 

Interview mit dem Vorsitzenden der andalusischen SOC., 


..S. 4 

.S.ll 

..S.16 

..S.23 

,.S.24 

.S.30 

.S.34 

,.S.43 


Markus Mathyl: Kropotkin und der postsowjetische Anarchismus 
Bericht vom Kropotkin-Kongreß undzur Streikbewegung 
in der Ukraine. 

Fargotof: Wohlgroth muß bleiben! 

Bericht über die autonome Kulturwerkstatt Zürich. 


Termine & Infos. 

Bücher/Leo Ferret- 
Leserbriefe. 


..S.49 

..S.54 

S.63 

.S.65 


,S.67 


i 


,.S.70 


Eingesandte Artikel sind erwünscht , speziell 
solche von Augenzeuginnen aktueller Ereig¬ 
nisse, die eine analytische Aufarbeitung ver¬ 
suchen. Leute, die regelmäßig bestimmte 
fremdsprachige Zeitschriften lesen, sollen uns 
dies mitteilen und uns Artikel zur Übersetzung 
Vorschlägen. Allgemein bevorzugen wir 
namentlich oder von Gruppen gekennzeich- 
ncteBciträge. Telefonische V orabsprache von 
Beiträgen ist sinnvoll; Photos, Grafiken etc. 
sind erwünscht. Pseudonymesind möglich, 
wenn der Redaktion die Urheberinnen be¬ 
kannt sind. 

“Technologie”: Wer selbst oder über Unis an 
IBM- oder Apple Macintosh Computer 
rankommt, kann (und soll!) uns die Artikel auf 
3.5 Zoll-Disketten zuschicken. Sie sollten mit 

dcmTcxtvcrarbcitungssystem Word bearbeitet 

sein. Für uns würde es erhebliche Arbeils- 
crlcichtcrungen bedeuten. 

Endredaktion: Übereinen Abdruck entschei¬ 
den Mitarbeiterinnen der Redaktion; ein An¬ 
spruch auf Veröffentlichung besteht nicht. 
Honorare bleiben auch unsere Wunschvor- 
stcllung. Ausnahmen können wir machen, in 


dem wir gegen Vorabsprache z.B. die „Aner¬ 
kennungshonorare“ füraufwendige Interviews, 
Photos,Graphiken oderlängere Übersetzungen 

bezahlen. 

Nachdrucke: von Texten und Photos sind 
gegen Quellenangabe und Belegexemplare 
erwünscht. 

Knastfreiexemplare bleiben solange Eigen¬ 
tum des Verlags, bis sie den Gefangenen aus¬ 
gehändigt sind. Eine “Zur-Habe-Nahme ist 
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Erscheinungsweise: vierteljährlich. Unge¬ 
zeichnete Photos aus dem SF-Archiv. 
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Bezahlung im voraus. Mit der letzten bezahl¬ 
ten Nummern erhalten Abonennten eine neue 
Rechnung für die nächsten 4 Nummern; wer 
nicht verlängern will, schicke uns eine kurze 
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Sondernummer Feminismus: 6.-DM 
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Ausgangspunkt unserer Beschäfti- 
güngmitder bürgerlichen Medienran¬ 
dale waren die autonomen Störaktio¬ 
nen der Weizsäcker- und Heuchler¬ 
demo am 8. November 1992. Abge¬ 
sehen von einer Analyse, mit welchen 
journalistischen Mitteln* die bür¬ 
gerlichen Medienmacherinnen zwi¬ 
schen den Spalten und überdie Freque¬ 
nzen randalieren, ging es in .Medien¬ 
randale (I)‘ bereits um die Schwierig¬ 
keiten der Vermittlung von Inhalten 
autonomer Politik unter den gegen¬ 
wärtigen politischen Kräfteverhält¬ 
nissen und unter der Voraussetzung 
einer auf fast allen Ebenen bürger¬ 
licher Gesellschaft vorhandenen 
Hegemonie rassistischer Diskurse. 
Schon dort stand auch die Frage an, 
welche Voraussetzungen der eigenen 
Theorie und Praxis zu der diskursiven 
Niederlage nicht nur in der rassi¬ 
stischen Asyldebatte geführt haben. 

Der nun vorliegende zweite Teil 
unserer Überlegungen legt das Ge- 
i wicht noch mehr auf die aktuellen 
Probleme der Inhalte und Formen 
linksradikaler Praxis in der Bundes¬ 
republik. Im folgenden erscheint es 
uns wichtig, jene Tendenzen zu 
problematisieren, die über kurz oder 
lang den politischen Bankrott be- 
! deuten könnten. Nach dem Motto ,Die 
Autonomen machen keinen Fehler - 
sie sind der Fehler* (Heinz Schenk) 
käme es dann nur noch darauf an, sich 
von bzw. aus ihnen zu verabschieden. 
,Medienrandale(II)‘ istaberkcin ,Ab- 
! schied*, sondern ein Versuch, das au¬ 
tonome Agieren selbstkritisch zu 
untersuchen, bestimmte Mythen zu 
hinterfragen und die sich daraus, 
abzeichnenden Konsequenzen für ein 
j linksradikales politisches Projekt 
• herauszuarbeiten. Wir wollen im fol¬ 
genden anhand einiger Beispiele die 
gegenwärtige Krise des autonomen 
Antifaschismus diskutieren. 

Nach den Morden in Mölln hieß es in 
Stuttgart, nun habe die Auseinan¬ 
dersetzung mit den Faschisten eine 
neue Qualität erreicht, es müßten ver¬ 
stärkt Fascho-Zusammenhänge* wie 
die ,Kolbstube* (Stuttgarter Kneipe, 
die als Treffpunkt für Neonazis dient, 
SF-Red.) angegriffen werden. Diese 
Position vertraten einige autonome 
Genossinnen und forderten, daß es 
möglich sein müsse, die .Kolbstube* 
aus einer Protestdemonstration heraus 
anzugreifen. Das Vorbereitungple¬ 
num sah sich aber nicht in der Lage, 
einen solchen weitreichenden Be¬ 
schluß für nicht anwesende Demon- 



Weitere Fragen politischer Praxis 


von der autonomen a.f.r.i.k.a-gruppe/mittlerer neckar 


Es geht ...um das Ausmaß der Unfähigkeit auf Seiten der Linken, sich den wahren 
Problemen der Strategie und Taktik eines massenhaft geführten antirassistischen Kampfes 
zu stellen und sie konstruktiv durchzudiskutieren. Um ehrlich zu sein, unser gemeinsames 
Wissen reicht nicht aus, um die Rückseite einer Briefmarke zu füllen. Und dennoch tun wir 
in unseren Diskussionen über taktische Fragen und in unseren politischen Einschätzungen 
weiterhin so, als seien die Antworten bereis komplett in einer Art Neuaüsgabe von Lenins 
„Was Tun?" nieder gelegt ... Wie ich sehe, ahnen wir erst, wie ein massenfähiger 
antirassistischer Kampf zu führen wäre oder wie der Zug des rassistischen Alltags¬ 
bewußtseins, der heute das Denken der Massen beherrscht, umzuleiten wäre. Diese Lektion 
sollten wir besser ziemlich schnell lernen. (Stuart Hall) 


Foto: Moritz Milch/AFZ j 









slranten zu treffen. So wurde für die 
Demo „Kein Vertrauen in den Staat! 
Bekämpfen wir die faschistischen 
Organisationen!" am 28. November 
vereinbart, aus dem Zug heraus keine 
Aktionen gegen das Fascho-Lokal zu 
unternehmen. Die Diskussionen um 
das Vorgehen sowie der Aufruf 
(„Militante AktionengegenStrukturen 
der Faschisten vorbereiten'') riefen 
die lokalen Zeitungen schon im Vor¬ 
feld auf den Plan (Stuttgarter Nach¬ 
richten: „ , Autonome ' rüsten gegen 
,Faschos ' "). Da Militanz angesagt 
war und offenbar der Schaukampf 
,rinks‘ gegen ,lechts‘ unmittelbar be¬ 
vorstand, zeigten auf einmal auch die 
bürgerlichen Medien .Interesse“ am 
antifaschistischen Kampf. Welche 
Erlösung, nach dem monatelangen 
rechten Terror endlich wieder einmal 
auf das gewohnte Feindbild zurück¬ 
greifen zu können. 

Die bewaffnete Staatsgewalt ver¬ 
suchte während der Demonstration 
durch massenhafte Präsenz, Spaliere, 




Schlagstöcke und mit Pferden zu pro¬ 
vozieren. Alles vergebens. Die Teil¬ 
nehmerinnen ließen sich nicht auf das 
offensichtliche Spiel ein, das da ins¬ 
zeniert werden sollte. Demgegenüber 
gelang es in einigen Redebeiträgen 
und vor den Augen zahlreicher 
Passantinnen eine inhaltlich klare und 
gute Zwischenkundgebung durchzu¬ 
führen. Angesichts des martialischen 
Polizeiaufgebotes im Rücken der 
Demonstration wurde auch für Unbe¬ 
teiligte deutlich, daß die bewaffnete 
Staatsgewalt sich allemal lieber mit 
Linken prügelt, als die Mordtaten der 
Rechten zu verhindern. 

Doch zwei Stunden nach dem Ende 
der Demonstration machten sich 47 
Leute auf den Weg zu dem Fascho- 
lokal, das schon unter der Woche zwei- 
. mal angegriffen worden war. Trotz 
allem, was sich im Vorfeld ereignete, 
hielten sie es für angesagt, den abge¬ 
blasenen Angriff dennoch zu starten. 
Dabei sind sie den Bullen in die Falle 
gegangen. 22 Verhaftungen sind das 
jämmerliche Ergebnis der Dummheit, 
an einem solchen Tag unbedingt 
.militant“ agieren zu wollen. Die Initia¬ 
toren meinten, sie hätt en nic ht warten 
können, weil „wir so oft nicht soviele 
sind, um eine solche Aktion wagen zu 
können“. Auf die Vorhaltung, daß be¬ 
schlossen war, an diesem Tage derlei 
besser bleiben zu lassen, hörten wir 
nur: „Was geh'n uns die Beschlüsse 
von so ’nem Scheißpazifistenplenum 
an - wir machen das, was wir für 
richtig halten ". 

Darüber hinaus vermochten nun 
die Medien aber wieder vom Inhalt 
der Demo abzulenken und berichteten 
hauptsächlich über die gescheiterte 
Aktion: „Samstag mittag nach einer 
Demonstration linker Gruppen gegen 
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit: 
22 Personen nach Steinwürfen fest¬ 
genommen. Angriff auf ein Lokal 
rechter Szene verhindert - Gewahr¬ 
sam bis zum frühen Morgen“ (Stutt¬ 
garter Zeitung, 30.11.1992). 

Wir stellen dieses Beispiel deshalb 
an den Anfang, weil sich daran 
mehrere Probleme militanter linker 
Praxis kaleidoskopartig entfalten las¬ 
sen. Zunächst die Frage nach dem 
Interesse der Medien an ,den Auto¬ 
nomen“, dann die Frage nach der 
Problematik von Militanz und volun- 
taristischem Subjektivismus ange¬ 
sichts einer stärkerwerdenden rechten 
Jugendkultur sowie schließlich die 
Notwendigkeit, sich dazu praktisch 
wie inhaltlich zu verhalten. 


Die Autonomen - 
ein Medienclip? 

Obwohl keiNe AutonomeR zu sagen 
vermag, was ,die Autonomen“ sind, 
ist diese Spezies in den Medien sehr 
viel wahmehmbarergeblieben als jede 
andere linke Richtung. Warum? 
Haben sieein politisches Patentrezept 
gefunden, das sie nach 1989 dazu be¬ 
fähigte zu überleben? Waren es ihre 
politischen Inhalte oder sind sie 
deshalb, weil sie nicht nur Debattier¬ 
zirkel und Resolutionsmaschinerien 
darstellten, sondern immer auch 1 

jugendkulturelle Bedürfnisse befrie- ! 

digten,attraktivgeblieben?Zynischer- 
weise ließe sich antworten: Gerade 
weil ,die Autonomen“ inhaltlich am 
diffusesten von allen linken Grup¬ 
pierungen und Richtungen ausfielen, 
machte ihnen der Zusammenbruch der 
Gesellschaften sowjetischen Typs am 
wenigsten zu schaffen. 

Doch das Interesse der Medien an 
.den Autonomen“ hat sehr viel mehr 
mit der Verfaßtheit der Medien denn 
mit der realen politischen Bedeutung 
autonomer Politik zu tun. Bürgerliche 
Medien sind ereignisfixiert, der Fe- | 

tisch .Ereignis“ konstituiert ihr I 

Interesseanden autonomen Aktionen. 

Für die inhaltlichen Anliegen linker ! 
und autonomer Politik ist in diesen I 
Medien kein Platz, wohl aber für die I 
Formen militanter Folklore. 

Und mit .den Autonomen“ haben i 

sie eine politischeRichtunggefunden, I 

die sich selbst nur allzugern symbo- \ 

lisch-visuell konstruiert und stilisiert. ! 

Von dem jeweiligen Selbstverständnis ! 

profitieren beide. Für ,die Autono- i 

men“ läßt sich gar vermuten: Ohne j 

derartige Medien würden sie in dieser | 

Form nicht (mehr) existieren. Die I 

Attraktivität der Autonomen ist nicht j 

zuletzt das Ergebnis eines Medien- j 

diskurses, der sie zu jenen entschlos¬ 
senen mil itanten Kämpfern in schwarz 
stilisiert und die symbolische Reprä¬ 
sentanz mit Lederjacke, Stein und | 
Molli immer mehr und immer von 

neuem zum unhinterfragten Selbstbild j 

zahlreicher (männlicher) junger Akti¬ 
visten werden läßt. 

Wenn dieses medial konstruierte 
Fremdbild unverdrossen als Selbstbild 
gepflegt wird, besteht permanent die j 

Gefahr, daß Militanz immer mehr zu 
einem Inhalt gerät und immer weni¬ 
ger ein Mittel ist, das es von Fall zu 
Fall abzuwägen gilt. Als Erfolg auto¬ 
nomer Politik wird dann allzuoft die 
Durchsetzung der Form anstatt der 
Verbreitung zu vermittelnder Inhalte 
angesehen. 


5 








Typisch ist in diesem Zusammen¬ 
hang vielleicht auch die Tatsache, daß 
vielen Leuten während der Diskus¬ 
sionen zur Vorbereitung der bundes¬ 
weiten Aktionstage gegen Rassismus 
in den Medien zu ,Medienrandale“ 
nur die Assoziation .Randale gegen 
die Medien (finden wir gut)“ in den 
Kopf kam, nicht aber daß auch so 
etwas gemeint sein könnte wie ,die 
Medien randalieren“, oder gar 
.Randale für die Medien“. 

Streitpunkt in Bündnisverhand¬ 
lungen war und ist denn auch meist 
die Militanzfrage, die allzuoft zum 
wesentlichen Knackpunkt gerät bzw. 
stilisiert worden ist. Militanz wird mit 
Entschlossenheit gleichgesetzt, und 
wer nicht mitzieht, ist bestenfalls Pazi¬ 
fist oder schlimmer noch ein bür¬ 
gerlicher Reformist. Diese Militanz 
erwuchs im Laufe der 80er Jahre 
zusehends zu jenem Identitätsfokus, 
der dafür sorgte, daß häufig schon 
J allein das Werfen eines Pflastersteines 

für revolutionäre Politik gehalten wird. 
| Der politische Erfolg einer medialen 
Berichterstattung, die erst jene Aura 
von .Freiheit und Abenteuer“ ermög¬ 
licht, liegt nicht zuletzt darin, daß sie 
nicht nur im hegemonialen Medien¬ 
diskurs sondern vielfach auch in den 
i Köpfen der Akteure die Form von den 

i Inhalten abgetrennt hat. 

i 

! II 

Ambivalenz der 
Jugendkultur: 

„The Kids are not alright“ 

Nun war es in der Vergangenheit we¬ 
nigstens so, daß eine bestimmte Form 
(Militanz) einer bestimmten inhalt¬ 
lichen Orientierung (.Links“ - was 
auch immer das sein mochte) eindeutig 
zuordenbar war. Die Autonomen be¬ 
saßen immerhin eine Art von Aktions¬ 
monopol, auch wenn die (bürger-li- 
chen) Medien über deren Deutungs- 
l monopol verfügten. Inzwischen ist 
aber auch hier einiges in Bewegung 
geraten. Es gibtkeine Selbstverständ¬ 
lichkeit mehr, mit der sich rebellie¬ 
rende Jugendkultur als links, als .al¬ 
right“, bewerten läßt. Aktionen mit 
Steinen und Molotowcocktails sowie 
Auseinandersetzungen mit der be¬ 
waffneten Staatsgewaltzeichnen nun¬ 
mehr auch die rassistischen Progrome 
gegen Flüchüinge aus. Die Symbolik 
militanter Aktionen ist verwechselbar 
geworden (Vgl. D. Diederichsen), die 
Unterschiede zwischen .Autonomen“ 
und .Faschos“ sind von außen, im 


Medienbild, allzuhäufig nur noch an 
der Farbe der Schnürsenkel erkennbar. 
Die unangenehme Frage, welche Fol¬ 
gen sich aus der Existenz einer rechten 
Jugendkultur“ für ein in erster Linie 
subkulturelles Selbstverständnis der 
Autonomen mit seiner Tendenz zur 
Selbstmarginalisierung ergeben, wenn 
es vom Zentrum aus gesehen noch 
einen anderen .Rand“ derGesellschaft 
gibt, ist übrigens noch kaum diskutiert 
worden. 

Wir sehen momentan die Not¬ 
wendigkeit, daß das politische Projekt 
einer autonomen und radikalen Linken 
nicht mehr in erster Linie über eine 
bestimmte Form (.Militanz“) be¬ 
stimmt werden darf. Es geht nicht 
mehr an, daß jeder, der gerade lustig 
ist und irgendwo .bauchmäßig“ einen 
Stein werfen möchte, damit rechnen 
kann, von Freundinnen wie poli¬ 
tischen Gegnerinnen (insbesondere 
den bürgerlichen Medien) für einen 
Vertreter der Spezies der Autonomen 
gehalten zu werden. 

„Aber es gibt die inhaltliche Dif¬ 
ferenz“. Natürlich: es ist nicht das¬ 
selbe, wenn Wohlstandschauvinisten 
Pogrome gegen Flüchtlinge veran¬ 
stalten, diese verfolgen und ermor¬ 
den, und wenn Linke dagegen militant 
vorgehen. Aber: es wird zunehmend 
schwierig, diesen Unterschied ums 
Ganze auch nach außen zu vermitteln. 

Die bisherige Praxis erweist sich 
in dieser Frage als wenig hilfreich. 
Weder demonstrativ zur Schau ge¬ 
stellte Militanz noch dieanderen Sym¬ 
boliken autonomer Selbststilisierung 

tragen jedenfallsdazu bei,dieses Prob¬ 
lem zu lösen. Inhaltliche Differenzen 
lassen sich nicht über folkloristische 
Aspekte des eigenen Aussehens klar¬ 
machen. 

Besonders aufgefallen ist uns das 
in dem merkwürdigen .Internationa¬ 
listischen Block’ der Demonstration 
in Bonn am 14.November 1992 
anläßlich des SPD-Sonderparteitages 
zur Abschaffung des Asylrechtes. 
Wenn der einzige Inhalt einer Mani¬ 
festation darin besteht, wie gefährlich 
wir aussehen, dann brauchen wirkeine 
eigene Abschlußkundgebung. Bereits 
im Demozug mutierte die Folklore 
autonomer Trachten zum Ersatz für 
fehlende Inhalte. Nicht nur die Sprü¬ 
che waren daneben oder extrem ver¬ 
kürzend: „Hinter dem Faschismus 
steht das Kapital - Der Kampf um 
Befreiung ist international“ (Schön 
wär’s, wenn es ganz so einfach wäre) 
oder „Nie, nie, nie wieder Deutsch¬ 
land!“ Am Ende blieb im Demozug 


und auf der Rednerlnnentribüne nur 
noch die geheiligte „Internationale 
Solidarität“ übrig. Um sich gegen¬ 
seitig zu zeigen, daß’wir auch ganz 
schön viele sein können, mögen sol¬ 
che Veranstaltungen ab und an taugen. 
Sie sagen aber momentan dennoch 
mehr über unsere Schwäche als über 
unsere In terventionsmöglichkeiten 
aus. 

Um es klarzustellen: Autonome 
Formen politischer Praxis waren nie 
nur (aber immer auch) Medienclip. 
Die militante Infragestellung der herr¬ 
schenden Verhältnisse mußaber auch 
nach außen rüberkommen. Alles an¬ 
dere ist unpolitisch oder verkommt zu 
einem voluntaristischen Subjek¬ 
tivismus, der inhaltlich nur noch 
schwer von irgendwelchen Esoterik- 
zirkeln zu unterscheiden ist. Auto¬ 
nome Militanz droht dann zu einem 
weiteren belanglosen Spielchen im 
postmodemen Disneyland der Metro¬ 
polen zu verkommen. Welche Mög- j 
lichkeiten bestehen könnten zu ver¬ 
hindern, daß dies eintritt, soll im fol¬ 
genden thematisiert werden. Dazu ver¬ 
suchen wir zunächst, am Beispiel des 
Umgangs linker/autonomer Politik mit ; 
dem derzeit in der Bundesrepublik 
hegemonialen Rassismus einige der 
inhaltlichen Defizite aufzuarbeiten. 

III 

Defizite linker/autonomer 
Theorie und Praxis 

Eine wesentliche Ursache dafür, daß 
die Linke dem derzeit in der Bundes¬ 
republik hegemonialen Rassismus so 
wenig entgegenzusetzen hat, liegt aus 
unserer Sicht darin, daß sich linker j 
Antifaschismus bzw. Anti-Rassismus 
weitgehend auf die klassischen neo¬ 
nazistischen bzw. offen rassistischen 
Gruppierungen bezog und ausschließ- 


TRANVIA 

Revue der Iberischen Halbinsel 

Heft 30 (Herbst 92 ):Thema Wassert 
Umwelt: Trockenheit (Sevilla. Kap 
Verde); Aquädukte (Segovia, Lissabon); 
Feuchtgebiete (Donana); Wasserpolitik 
(Spanien); Wasserverschmutzung (Por¬ 
tugal; Mittelmeer); sanfter und unsanfter 
Tourismus; Ökologiebewegung in Portu¬ 
gal. - Literatur: Juan Marse, Älvaro Cun- 
queiro, Javier Tomeo. Film & Kunst in 
Spanien. Kulturaustausch mit Portugal 

68Selten (A4);für8/-* 1,50 Vk 
Tran via, Postach 3 QU 26, D-I072T Berlin 


6 





lieh auf diese reagierte. Dabei wurde 
der stillschweigende rassistische 
Grundkonsens im Zentrum der Gesell¬ 
schaft, der von den gesellschaftlichen 
Eliten (Bürgermeister-Mob, Medien, 
etc.) ständig produziert und repro¬ 
duziert wird, aus dem Blickfeld der 
Auseinandersetzung ausgeblendet. 


Foto: Moritz Milch/AFZ 

So haben heute nicht wenige Anti- 
faschistlnnen Schwierigkeiten, die 
neue Qualität von Morden wie in 
Mölln und Solingen zu begreifen. 
Immer noch suchen sie partout nach 
jenen streng durchhierarchisierten 
Faschogruppen, die ein fach hinter die¬ 
ser Mordbrennerei stecken müssen. 
Daß dieser Flächenbrand rassistischer 
Angriffe nur der extremste Ausdruck 
des gesellschaftlichen Alltagsrassis¬ 
mus sein könnte und sich nur dadurch 
bekämpfen läßt, daß derselbe in der 
politischen Auseinandersetzung zu¬ 
rückgedrängt wird, paßt natürlich nicht 

in eine Denkweise, die solche An¬ 
schläge hauptsächlich als gesteuertes 
und zentral vorbereitetes neo-fa¬ 
schistisches Agieren begreifen will. 

Wir behaupten: Diese verkürzte 
Sichtweise hat Methode und hängt 
eng mit dem oben skizzierten, ver¬ 
kürzten Militanzverständnis zusam¬ 
men. Um das autonome Militanz- 
konzept legitimieren zu können, 
bedarf es der Fixierung auf Faschi¬ 
sten 4 . Und Faschisten sind sie alle, 
gegen die man(n) militant vorgeht: 
die Skins, die Bullen, das KaDeWe... 
Gleichzeitig werden Rassismus und 
Faschismus in eins gesetzt: Man geht 
stellvertretend gegen die Faschos vor 
und meint, damit die herrschenden 
rassistischen Verhältnisse, die schlicht 
als faschistisch (v)erklärt werden, 
anzugreifen. Derlei macht freilich nur 


Sinn, wenn innere Widersprüch¬ 
lichkeiten dieser Verhältnisse konse¬ 
quent außer acht gelassen werden. 
„Hinter dem Faschismus steht das 
Kapital“ - und damit punktum. Daß 
die Sache so einfach nicht sein könnte 
(und wohl noch nie war), wird nicht in 
Betracht gezogen. Die linke und 


insbesondere ,autonome* Denkfaul¬ 
heit, die alles und jedes ständig auf 
den falschen Faschismusbegriff 
bringt, wirkt sich in der gegenwärtigen 
Situation in mehrfacher Hinsicht ver¬ 
heerend aus. Eine Denkhaltung, die 
Angriffe auf die herrschenden V erhält- 
nisse offensichtlich nur aus deren 
angeblich faschistischem Charakter 
heraus begründen kann, trägt para¬ 
doxerweise gerade zur Stärkung und 
Legitimation dieser Verhältisse bei. 
Indem wir ihnen etwas vorwerfen, 
was gegenwärtig gar nicht auf der 
Tagesordnung steht, vertreten wir eine 
diskursiv nicht mehr vermittelbare 
Position. Eine solche Kriük bewirkt 
praktisch eine Verharmlosung der 
,Normalität* der kapitalistisch-im¬ 
perialistischen Gesellschaftsverfas¬ 
sung. In ihrer Fixierung auf Fascho- 
strukturen vollzieht die autonome 
Linke genau jene Einschränkung des 
Blicks auf den Rand der Gesellschaft, 
mit der sie letztlich in einer Reihe mit 
den Lichterkettendemonstranten steht. 
Auch wenn die Begründungen und 
die Mittel der Auseinandersetzung 
noch so unterschiedlich sein mögen: 
Letzten Endes unterstützt eine solche 
Fixierung den herrschenden Diskurs 
in seiner Tendenz, Rassismus aus dem 
Zentrum der Gesellschaft heraus- und 
zum Randgruppenproblem umzu¬ 
definieren, anstatt dazu beizutragen, 
den Rassismus im Zentrum der Gesell¬ 


schaft zu thematisieren. Zwar ist klar, 
daß den Faschos nicht freie Hand ge¬ 
lassen werden darf. Solange aber der 
rassistische .Grundkonsens in der 
Gesellschaft nicht zurückgedrängt 
wird, werden wir die Auseinander¬ 
setzung auf der Straße nicht gewinnen 
können. 

Dazu kommt ein Problem auf der 
Ebene militanter Intervention. Es ist 
einfacher, eine Kneipe der Nazis anzu¬ 
greifen, als eine politische Praxis ge¬ 
gen die Produktion rassistischer Dis¬ 
kurse zu finden. Die eingespielten 
militanten Aktionsformen greifen in 
diesem Bereich nicht und der typisch 
militante Blick auf die Gesellschaft 
trägt auch nicht viel dazu bei, eine 
andere und wirkungsvolle Praxis¬ 
formen zu entwickeln. 

Diese Schwierigkeiten verweisen 
auf ein Grundproblem: Ausgangs¬ 
punkt politischer Praxis war und ist 
bisher häufig eine Denkhaltung, die 
die bürgerliche Gesellschaft im Grun¬ 
de als monolithischen und wider¬ 
spruchsfreien Block auffaßt. Eine 
solche Analyse läßt letztlich nur die 
Alternative »Alles oder Nichts*. Auf 
der Ebene der Aktionen mündet eine 
solche Einstellung allenfalls in eine 
subjektivistische,Angriffs‘-Haltung, 
auf der Ebene der Aktionsinhalte bleibt 
oft genug nur die gebetsmühlenhafte 
Beschwörung »gegen Rassismus, 
Sexismus, Faschismus».... * 

Dabei ergibt sich ein fatales Di¬ 
lemma. Einerseits führt die »Über¬ 
mächtigkeit* des Gegners dazu, daß 
die eigenen Aktionsformen notwen¬ 
digerweise symbolischen Charakter 
haben. Die Wirksamkeit einersolchen 
Aktion bem ißt sich wesentlich an dem 
Echo» das sie im bürgerlich-medialen 
Umfeld auslöst. Zugleich aber besteht 
keinerlei Verantwortung für die Art 
und Weise, in der sich diese Aktionen 
im medialen und gesellschaftlichen 
Diskurs auswirken. Die - als einheit¬ 
licher Block gedachte - bürgerliche 
Presse schreibt ja ohnehin, was sie 
will bzw. was den Interessen der herr¬ 
schenden* oder »des Kapitals* dient 
Es ist also sinnlos, sich in dieser Be¬ 
ziehung irgendwelche Gedanken zu 
machen. Insbesondere angesichts des 
derzeitigen medialen ,rinks gleich 
lechts gleich Gewalt‘-Diskurses hat 
eine solche Einstellung problema¬ 
tische Konsequenzen. 




7 




















1 


i 


I 


IV 

Was (nicht) tun? 

Zur Erlangung von Hegemonie¬ 
fähigkett muß sich linkes Agieren in 
der gegenwärtigen Situation mehr 
denn je bewußt sein, daß seine Inter¬ 
ventionen durch den medialen Diskurs 
transformiert und gefiltert werden. Es 
stellt sich also dieFrage, wie die Linke 
mit dem medialen Diskurs über die 
Linke umgeht - nicht aufgrund auti¬ 
stischer Selbstbezogenheit, sondern 
wegen der Tatsache, daß sich sonst 
nur schwer gesellschaftliche Wirk¬ 
samkeit entfalten läßt. Dabei gilt es, 
sich der Tatsache bewußt zu sein, daß 
es in bürgerlichen Medien bestenfalls 
ausnahmsweise Platz für linke Inhalte 
gibt, dafür aber mannigfache Ver¬ 
suche, linke Aktionen von ihren In¬ 
halten zu trennen und zu entpoli¬ 
tisieren. 

Ein Beispiel hierfür ist die Gleich¬ 
setzung ,rinks gleich lechts gleich 
Gewalt*. Auf diese Weise erfolgt im 
gesellschaftlichen Diskurs die Kurz¬ 
schließung von Rassismus und mili¬ 
tantem Antirassismus. Überhaupt be¬ 
steht ja derzeit eine Tendenz, die Dis¬ 
kussion gesellschaftlicher Wider¬ 
sprüche durch die Fixierung auf das 
Scheinproblem .Gewalt* zu ver¬ 
drängen. Am Ende darf dann der 
.Jugendexperte* Heitmeyer lamen¬ 
tieren, die Auflösung der Familien¬ 
bindungen, also daß sich die Mütter 
nicht genügend um ihre Kinder küm¬ 
mern, sei für den gegenwärtigen Ras¬ 
sismus verantwortlich. 

Für die Linke besteht nun natürlich 
das Problem, daß sie von den ereignis¬ 
fixierten Medien nur während der Ran¬ 
dale wahrgenommen wird. Das hat in 
Teilen der Linken in der Vergangen¬ 
heit dazu geführt, daß sie sich, wie 
oben gezeigt, durchaus immanent in 
diesen Diskurs über die Linke ein¬ 
fügten. Einerseits wurde der Erfolg 
einer Aktion an der Quantität des 
Medienechos gemessen, zugleich 
erklärte sich niemand für dessen Qua¬ 
lität für zuständig. Die Linke hat es 
den Medien dadurch bisher in der 
Regel einigermaßen leicht gemacht, 
die Inhalte ihrer Aktionen unter den 
Tisch fallen zu lassen. Demgegenüber 
wäre es an derzeit, sich der Funktions¬ 
weise der Medien zu entziehen, also 
gerade nicht das zu machen, was sie 
von einem erwarten, ohne dabei in 
Üntätigkeitzu verfallen oderauf Spek¬ 
takel zu verzichten. Es geht darum, 
eine sichtbare Diskrepanz zwischen 
der durch die medialen Diskurse und 


der durch die eigenen Aktionen 
geschaffenen Realität zu erzeugen. 

Das bedeutet zugleich, daß bei allen 
Aktionen vorab ins Auge gefaßt wer¬ 
den muß, wo wir selbst im medialen 
Diskurs positioniert sind und in wel¬ 
ches Diskursfeld da eigentlich inter¬ 
veniert wird. Wir müssen häufiger als 
bisher zur Kenntnis nehmen, daß sich 
die gesellschaftlichen und politischen 
Rahmenbedingungen mitunter ver¬ 
ändern. Beispiel: Wenn vor zwanzig 
Jahren das Abfackeln eines Kauf¬ 
hauses zweifelsohne auf im Sinne der 
Linken .gesicherten* symbolischen 
Terrain vonstatten ging, so ist vor 
dem Hintergrund von .Solingen*, 

,Mölln* und .Rostock* keineswegs 
mehr eindeutig, ob bei einem ähn¬ 
lichen Vorgehen heutzutage mit .bren¬ 
nenden Häusern* nicht ganz andere 
als die gewünschten Assoziationen 
verknüpft sind. Eine linke Praxis, die 
derlei vermeiden will, ist mit der Not¬ 
wendigkeitkonfrontiert, mit den Sym¬ 
bolen, welche bei einer Aktion ver¬ 
wendet werden und milden Diskursen, 
in denen interveniert wird, sorgfältig 
umzugehen. 

Dabei ist es nutzbringend, sich vor 
Augen zu halten, daß die medialen 
Diskurse keinesfalls einheitlich sind, 
sondern innere Widersprüche auf¬ 
weisen. Diese sind nicht zufällig, son¬ 
dern Ausdruck gesellschaftlicher 
Widersprüche. UndgeradedasNeben- 
einander unterschiedl icher und wider- 
sprüchlicher Diskurse ist es, das 
mögliche Ansatzpunkte für Inter¬ 
ventionen von linker Seite bietet. 

Hierbei ist zu berücksichtigen, daß 
Alltagsdiskurse gegen Tatsachen weit¬ 
gehend resistent sind. Von daher ist 
die Wirksamkeit klassisch .aufkläre¬ 
rischen* Agierens von vomeherein 
beschränkt. Stattdessen erscheint es 
erfolgversprechender, zu versuchen, 
die HERRschenden (Medien)diskurse 
mit .medialen* Mitteln gegen den 
Strich zu bürsten. Es gehtdarum,durch 
Schaffung von Dissonanzen auf sym¬ 
bolisch-repräsentativer Ebene reale 
gesellschaftliche Widersprüche offen¬ 
siv zu thematisieren und sichtbar zu 
machen. Bei diesem Unternehmen 
können die bürgerlichen Medien auf¬ 
grund der genannten Widersprüche 
auch in ihren Diskursen durchaus als 
Vehikel dienen. Ein gelungenes Bei¬ 
spiel ist in dieser Hinsicht das auto¬ 
nome Auftreten in Mölln, als der 
.Schwarze Block* sich zwischen 
türkische und kurdische Gruppierun¬ 
gen stellte undauf diese Weise gewalt¬ 
tätige Auseinandersetzungen während 
der Protestkundgebungen unterband. 



Die Medien nahmen dieses Verhalten 
verwundert zur Kenntnis. 

Eine Möglichkeit wäre, den der- j 
zeitigen Diskurs, mit dem alles und 
jedes innergesellschaftliche Problem 
auf die Scheinfrage der .Gewalt* redu¬ 
ziert wird, als Ausgangspunkt einer 
autonomen ,Keine-Gewalt‘-Aktion zu 
nehmen. Dabei könnten mehrere 
Fliegen mit einer Klappe geschlagen 
werden: Ausgehend von dem hege- 
monialen bürgerlichen Diskurs, wie 
unzureichend Gewalt gesellschaft¬ 
liche Probleme lösen kann, wäre es 
immerhin einen Versuch wert, den¬ 
selben in Form seiner Argumenla- 
tionsfiguren aufzunehmen und nun 
von unserer Seite um die fehlenden 
Dimensionen zu erweitern: Das staat¬ 
liche .Gewaltmonopol* nach innen 
und nach außen, die strukturelle Ge¬ 
walt der Gesetze und der Staats¬ 
bürgerschaft (Abschiebungen). Ein 
Nebeneffekt wäre zugleich, den grü¬ 
nen (gewaltfreien) Liebhabern der 
.freundlichen Zivilgesellschaft* eine | 
Breitseite zu verpassen (wenn wir 1 
dabei den wendigen Fritze Kuhn nicht 
erwischen, trifft es allemal denRezzo 
Schlauch). 

Bei entsprechenden Aktionen kann 
versucht werden, Symbole des herr¬ 
schenden Diskurses, beispielsweise 
mit Methoden der Spaßguerilla, neu 
zu montieren, zu verfremden und zu 
denunzieren. Ziel ist es dabei nicht in 
erster Linie, ein .gutes* Presseechozu 
erzielen (das ist wohl nur noch mit 
Lichterketten möglich), sondern viel- ' 
mehr, die herrschenden Mediendis¬ 
kurse zu verunsichern. Gleichzeitig 



Themen: 

- Politik und Medien 

- Nationalismus und Rassismus 

- Organisierte Rechte' 

- Flucht und Asyl 

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Verband saarländischer Jugend' 
Zentren in Selbstverwaltung (VSJS) 
Mainzerstr. 35, 6600 Saarbrücken (»® ue 
PLZ 60111), Tel. 0681/635359) U~ 


8 




erscheint es uns angesichts der Tat¬ 
sache, daß bürgerliche Medien eben 
nicht nur lügen (können), nicht un¬ 
möglich, durch phantasievollen und 
spielerischen Umgang mit verschie¬ 
denen Aktionsformen doch noch 
Inhalte rüberzubringen. 

Möglichkeiten und Grenzen 
solcher Aktionen hat eine Demon¬ 
stration gegen Ex-Bundesinnenmi¬ 
nister Rudolf Seiters am 7. Juni 1993 
bei einer CDU-Veranstaltung in Mar¬ 
bach a.N. anschaulich vor Augen 
geführt. Zum einen wurde deutlich, 
daß die großen Zeitungen, Rundfunk 
und Fernsehen der Region nicht 
(Stuttgarter Nachrichten) oder nur auf 
Nachrichtenbasis (Stuttgarter Zei¬ 
tung) berichten, wenn »nichts abgeht*, 
sprich wenn keine Randale stattfindet. 
Einige Journalistinnen waren regel¬ 
recht enttäuscht, daß wir dort nicht 
jenes Spektakel abgeliefert haben, 
weswegen einigeoffenbarnur gekom¬ 
men waren („Die picknicken doch 
nur“ oder „Des war aber nix“ lauteten 
die informellen Kommentare). 

Nachdem die Demo zwar friedl ich, 
aber zugleich auch phantasievoll ver¬ 
lief, zeigte sich auch, daß den bürger¬ 
lichen Medienmacherinnen unterUm- 
ständen kein Mittel zu blöd ist, um 
doch noch ihren diskursiven Stiefel 
zusammenzuschreiben. So sahen die 
kleineren lokalen Zeitungen, für die 
eine Kundgebung mit 500 Demon- 
strantlnnen und einem kleinen 
»Schwarzen Block* in jedem Fall ein 
Ereignis darstellte, ihre Hauptaufgabe 
darin, das martialische Polizeiauf¬ 
gebot (Drei sichtbare Hundertschaften 
von »Drisch und Drauf Göppingen 
und das ganze Arsenal staatlichen 
Gewaltpotentials etc.) trotz allem zu 
legitimieren. Da militante Angriffe 
ausblieben, versuchten sie zuletzt noch 
die Sprechchöre gegen die Brandstifter 
auf der Regierungsbank und in der 
CDU zu »Gewaltparolen* umzulügen. 

Einem Teil des Demonstrations¬ 
zuges gelang, es in die Stadthalle, in 
] der Seiters reden sollte, zu gelangen. 
Auch dort unternahmen wir nicht das, 
was alle von uns erwarteten. Es wurde 
versucht, jede gewalttätige Auseinan¬ 
dersetzung mit der CDU oder den 
Bullen zu vermeiden. Statldessen ge¬ 
lang es, zusammen mit den CDUlem 
ihre eigene Veranstaltung zu chao- 
tisieren. Das fing mit Zugabe-Rufen 
für die zuvor aufspielende Stadt¬ 
kapelle an und wurde über »Rudi- 
Rudi‘-Rufe und begeisterten Beifall 
beim Erscheinen von Seiters fortge¬ 
setzt. Es waren eben nicht die politi¬ 


schen Schlachtrufe, die Seiters 20 
Minuten am Reden hinderten (und die 
auch für die CDU-Heinis wenig Sinn 
gemacht hätten), sondern jene ins¬ 
zenierte Begeisterung, die schließlich 
die CDU-Ordner Stühle werfen ließ 
und sie soweit provozierte, daß sie 
uns am Ende in die Gaskammer 
schicken wollten. Den Tumult be¬ 
sorgte schließlich die andere Seite, 
und das ärgerte sie am allermeisten. 
Es war eine der Übermacht der Bullen 
geschuldete, angepaßte Form des Pro¬ 
tests, die gegen das Zentrum der Ge¬ 
sellschaft intervenierte. Dies halten 
wir für intelligenter, als uns mit ver¬ 
mummten Gesichtern eine Abfuhr 
nach der anderen zu holen. 

Milli tanzt aus der Reihe: 
Weiter, Weiter, 
Weiterstadt! 


Die Frage künftiger militanter 
Aktionsformen sollte vor allem unter 
diesem Blickwinkel betrachtet wer¬ 
den. Militanz ist ein Mittel und kein 
Zweck. Auch wennes hier nicht darum 
geht, der Militanz generell ihre Be¬ 
rechtigung abzusprechen: Sie sollte, 
sich inhaltlich begründen lassen und 
nicht ausschließlich gefühlsmäßig 
motiviert sein. Erst dann wird Militanz 
politisch. Militante Aktionsformen 
können angesichts von rassistischem 
Terror in der gegenwärtigen Situation 
nur in zweierlei Kontext Sinn machen: 

Zum einen bleibt oftmals gar keine 
andere Wahl, als sich mit Biegen und 
Brechen gegen die rechtsextremi¬ 
stischen bzw. neonazistischen An¬ 
griffe zu wehren. Es stellt sich dabei 
das Problem, daß wir in der Regel 
nicht das Diskursfeld und die Form 
der Auseinandersetzung besümmen. 


Angesichts der Brutalisierung der 
faschistischen Angriffe bleibt es not¬ 
wendig, darauf entsprechend rea¬ 
gieren zu können. Aber selbst in einem 
solchen Fall sollten Aktionen in einer 
Art und Weise vorbereitet und durch¬ 
geführt werden, daß sie nach außen 
vermittelbar bleiben, und es gilt tun- j 
liehst zu vermeiden, von unserer Seite 
einer Militarisierung Vorschub zu lei- | 

sten. Wir können die Auseinan- j 
dersetzung mit den Faschos nicht auf ; 

militärischer Ebene gewinnen. I 

Zum anderen bieten unter Um¬ 
ständen gerade militante Aktionsfor- * j 
men angesichts der Ereignisfixierung 
bürgerlicher Medien die Möglichkeit, 
in effizienter Weise in gesellschaftli¬ 
che Diskurse einzugreifen. Allerdings 
muß diese Zielrichtung dann auch von 
vomeherein klar sein. Solche Aktio¬ 
nen sind symbolische Mittel der ideo¬ 
logischen Auseinandersetzung und 


nicht mehr. Militantes Vorgehen muß 
mehr als bisher so organisiert werden, 
daß es sich nicht ohne Brüche in die 
herrschenden Diskurse einordnen 
lassen. 

Ein Beispiel dafür, wie sich mediale 
Diskurse instrumentalisieren lassen, 
wenn die eigene Positionierung darin 
berücksichtigt wird, hat die jüngste 
R AF-Intervention geliefert. Dabei war 
es durch die Wahl des Objektes der 
Aktion möglich, das Ziel eines politi¬ 
schen Kampfes symbolisch zu ver¬ 
deutlichen. Darüber hinaus wurde aber 
infolge der de-eskalierenden Durch¬ 
führung der Aktion der Mediendiskurs 
instrumentalisiert. Zum einen mußten 
BKA und BND öffentlich zugeben, 
daß es der RAF auf diese Weise ge¬ 
lungen ist, den Unterschied zwischen 
ihrem Vorgehen und dem rechten Ter¬ 
ror zu untermauern. Dieser war zu 



9 


Foto: Moritz Milch/AFZ 











offensichtlich, als daß er von jenem 
Pawlowsehen Medienreflex übertönt 
werden konnte, der bei jeder Aktion, 
die unter dem Label ,RAF‘ erscheint, 
Zeter und Mordio schreit, der die 
bundesdeutsche politische Klasse uni¬ 
sono an die Mikrophone der öffent¬ 
lich-rechtlichen Rundfunk- und Fem- 
sehanstalten treten und beschwören 
läßt, wie gefährlich und schlimm 
(Bundesinnenminister R. Seiters da¬ 
mals: wieviel gefährlicher und schlim- 
meralsderrechteTerrorjdieser Links¬ 
terrorismus doch ist. 


T°Shrts / flufnäher 
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Prospekt gegen Rückporto bei: 


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Zirkular der Gruppe K. erscheint alle 2*3 Monate mit Texten und Analysen zu 
Deutschland und der marxistischen Diskussion. Antinational, antikapitalistisch, 
marxistisch. 


soeben erschienen: Nr. 11 

Kapitalismus und Imperialismus in der One World 
Weltmarkt-Zusammenbruch — Wirtschaftskrise — Interventionismus 

Kommunismus oder Bartarei — historischer Ausklang des Spätkapi¬ 
talismus? — Wirtschaftskrise und Scharlatanerie: Kritik an Robert 
Kurz — Somalia: Endlich sind wir wieder im Krieg — Jugoslawien: 
Avantgardefunktion für die deutsche Weftmachtrolle — Diskussion: 
Unke, Realpolitik und Intervention. 

Außerdem: Kontroverse um Christoph Törcke: Rassismus und Kriti¬ 
sche Theorie — Diskussion um die Totalitarismus-Theorie — 
Deutschtum in Polen. 

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Dabei haben sie sich diesmal 
gründlich in die eigene Suppe ge¬ 
spuckt. Nun mußten sie plötzlich 
entdecken, wie unzumutbar und in¬ 
human ihr »Strafvollzug* doch ist. 
Darüber hinaus ließ Seiters nicht 
wenige Bürgerlich-Liberale merken, 
wie in dieser Gesellschaft die Wertig¬ 
keiten verteilt sind: Wenn ein zig- 
millionenteurer Knast ramponiert 
wird, ist das allemal viel schlimmer 
als wenn Dutzende Flüchtlinge, Men¬ 
schen mit fremdem Paß und Obdach¬ 
lose in dieser Republik totgeschlagen 
werden. DieRAFhatöen Maßstab für 
künftige militante Aktionen neu be¬ 
stimmt. Durch intelligenten Umgang 
mit medialen Plazierungen bietet sich 
für jedeNdieMöglichkeit, den Medien 
zumindest einen diskursiven Schluck¬ 
auf zu bereiten. 

Die von uns entwickelten Über¬ 
legungen und Vorschläge haben einen 
Abschied vom Mythos »Militanz* zur 
Voraussetzung. Danach führen wir 
zwar nicht mehr so häufig direkte 
Angriffe auf das System aus, aller¬ 
dings erhalten wir die Chance, mit 
größerer Intensität an seinen ideo¬ 
logischen Grundlagen zu sägen. Und 
das ist immerhin die Voraussetzung 
für jegliche Umwälzung der Ver¬ 
hältnisse. Denn die »Kritik der Waffen* 
verkommt ohnedie, Waffe der Kritik* 
in der Regel zum Rohrkrepierer. 

Zum Schluß noch einige Literatur¬ 
hinweise, die unsere Überlegungen 
beflügelten: 


autonome Lu.p.u.s.-gruppe rheinfmain: 
DO IT SCH-Stunde. In: Schwarzer 
Faden Nr38,: später in: Projekt¬ 
gruppe Metropolen (Gedanken) und 
Revolution (Hg.): Texte zur Patriar¬ 
chatsRassismus- und Interna- \ 

tionalismusdiskussion. Berlin 1991 
(Edition ID-Archiv) 

Diedrich Diederichsen: The kids are not 
alright. Abschied von der Jugend - 
kultur. In: SPEXNr. 11/1992. 

Geronimo: Feuer und Flamme . Zur Ge¬ 
schichte und Gegenwart der Auto¬ 
nomen. Berlin 1990 (Edition ID- 
Archiv ). i 

Geronimo u.a.: Feuer und Flamme 

2.Kritiken, Reflexionen und An¬ 
merkungen zur Lage der Autonomen, 
Berlin 1992 (Edition ID-Archiv). 

Stuart Hall: Die Konstruktionvon, Rasse' ! 
in den Medien. In: Hall, Stuart: A us- 
gewählte Schriften. Ideologie, Kul¬ 
tur, Medien, Neue Rechte, Hamburg 
1989 (Argument-Verlag). 

Klaus Schönberger/Claus Köstler: 
Mystifikation des DO IT SCH-Seins. | 

Vom geringen Nutzen der Historie 
für die Erklärung und Bekämpfung 
des gegenwärtigen Rassismus und 
Nationalismus. In: Autonomes Zen¬ 
trum Marbach (Hg.): Zur Kritik von 
Nationalismus, Nation, (National¬ 
staat und nationaler Identität, 
Tübingen 1993 (Verlag Martin 
Jung). ; 


ZEITUNGSPROJEKT ANT IRASSISTISCHER UND ANTIFASCHISTISCHER GRUPPEN 

Nr. 6 ist gerade erschienen 
, __ . „ Themen 

Gleiche Rechte für allei 



—(Rassistische 
und feschistische Gewalt und 
Diskriminierungen,. Gruppen, 
Organisationen und Parteien 
■Analysen und Einschätzungen 
^-"^■Widerstand gegen rassisti¬ 
sche und faschistische Gewalt 

und antifaschistische Aktionen 

iHandlungsmöglichkeiten 


über u.a.m. 


Hintergründe zur 
bundesweiten Lagerkampagne 
Ein Programm für EuropaMtfB 
Antidiskriminierungsstrategiepl 


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10 






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Nicht wie das Kaninchen vor der 

Schlange! 

Nachdenkliches zum linken Antifaschismus 

von Wolfgang Haug 


Nichtendenwollende Anschläge zer¬ 
störten die öffentliche Mär vom psy¬ 
chisch unter Druck stehenden Einzel¬ 
täler. Doch so wenig wie die hilflos 
agierenden Demokraten es schafften, 
dieUrsachen fürGewaltundFremden- 
haß in den Grundlagen zu suchen, auf 
denen sie selbst stehen, so wenig schaff¬ 
ten es die linken Antifaschisten die 
(aufstrebenden) rechten Zirkel und die 
gesellschaftliche Tendenz zur Ge-walt 
gegen “Andere” voneinander zu tren¬ 
nen. Mit ein Grund für diese Schwie¬ 
rigkeit liegt in der zweifellos vor¬ 


handenen breiten gesellschaftlichen 
Verankerung von Vorurteilen gegen 
Migrantlnnen oder “Fremde”, die den 
Schluß nahezulegen scheint, daß hier 
das organisierte faschistische Poten¬ 
tial zu wüten begonnen hat. 

Das Gros der Linken reagierte gera¬ 
deso als stände mensch bereits kurz 
vor einer neuen Machtergreifung der 
Ultrarechten. Dabei verlieren wir leicht 
den Blick für den schleichenden, neo¬ 
konservativen Rechtsruck, der diese 
kapitalistische Gesellschaft nach wie 
vor fest im Griff hat und der es erlaubt, 


eine Figur wie Heitmann als Bundes¬ 
präsidentenkandidat zu präsentieren. 
Was mit der "geistig moralischen 
Wende” ideologisch vorbereitet wurde, ! 
wird heute von den Regierungskreisen I 
um Kohl, Schäuble u. Co. bereits in \ 
Regierungsverlautbarungen oder 
Gesetzesvorlagen zur herrschenden I 

Politik gemacht, während parallel dazu i 

neokonservative und neurechte Ideo- j 

logieschmieden bereits am zukünf- | 

tigern Wertewandel arbeiten. Geht es 
nach den herrschenden Eliten, dann 
soll dies in einer formierten Gesell¬ 
schaft enden, die eine demokratische 
Legitimation immer weniger nötig hat 
und sie zuletzt ausschaltcn. wird. j 

Ein Teil der Linken beginnt sich mit ! 
dieser gesellschaftlichen Realität, die I 

zudem "den Gang der (Wirtschafts-) ! 

Geschichte auf ihrer Seite hat, mittels | 

der Medienkritik und den Analysen I 

zum Rassismus zu beschäftigen. Die 
linken Antifaschisten haben jedoch 
nach wie vor zu sehr die faschistischen j 

Kleingruppen oderdieREPs im Visier, j 

Richtig war an der Reaktion der ; 
Linken zu Anfang, daß sie die men- j 
schenverachtenden Anschläge über- j 
haupt in einen politischen Zusam¬ 
menhang mit rechtsradikalem Ge¬ 
dankengut brachte und damit der 


Photo: Hacky Hagemeyer/Transpaincnt 


































gesellschaftlich verordneten Ver¬ 
harmlosung entgegen wirkte. Es istaber 
zweierlei (und für die eigene Be¬ 
findlichkeit nicht gerade förderlich), 
rechtsradikales Gedankengut öffent¬ 
lich lautstark zu denunzieren und an¬ 
schließend selbst an einen geschickt 
durchorganisierten Gegner zu glauben 
anstatt sich die Phänomene genau an¬ 
zusehen. Die Parallelen und Befürch¬ 
tungen (mensch warnte zeitweilig vor 
einem 4.Reich, vor einem faschi¬ 
stischen Netz und neuerdings bereits 
von einem “ökofaschistschen Netz”) 
wurden derart gesteigert, daß der rechte 
Block geradezu übermächtigerscheint. 
Ja, die Uneinigkeit der Rechten, die 
ihnen jüngst den Einzug in den Ham¬ 
burger Senat vermasselt hat, geriet bei 
der Mehrheit der Linken bislang zur 
“besonders geschickt agierenden 
rechten Pluralität” - frei nach Blücher: 
»getrennt marschieren, vereint 
schlagen.« 

Übersehen wird hier, daß lediglich 
ein linkes Charakteristikum, - nämlich 
die Pluralität verschiedenster Ansätze, 
die als eigene Stärke gegen Repression 
begriffen worden ist, - vorbehaltlos 
auf die Rechte übertragen wird. 
Beschäftigt sich mensch aber m it rech¬ 
ter Geschichte, so läßt sich zumindest 
eines ganz sicher sagen: Pluralität hat 
noch nie zu deren Stärke gehört und 
wurde auch von ihnen selbst immer als 
Schwäche begriffen. Ansätze dazu 
wurden eher durch ein Blutbad inner¬ 
halb der Rechten “gelöst” als durch 
Kooperationsverträge. - Wie anders 
sollte ein Konzept, das keine Indivi¬ 
dualität gelten läßt, sondern von 
strammen Gefolgschaften eigene 
Stärke erträumt, auch sonst funktio¬ 
nieren? Der Konkurrent wird späte¬ 
stens dann ausgeschaltet, sobald der 
gemeinsame politische Feind besiegt 
ist. (Was natürlich kein Trost für uns 
sein kann.) 

Anstatt die alten bewährten linken 
Vorgehensmuster gegen das herr¬ 
schende System zum Zug kommen zu 
lassen, nämlich Wert auf Wider¬ 
sprüche zu legen, nach Brüchen zu 
suchen oder bestehendeUneinigkeiten 
der Rechten auszunutzen oder zu ver¬ 
tiefen, wurden immer nur die (sicher¬ 
lich auch vorhandenen) Querverbin¬ 
dungen gesucht und über Personen 
natürlich gefunden. Daß dies zumeist 
anhand von Namen festgemacht wird 
und dabei die Analyse der verschie¬ 
denen Positionen hinten runterkippt, 
erklärt die derzeitige Ineffektivität 
linker Rechtsradikalismusdiskussion. 
All das hat zudem noch den fatalen 
Beigeschmack, daß viele Linke nach 
dem Zusammenbruch des Realsozia¬ 


lismus und der scheinbaren Unangreif¬ 
barkeit des Kapitalismus einen mäch¬ 
tigen, aber direkter erlebbaren “Feind” 
zur eigenen Identitätsfindung benö¬ 
tigen. 

Die linken Deutschen scheinen 
begabt darin, sich selbst aufzugeben. 
Die meisten von denen, die heute so 
umstandslos die rechte Weltver¬ 
schwörung mystifizieren, haben sich 
vor nicht allzu langer Zeit noch selbst 
gefragt, wie es möglich war, daß die 
ehemals best organisierte Arbeiterbe¬ 
wegung der Welt 1933 so kläglich 
wenig Widerstand leistete und ver¬ 
sagte. Es ist die alte »Lust am Kaputt¬ 
sein«, die den Linken seit den 70em 
anhaftet. Die jeweils gerade herr¬ 
schenden Zustände wurden in der 
“Analyse” immer schon viel schlim¬ 
mer, viel faschistoider gesehen als die 
Realität dies nahelegte. Und wenn dann 
eine tatsächliche neue repressive 
Qualität auftauchte (“Deutscher 
Herbst” etwa), führte dies in schönster 
Regelmäßigkeit zum massenhaften 
Rückzug ins Private, zum Ausweichen 
auf Kulturarbeit oder zur reforme- 
rischen Neubesinnung. Es ist ver¬ 
dammt schwer, seinen Dissens mit 
dieser Gesellschaft tagtäglich auszu¬ 
halten, also erklärt mensch analytisch 
die Gefahr für größer als sie ist und 
gewinnt dadurch anscheinend ge¬ 
rechtfertigte Auswege, die noch kurz 
zuvor rigoros abgelehnt wurden. 

Von den anderen, die diesen Weg 
der Abschwörung nicht mitgehen, ver¬ 
rennen sich wiederum zuviele auf¬ 
grund der gleichen Übertreibungen in 
einen Straßenkampfala Weimar-was 
sie dabei übersehen ist, daß die 
Mehrheit, z.B. der Skins, über eine 
derart dürftige ideologische Grund¬ 
haltung verfügen, daß erst diese 
Straßenkampf-Konfrontation, dem 
Skin viel von seinem “rechten” Welt¬ 
bild vermittelt. Eine solche Aussage 
kann natürlich nicht verallgemeinert 
werden, speziell im Osten ist die Situ¬ 
ation eine andere, speziell dort zwingen 
die täglichen ÜberfälleRechtsradikaler 
auf linke Projekte und Treffs zur 
tätlichen Auseinandersetzung und 
Wachsamkeit. 

Die Skins und andere rechte Gangs 
sollen in ihrer Gefährlichkeit und ihrer 
Gewaltbereitschaft hier keineswegs 
verharmlost werden, der Autor hat 
diesbezüglich seine eigenen (schmerz¬ 
haften) Erfahrungen mit ihren Stiefeln 
machen müssen -es soll vielmehr der 
Frage nachgegangen werden, woher 
diese blindwütige Gewaltbereitschaft 
undBrutalitätkommt?Undobdie Täter 
tatsächlich dem neofaschistischen 
Muster entsprechen, das wir erwarten 
12 


- also z.B. die Ausschaltung der Indi¬ 
viduen zugunsten ihrer Einbindung in 
ein übergeordnetes Ganzes? 

Die Beantwortung dieser Frage soll 
zeigen, daß der bürgerliche “Anti¬ 
faschismus” der Demokraten sinnlos 
ist, solange er sich um die eigentlichen, 
kapitalistischen 'Entstehungsbedin¬ 
gungen dieser neuen menschenver¬ 
achtenden Gewaltbereitschaft herum¬ 
mogelt, und daß die Rechtsradikalen, 
daß der “Faschismus”, nur die Rolle 
des Trittbrettfahrers spielen, die neue 
Gewaltbereitschaft aber große Unter¬ 
schiede zu faschistischer Gewalt auf¬ 
weist! 

Zunächst zu den Tätern: Nur wenige 
der Brandstifter und wirklichen bzw. 
potentiellen Mörder haben augen¬ 
scheinlich tiefe organisatorische j 
Bindung an das rechtsradikale Lager¬ 
und das ist keine bloße Propaganda der 
Herrschenden. Bei aller Vorsicht 
gegenüber der Berichterstattung der , 
bürgerlichen Medien und den Ver- ! 
lautbarungen der Richter, kann kaum j 
behauptet werden, daß die Taten orga¬ 
nisatorisch geplant, gesteuert, vor¬ 
bereitet oder auf Befehl durchgeführt 
wurden. Die Täter gehören vielmehr j 
zum Dunstkreis rechter Ideologie, sie 
haben da und dort Kontakt zur orga¬ 
nisierten Rechten - aber sie brauchen 
und wollen oftmals die Bindung 
überhaupt nicht. Es genügt ihnen der j 

latent rechte und neokonservative Kon¬ 
sens eines großen Teils dieser Gesell¬ 
schaft gegen den Fremden als einen 
neuen “Feind”, der ihnen hilft, sich 
selbst als die“mutige, handelnde Speer¬ 
spitze” derunzufriedenen Bevölkerung 
zu mystifizieren. So können sie ihre 
innere Leere und tägliche Langeweile 
gewalttätigbeenden und darauf hoffen, 
von vielen klammheimlich als die 
neuen “Stars” angesehen zu werden. 
Dieses neue deutsche “Heldentum” 
marschiert ohne Führer... und das ist 
ein entscheidender Bruch zum gän¬ 
gigen Vergleich mit dem National¬ 
sozialismus! 

Die eigentliche Frage für die anti¬ 
faschistische Analyse wäre demnach: 
woher kommt dieser neue Fremden¬ 
haß breiter Bevölkerungsteile und wa¬ 
rum gerade jetzt? 

Doch bleiben wir zunächst bei der 
rechtsradikalen Szene: Es ist eine un¬ 
bequeme WahrheitfürLinke.aberdoch 
die Wahrheit, daß der Flächenbrand 
von rechts nicht straff organisiert war, 
sondern spontan, dem Zeitgeist ent¬ 
sprechend, medien-modisch um sich 
griff. Vergleichbar der SKIN-Bewe- 
gung überhaupt, die in der BRD 1980 
nicht ohne wesentliche Mithilfe durch 
einen entsprechenden buntbebildcrtcn 






Xtettfrfjetöod)eu^£itu\\& 


Schwindel gegen rechts: 


Passau 93-autVWe» 


STERN-Bericht über die Londoner 
Szene an Fahrt gewann. 

Es fehlt in der linken Analyse, daß 
die Fascho-Parteien dies weniger 
steuerten als den Ereignissen vielmehr 
hintcrherhecheltcn, ganz so wie früher 
(und inZukunft) die Sozialdemokraten 
allem gesellschaftlich Innovativem 
hintcrhcrgehcchelt sind, um die neuen 
Impulse (68cr, Friedensbewegung z .B.) 
und Energien auf die eigenen Parteien 
umzulenken. Es sei dahingestellt (und 
nicht unser Problem), ob ein Schön- 
huber mehr aus solchen Vereinnah- 
mungsvcrsuchen machen will (oder 
kann) als ein Willy Brandt, dessen 
“Mehr Demokratie wagen” ziemlich 
direkt zu den Berufsverboten führte 
und die Verkrustung der Institu- 
tionsmarschicrer sicherstellte, die 
dadurch allesamt in Zeitraffer zu altem 
begannen. 

Gewalt als Lebensgefühl 
oder: 

die Probleme der Faschisten 

Jugendliche, die aus einem fahrenden 
Auto schießend durch die Stadt fah¬ 
ren... die Schwache (Behinderte, Vaga- 
bunden...) angreifen, gehören inzwi¬ 
schen zum Alltag. Der bundesdeutsche 

Journalismus hat eine Weile gebraucht, 

bis er auf den Zusammenhang mit den 
Rechtsradikalen gekommen ist und so 


atmet er jetzt immer dann hörbar auf, 
wenn die Gewalttat auf keine dieser 
Gruppen zurückflihrbar ist. Es brennen 
auffallend viele Asyl-Wohnungen 
"aufgrund von Kurzschlüssen", und die 
Meldung wird knappe fünf cm hoch... 

Doch nehmen wir ruhig an, daß je¬ 
der Strohhalm zur Verharmlosung ge¬ 
nutzt wird und die Dunkelziffer rechter 
Anschläge weit höher liegt, so bleibt 
dennoch auch uns die Einsicht, daß die 
Gewaltbereitschaft und die damit ver¬ 
bundene Menschenverachtung in der 
heutigen Gesellschaft weit über das 
bislang gekannte Maß hinausgeht und 
auch überden faschistischen Kem hin¬ 
ausreicht. 

Natürlich versuchen die Faschisten 
über ihre Ästhetisierung der Gewalt 
diese anscheinend breiter gewordene 

gesellschaftliche Gewaltbereitschaft in 

ihrem Sinne mittels Aufmärschen zu 
instrumentalisieren. Es ist dieses Vor¬ 
bild einer marschierenden SA der Wei¬ 
marer Zeit, das die Dreierkolonnen in 
Wunsiedel und anderswo krampfhaft 
(und anachronistisch) nachzustellen 
versuchen. Aber diese Mittel wirken 
altbacken und können heutzutage nicht 
wirklich über den rechten Tellerrand 
hinaus faszinieren. Das muß noch lange 
kein Grund sein, so könnte eingewandt 
werden, daß sie nicht doch Massen¬ 
zulauf erhalten, schließlich ist ihre 
“Modernisierung” bereits im Gang - 
13 ? 


mensch schaue sich nur ihre Info¬ 
telefone oder ihr Mailbox-Kommuni¬ 
kationssystem an. 

Wichtiger ist deshalb die Feststel¬ 
lung, daß es die Faschisten heute in 
Wirklichkeit mit einer ganz anderen 
Gewaltbereitschaft zu tun haben, als 
vor 1933, und daß sie diese Gewalt 
nicht ohne weiteres instrumenta¬ 
lisieren können. 

Während die Nationalsozialisten 
Gewalt organisierten und funktio- 
nalisierten, während sie den einzelnen 
einpassten, ihn zum Teil eines grös¬ 
seren Ganzen machten, ihn seiner 
Eigen verantwortung enthoben und ihm 
über die Gewalt der Masse Stärke, Sen¬ 
dungsbewußtsein und brutale Rück- 
sichtslosigkeiteinimpften, während sie 
ihm eine Perspektive boten (Herren¬ 
mensch, Volksgenosse, Lebensraum 
im Osten etc.), handelt es sich-heute 
bei dem Gros der heutigen Täter um 
eine Selbstinszenierung. Die Hauptvor¬ 
aussetzungen sind individuell schon 
da: die Menschenverachtung, die 
Brutalität, das Herrische; gesucht wird 
nur noch der Rückhalt in einer kleinen 
Gruppe und die Zustimmung eines 
Teils der Öffentlichkeit. Sie brauchen 
keine Partei dazu und erst recht nicht 
die Ziele einer solchen. Perspektiven 
brauchen die wenigsten und Stärke 
gewinnt man über die Aktion selbst. Ist 
die Gewalt aber vornehmlich Selbst- 


i 


1 


I 


i 

i 


Photo: Hacky Hagemeyer/Transparent 













zweck, so ist sie zwar faschistoid, steht 
aber andererseits der zielgerichteten 
faschistischen Organisierbarkeit großer 
Massen im Weg. 

Insofern ist es kein Zufall, daß sich 
die rechten Parteien schwer tun, ihre 
Klientel wirklich einzufangen und ziel¬ 
gerichtet einzusetzen. Selbst unter 
Skins oder rechten Fußball-Fanclubs 
konnte längst nicht mit dem durch¬ 
schlagenden Erfolg rekrutiert werden, 
wie wir das anfangs eventuell be¬ 
fürchten mußten. (Das macht diese 
Gruppen natürlich nicht sympa¬ 
thischer!) Das wenige, was mensch 
von rechtslastigen Personen aus Inter¬ 
views bislang gehört hat, selbst wenn 
sie DVU wählen oderzurechterGewalt 
stehen, macht deutlich (ob glaubwürdig 
oder nicht), daß ihnen die Ziele einer 
solchen Partei meist unbekannt, aber 
in jedem Fall völlig egal sind. 

Der Kapitalismus produziert die 
Gleichgültigkeit - 
die Yuppie-Connection 

In den 70er Jahren wurde unsere 
Warengesellschafl durch die Kritik der 
Leistungsgesellschaft massiv in Frage 
gestellt Das “Aussteigertum” (»Tu¬ 
nix« z.B.), das “laissez-faire-Ver- 
halten” oder die Infragestellung aller 
Autoritäten und bürgerlichen Wertvor¬ 
stellungen waren für den kapitali¬ 
stischen Staat und die Wirtschaft ähn¬ 
lich bedrohlich geworden wie direkte 
politische Herausforderungen durch die 
sozialen Bewegungen. 

Als Antwort begannen in den 80er 
Jahren drei Erscheinungen ihren Ein¬ 
fluß zu entfallen, die allesamt für ein 
und diesselbe Grundhaltung standen, - 
die der egoistischen Ignoranz: der Neo¬ 
konservativismus, die neoliberali- 
stische Wirtschaftspolitik undals deren 
adäquate Umsetzung: das Phänomen 
der Yuppies. Die “Selbstheilungs¬ 
kräfte des Marktes” sollten alles richten, 
der Schwächere wurde ganz einfach 
aus dem Pelz geschüttelt... Ein neuer 
Egoismus kaschierte die Atomisierung 
und Vereinzelung, zu der diese Waren¬ 
gesellschaft die Menschen gebracht 
hatte. 

Diese staatlich und ökonomisch 
verordnete Gleichgültigkeit der 80er 
Jahre gegen jedewede Art von Ver¬ 
lierern bildet die Voraussetzung und 
tiefere Grundlage für die Gewaltbe¬ 
reitschaft der 90er Jahre. 

Der gesamtgesellschaftliche Kon¬ 
sens wurde systematisch aufgekün¬ 
digt, die desolate Gesundheits Vorsorge 
und das mehr oder weniger zusam¬ 
mengebrochene öffentliche Schul¬ 
system in den USA offenbaren dabei 


die Spitzen des Eisbergs. Auch wenn 
die BRD nicht die ganze Schärfe dieses 
Programms mitgestaltet hat, war sie 
dennoch zu sehr Bestandteil dieser 
Weltmarktsgesellschaft, um nicht 
selbst entsprechende Schritte zu 
unternehmen. Auch in der BRD wirkte 
der egoistische Individualismus der 
Yuppies und der unsoziale mone- 
taristi sehe Egoismus der Neoliberalen, 
der allüberall die Privatisierungspro¬ 
gramme anstieß, die sich nach der 
»Wiedervereinigung« im Osten richtig 
austoben durften und sich in der 
Zukunftnoch weitreichend aus-wirken 
werden. Die Zahlen, insbesondere die 
“roten Zahlen”, bestimmen seither die 
Planung und “Umstrukturierung" in 
allen Bereichen - Fakten sind gefragt, 
nicht Gefühle; der Realpolitik folgt 
eine Wirtschaftspolitik, die sich ganz 
real von ihren sozialen Kosten ver¬ 
abschieden will. 


Der Kapitalismus produziert die 
Gewalt - 

die “schweigende Mehrheit” 
entdeckt ihr Ventil 

Gleichzeitig leben wir aber ideolo¬ 
gisch noch immer in einer Gesell¬ 
schaft, in der die »Arbeit« den ent¬ 
scheidenden Bezugspunkt für die 
Menschen darstellt. Sie bestimmt nach 
wie vor ihre gesellschaftliche Rolle 
und ihre Wichtigkeit. Dabei wird für 
immer mehr Menschen die Arbeit 
“fiktiv”, als wegrationalisierte, stillge¬ 
legte, kaputtsanierte oder abge- 
wickelteNichtarbeiterlnnenerleben sie 
die eigentliche Wahrheit: sie zählen 
nichts. Was zählt, ist der “Wirtschafts¬ 
standort Deutschland”, ist die “Kon¬ 
kurrenzfähigkeit” und das “zu hohe 
Lohnniveau”. In dieser Phase der Ver¬ 
unsicherung wird auch die “schwei¬ 
gende Mehrheit” vom Egoismus er¬ 
faßt, und was in der pluralistischen 
(“gastarbeiterabhängigen”) BRD nicht 
notwendig angelegt war, tritt ein: die 
“schweigende Mehrheit”, die bislang 
nur durch Passivität aufgefallen war, 
wird aggressiv gegen Fremde! Im 
Unterschied zu den Yuppies bleibt der 
“schweigenden Mehr-heit” aber nicht 
die Möglichkeit, die mißliebigen Zu¬ 
stände zu “ignorieren” und durch das 
“um-sich-selber-kümmem” zu kom¬ 
pensieren. Sie finden kaum noch 
Hinterausgänge. Schlimmer noch, sie, 
die immer “brav” gearbeitet haben, die 
bereit waren Lohnsteuer, Kirchen¬ 
steuer, Mehrwertsteuer, Rentenver¬ 
sicherung, Krankenversicherung und 

n 


- wenn auch mürrischer - den 
Solidarzuschlag zu bezahlen - sie 
geraten immer öfter in die Situation, 
selbst zu “Schmarotzern”, also zu 
Sozialhilfeempfangem, Arbeitslosen¬ 
geld- oder zumihdest Wohngeld- 
bezieherlnnen zu werden. Wer sich 
deshalb durch die permanent stei¬ 
genden Steuern und Preise in die Enge 
getrieben fühlt, weiß andererseits um 
d ie prekäre Möglichkeit, selbst in diese 
verachtete Schicht der Sozialleistungs- 
bezie-herlnnen “absinken” zu können. 

Der W iderspruch liegtauf der Hand: 
die ganz im Arbeitsethos befangene 
“schweigende Mehrheit” sieht sich als 
diejenige, die immer Leistung gebracht 
hat und verachtet jeden, der das soziale 
Netz benötigt, d.h. “ausnützt” was sie, 
die Arbeitenden, geschaffen haben. Sie 
würden dieses sozialeNetzam liebsten 
sofort abschaffen, wenn da nicht diese 
Drohung im Raum stände, selbst zu 
Bedürftigen zu werden. Wenn man aber 
das soziale Netz auseigener Angst her¬ 
aus nicht abschaffen kann, wendet 
sich dieser Widerspruch gegen die, die 
das Netz nutzen und “es nicht verdie¬ 
nen”, sprich gegen die (“Wirtschafts”)- 
Flüchtlinge und weil die als Projek¬ 
tionsfläche nicht ausreichen und eine 
Unterscheidung unter "Ausländem" eh 
schwierig wäre: gegen die Fremden 
überhaupt. Damit löst sich der Wider¬ 
spruch auf, dem Staat geht es schlecht»! 
der Wirtschaftauch, Opfer müssen also 
sein, aber nicht bei einem selbst, der 
“schweigenden Mehrheit”, sondern bei 
den Fremden! 


Die REPs kommen ins Spiel 
- aber da ist das Problem 
mit den “Menschenrechten” 

Der Rechtspopulismus a la Le Pen, 
Haider oder Schönhuber konnte in der 
jüngsten Vergangenheit diese Grund¬ 
stimmung in der Bevölkerung am 
besten aufgreifen. Die “Protestwähler” 
(wie es so nichtssagend heißt) laufen 
ihnen massenhaft zu. Droht deshalb 
die Gefahr, daß diese Gruppen mehr¬ 
heitsfähig werden? 

Um einen weiteren wesentlichen 
Unterschied zu 1933 zu verdeutlichen, 
gehen wir zur Wirtschaft. Die Integra¬ 
tion Deutschlands in den Weltmarkt ist 
unumkehrbar. Die Interessen der Wirt¬ 
schaft zu ungehindertem Zugang zu 
den Rohstoffen und Natur- und Men¬ 
schenressourcen in aller Welt hat eine 
wesentliche ideologische Voraus¬ 
setzung: die Verteidigung der Men¬ 
schenrechte. Für sie lassen sich die 
UN-Truppen in Marsch setzen, ohne 


sic riskiert man zuviel innere Unruhe 
beim gleichen Tun. Das ergibt un¬ 
nötige Reibungsverluste. Die Men¬ 
schenrechte haben aber die Eigen¬ 
schaft, daß sie universal sind und sich 
nicht auf eine nationalistische V ariante 
reduzieren lassen. Kein Wunder also, 
daß Daimler-Benz, als der gesell¬ 
schaftlich einflußreichste deutsche 
Konzern, die Kampagne “Mein Freund 
ist Ausländer” mitinitiierte - das war 
kein Scheingefecht, wie es vielleicht 
in der Linken vorschnell abgetan 
wurde, sondern kam mit dem Brustton 
tiefsten Eigeninteresses. 

Blenden wir auch hier zurück, um 
die Dimensionen klarer zu bekommen. 
Der Nationalsozialismus schuf durch 
seinen Eroberungskrieg der Wirtschaft 
neue Märkte und eröffnete ihr poten¬ 
tiell die Ausnutzung von Rohstoff¬ 
quellen. Die rumänischen Ölfelder 
waren hierfür eines der bekanntesten 
Mosaiksteinchen. Die Perspektiven für 
die Wirtschaft waren expansiv ... - 
und die Gelder flössen. Heute ist durch 
den Weltmarkt, durch die Westinte¬ 
gration und die UN dieses Ziel in opti¬ 
maler Weise erreicht, was der Rechts¬ 
populismus anzubieten hat, sind Ab- 
schottungsparolen, die zum wirt¬ 
schaftlichen Selbstmord der BRD 
führen müssten... -entscheidendeGel- 
der dürften blockiert bleiben. 

Eine andere Frage ist, ob sich derzeit 
und in den kommenden Jahren der 
Weltmarkt nicht als ausgereizt erweist. 
Bislang bezahlte der Süden die Ver¬ 
teilungskämpfe des Nordens. Wenn 
sich nun auch innerhalb des Nordens 
immer mehr Menschen gezwungen 
sehen, mitzubezahlen, könnte die 
Akzeptanz des Rechtspopulismus wei¬ 
ter wachsen. Wichtiger als der Rechts¬ 
populismus wird als Reflex jedoch die 
Tendenz des Rückzugs auf sich selbst 
werden. 

Egoismus läßt sich nicht 
nationalisieren 
-Hitler ist Rambo 

Besonders in der EG scheint dies be¬ 
reits im Gang zu sein und in Bewe¬ 
gungen wieder norditalienischen Lega 
seinen ersten adäquaten Ausdruck zu 
finden. Die Lega ist nicht zufällig poli¬ 
tisch neokonservativ, wird sie doch 
hauptsächlich vom Wunsch nach der 
“Wohlstandsinsel Norditalien ge¬ 
tragen. “Los von Rom” heißt in erster 
Linie: los von der "Solidargemein- 
schaft Nation" mit dem armen Süden 
im eigenen Land. Und dies sind die 
Brüche, die quer zum Rechtspopu¬ 
lismus und zum Nationalismus liegen, 
erst recht quer zum Faschismus und 


Nationalsozialismus und das muß auch 
in unsere Analysen Eingang finden. 

Die Bewegung geht nach innen, 
nicht nach außen. Und ähnliche Brü¬ 
che gibt es auch in der BRD: wer 
glaubt z.B., daß die “schweigende 
Mehrheit” noch ernsthaft “Schlesien 
heimholen” will, nachdem klar ge¬ 
worden ist, was dies kosten kann? 

Wenn wir eine erste Folgerung aus 
diesen Gedanken ziehen, dann die: die 
Atomisierung der Menschen durch die ♦ 
kapitalistische Warengesellschaft hat 
nach 40 intensiven Jahren auch ihre 
konkreten Auswirkungen auf die 
heutigen Rechtsradikalen. Wir finden 
natürlich genügend Querverbin¬ 
dungen unter Faschisten, aber sie be¬ 
schreiben nicht deren Stärke, sondern 
ihr aufeinander angewiesen sein. Die 
übergroße Mehrzahl der Gewalttäter 
rekrutiert sich inzwischen einzeln aus 
der “schweigenden Mehrheit”, die 
rechtsradikalen Parteien bleiben am 
Rand, um Einfluß bemüht. Einerechte 
Gefahr im klassischen (nationalsozia¬ 
listischen oder faschistischen) Sinn 
existiert nicht. Keine faschistische 
Partei wird die politische Macht er¬ 
langen, keine wird eine Massenbe¬ 
wegung gezielt einsetzen können. 

Und doch bedeutet das alles andere 
als eine Entwarnung: was wir anstelle 
eines Hitlers und seiner durchhierar- 
chisierten Partei heute antreffen, sind 
viele tausendRambos,diemit der alten 
Nazi-Ideologie eine gefährliche Ge¬ 
meinsamkeit behalten haben: eine 
Sache um ihrer selbst willen tun. Ihre 
“Gemeinsamkeit” untereinander be¬ 
schränkt sich aber oft auf die Zeit der 
Aktion gegen die "Feindbilder" oder 
zumindest auf kleine Gruppen. Und 
was wir - parallel dazu - auf der poli¬ 
tischen Ebene haben, ist der Versuch 
via rechtes Denken und autoritäre 
Werte eine kulturpolitische Hegemonie 
der neokonservativen Rechten zu 
erreichen, die die Ängste und Vorurteile 
der "schweigenden Mehrheit" bestätigt 
und diese zum "spontanen" Handeln 
ermutigt 

Nehmen wir diese Gedanken ernst, 
sind Gegenstrategien eher schwieriger 
geworden, weil wir sie zumeist neu 
entwickeln müssen,vor allem, wenn 
wirunsnicht eines Tages als die letzten 
Verteidiger der Demokratie wieder¬ 
finden wollen. Herkömmlicher Anti¬ 
faschismus jedenfalls verfehlt sein Ziel. 
Unser Vorteil momentan liegt im 
gemeinschaftlichen, solidarischen 
Handeln größerer Gruppen und über¬ 
regionaler Zusammenhänge - zumin¬ 
dest müssen wir an solchen “veralteten" 
antikapitalistischen Strukturen fest- 
halten und sie weiter entwickeln. 

15 



Arbeitsmigration 
und Flucht 
ca. 208 Seiten, ca. 22 
DM 

ISBN 3-924737-20-7 
Oktober 93 


Das Heft 11 der Beiträge zur nationalsozlalls- 
° tischen Gesundhelts- und Sozialpolitik 

0 befasst sich mit: 

- der Verstaatlichung der Arbeitsmigration in den 
° 20er Jahren, und deren europäischem Vorbild 

o Charakter, bis hin zu den NS - Planungen. 

- der Schaffung von "Minderheitenproblemen" in 
0 den neuen Nationalstaaten. 

o - der osteuropäisch- jüdischen Arbeitsmigration 
nach Frankreich und den Anfängen des 
bewaffneten Widerstands. 

o 


° Der Aufstand im I 
0 Warschauer Ghetto 
270 Seiten, 25 DM, j 
° ISBN 3-924737-19-31 


O I 

Im April 1993 jährte sich der Aufstand im War- ! 
0 schauer Ghetto zum SOsten Mal. Der Aufstand 
0 war Höhepunkt und Fanal einer einzigartigen | 
Widerstandsbewegung in Europa, deren hoff- I 
° nungsloser Kampf auf keine Verbündete zählen I 
o konnte und die quer zu allen national oder kom- I 
munistisch orientierten Untergrundbewegungen ! 
: ! 


o Die Ethnisierung I 
o des Sozialen j 
Das Beispiel Jugo- , 
° slawien ] 

g ca. 120 s. ca.13 DM | 
September 93 j 

o Der Krieg in Jugoslawien ist ursächlich kein Kon¬ 
flikt zwischen Ethnien oder irgend welcher natio-! 
0 nalen Wesenheiten. Er ist vielmehr eine Durch- ! 
0 setzungsform zum Übergang in die Markt¬ 
wirtschaft, zur Modernisierung im Rahmen weit-. 
° wirtschaftlicher Produktionsbedingungen, wobei 
o die soziale Radikalisierung in ethnisch- nationali-f 
stische Bewegungen überführt wird. 




o 

o 


o 


8 


I* 


0 Verlag der Buchläden: 

0 Schwarze Risse, Berlin * Rote Straße, 
° Göttingen 

° Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin 

Verlagsprogramm anfordenl 








von Ilse Schwipper 
Photos: Moritz Milch/AFZ 


Reise- und Seminarbericht: 
ein Wochenende im ehemaligen 
Frauenkonzentrationslager 
Ravensbrück 











Vorbemerkung der Redaktion: 

Der hier vorliegende Text ist nur ein 
Auszug aus dem Reise- und Seminarbe¬ 
richt. Der fehlende erste Teil beinhaltet 
eine Frauenfreundschaft (zwischen 
Margarete Buber- Neumann und Milena 
Jesenska) im KZ Ravensbrück, er wurde 
im Berliner A- Kurier bereits veröffentlicht 
und kann bei Interesse unter folgender 
Adresse bestellt werden: A-Kurier, 
Kreuzbergstraße 43,10965 Berlin. 


Abfahrt und Ankunft 

Die Reise in die Vergangenheit beginnt 
auf dem S- Bahnhof Oranienburg, wo 
schon ein Überlandzug wartet, der nach 
Fahrt mitten durch die Kornfelder und an 
idyllischen Dörfern vorbei, in der 
Kleinstadt Fürstenberg ankommt. 

Gleich hinter dem Bahnhofsvorplatz fin¬ 
de ich ein Hinweisschild: “ZurMahn- und 
Gedenkstätte Ravensbrück”. Das ist mein 
Weg, den ich gehen will, der mich zum 
ehemaligen Konzentraüonslager für Frau¬ 
en führt. Das KZ wurde in der Zeit von 
1938/39 von Häftlingen aus Auschwitz 
und anderswo erbaut, und es wurden bis 
1945 132000 Menschen dorthin 
verschleppt. Hauptsächlich Frauen, aber 
auch viele Kinder und Männer. (...) 

Auf dem Weg zur Gedenkstätte sehe 
ich rechter Hand den Schwedtsee blinken. 
Am ehemaligen Eingang auf der linken 
Seite steht eine Plastik: “Die Frauen von 
Ravensbrück- Mültergruppe”, von Prof. 
Fritz Cremcr. Schräg gegenüber steht eine 
große weiße Halle mit rotem Dach, die 
dort eigcnüich nichts zu suchen haben 
sollte, auch nicht als nichtgcnutzte 
Konsumhalle. Die Eröffnung des 
Supermarktes auf ehemaligem KZ-Ge- 
lände konnte durch Protest verhindert 
werden, abgerissen hat der Konzern ihn 
allerdings nicht. Der Widerspruch zwi¬ 
schen den beiden ersten Eindrücken kann 
nicht größer sein: die Plastik vermittelt 
tieftraurige Betroffenheit und Elend an¬ 
gesichts des Todes, der Bau gegen über al s 
Frcßschuppen gedacht, soll die Spuren 
des KZs verschlingen! 

Die Straße führt weiter geradeaus zur 
Gedenkstätte, hin zum ehemaligen Gebäu¬ 
de der Kommandantur der SS (KZ-Lager- 
Icitung), in dem heute ein Museum 
untergebracht ist. Rechts am Gebäude 
vorbei geht es dann zum Mahnmal, nach 
dessen Vorplatz Stufen in den See führen. 
Inzwischen ziehen dunkle Wolken auf 
und cs beginnt zu nieseln, eine rote Sonne 
verschwindet im Dunst. 

Mein Blick schweift über den See und 
eine idyllische Landschaft. Aber ich 


beginne zu frieren beim Anblick des 
Massengrabes und der internationalen 
Gedenkmauer, als ich mich vom See 
abwende. Erst später werde ich wissen, 
daß diese Idylle am Boden des Sees eine 
furchtbare Grau-enhaftigkeit birgt. Die 
Nazis schütteten die Asche der Toten in 
den Schwedtsee. (...) 

Lesbische Frauen und 
lesbisches Verhalten in 
Frauenkonzentrationslagern 

Noch von den Eindrücken des Vorm ittags 
ganz gefangen, wo es um das Leben zwei¬ 
er Frauen in Ravensbrück ging, soll nun 
das zweite Referat von Claudia Schopp¬ 
mann folgen. “Lesbische Frauen und 
lesbisches Verhalten in Frauenkon- 
zentrationslagem.” Das Referat ist in zwei 
Teile aufgeteilt: 

1) Vorgeschichte der Lesben 

2) Lesbisches Verhalten 

C. Schoppmann beginnt damit, daß sie 
eindringlich darauf verweist, daß noch 
heute - 48 Jahre nach Kriegsende - zwei 
Themen im Wissenschaftsbereich wie in 
derÖffentlichkeit tabuisiert, verdrängtund 
vergessen sind. Zum einen die konse¬ 
quente Erforschung der Verfolgung von 
Lesben zurZeitdes National-sozialismus, 
und zum anderen ihr Leben in KZs. 
Drängende Fragen sind daher schwer bis 
kaum beantwortbar, wie z.B.: 

- wie haben sich erkämpfte Freiräume 
verändert, nach der Weimarer Republik? 

- was war zur Zeit des NS Regimes? 

- welche Folgen hatte die NS 
Sexualpolitik für die ca. 1,2 Millionen 
lesbischen Frauen? 

Zwar gibt es in den letzten Jahren For¬ 
schung zu Homosexualität, diese bezieht 
sich aber hauptsächlich auf Männer. Von 
und zu Frauen gibt es kaum Belege, da 
viele Akten vernichtet sind und Frauen, 
die das Grauen überlebten lieber schwei¬ 
gen. Nur ganz selten gelingt es, Frauen 
dazu zu bewegen, von ihrem Schicksal zu 
berichten. Viel hat es unter anderem auch 
damit zu tun, daß ihr Leidensweg zu allem 
Überfluß auch noch gepflastert ist von 
Demütigungen seitens ihrer Mitgefan¬ 
genen. 

NS Ideologie 

Die Ideologie des erbgesunden arischen 
Menschen und die daraus resultierende 
Familienpolitik bestimmte nicht nur das 
gesellschaftlich öffentliche Leben, 
sondern war in den einzelenen Familien 
verankert (Muttertag, Mutterschaftsorden, 
Steuervergünstigungen, Kindergeld). Die 
Nationalsozialisten hatten keine eigene 


feindliche Homosexualitätsideologieent¬ 
wickelt, da sie sich bei der Bevölkerung 
auf tiefverwurzelte, kirchlich beeinflußte 
Sexualmoral verlassen konnte. Außerdem 
gab es die durch Medizin und 
Gesundheitswesen geprägte Auffassung, 
daß Homosexualität krankhaft und/oder 
vererbt sei. 

Gleichzeitig aber wurden ca. 50000 
homosexuelle Männer nach §175 Straf¬ 
gesetzbuch (STGB) verurteilt. Davon 
wurden 10 - 15000 in verschiedene KZs 
verschleppt, nur wenige überlebten. Auch 
in Ravensbrück waren ab 1941 von20000 
inhaftierten Männern 120 homosexuell 
und wurden mit dem rosa Winkel gekenn¬ 
zeichnet. 

Die Differenzierung der Nationalso¬ 
zialisten gegenüber den Homosexuellen, 
mit Strafe zur Abschreckung und Um¬ 
erziehungslager, aber gleichzeitiger ge¬ 
zielter Ausmerzung weniger, ist daran zu 
sehen, daß die Nazis “nur” 2 % als 
Veranlagte durch Vererbung der Homo¬ 
sexualität ansah. 

Eine ganz andere Betrachtungsweise 
und Behandlung erfuhren die Lesben unter 
anderem deshalb, daß die Nazis die Frau 
als natürlich Abhängige vomMann ansa¬ 
hen. Auch und gerade in sexueller 
Hinsicht, womit sie zur Passiven und so¬ 
mit Verführbaren erklärt war. Eine sys¬ 
tematische Kriminalisierung wurde daher 
als nicht notwendig betrachtet, da diese 
Frauen nicht als “Volksschädlinge” 
empfunden wurden. Zumal Frauen auch 
aus dem öffentlichen Machtbereich aus¬ 
geschlossen waren. 

Der Nachweis, daß Frauen wegen ihres 
Lesbischseins verfolgt und inhaftiert 
wurden, ist aus mehreren Gründen 
schwierig. 

Haftgründe 

Nur von zwei Frauen ist bekannt, daß 
sie wegen Homosexualität auch tatsächlich 
von der Lagerleitung Ravensbrück in den 
Zugangslisten verzeichnet wurden: 

- am 10.11.40 wird Elfi Smüla 
eingeliefert - 26Jahre -, und als Haftgrund 
wird in die Zugangsfiste "lesbisch" einge¬ 
tragen. Sie bekommt einen roten Winkel, 
die aber eigentlich ausschließlich Poli¬ 
tischen Vorbehalten ist. 

-Im November 40 wird Mary Küm¬ 
mermann, geb. Punjar-Jüdin - eingeliefert, 
und wird als "asozial/lesbisch” registriert. 

Es gibt einige Fälle von verhafteten 
Frauen wegen ihres Lesbischseins, aber 
ihre‘.‘Vergehen”und Inhaftierungsgründe 
sind anders benannt, wie z.B. politische 
Unzuverlässigkeit oder “asozial”, und 
außerdem aus dem Reichsarbeitsdienst, 
sowie Bund Deutscher Mädchen (BDM), 


17 





wo nach § 175 STGB verfolgt wurde 
(Abhängigkeit Untergebener). 

Im Dezember 1937 gibt es einen Erlaß 
durch Himmler, der die Polizei im Rah¬ 
men der “vorbeugenden Verbrechensbe¬ 
kämpfung” mit weitreichenden Maßnah¬ 
men ausstattet. Sogenannte innere Feinde 
der deutschen Volksgemeinschaft kön¬ 
nen nun massenhaft als “asoziale” ver¬ 
folgt und inhaftiert werden. Von da ab 
wurden auch nicht straffällig gewordene 
Personen in Vorbeugehaft genommen, 
auch ohne die Legitimation durch die 
Justiz. Es ist anzunehmen, daß darunter 
viele Lesben waren. 

Es ist insgesamt also nicht nachweisbar, 
wie viele Frauen wegen Homosexualität 
in Konzentrationlager verbrächt wurden. 
Der Mehrheit der Lesben blieb das bar¬ 
barische KZ erspart, wenn sie bereit waren 
sich anzupassen und nicht aufzufallen. 

Wie schon am Tag zuvor, geht mir 
durch den Kopf, daß das Ganze ein Mam¬ 
mutprogramm ist, daß förmlich durchge¬ 
peitscht wird, ohne Möglichkeiten zwi¬ 
schen Referaten das Ganze sacken zu 
lassen. Für ausgiebige Pausen bleibtkeine 
Zeit, und nicht nur ich fühle mich über¬ 
fordert. Die Konfrontation auch von 
Widersprüchen von Überlebenden, die 
vermittelt werden, ihre Meinung und 
Gefühle Mitgefangenen gegenüber, die 
oft negativ sind, lassen kaum Raum, den 
eigenen Zorn darüber zu bewältigen. 

Die Verfolgung lesbischen 
Verhaltens 
innerhalb derLager 

Der zweite Teil desReferats von Claudia 
Schoppmann gilt dem lesbischen 
Verhalten im Lager. Zu Beginn benennt 
sie Quellennachweise (1) ihrer 
Forschungstätigkeit, und referiert aus 
ihrem Buch: “Nationalsozialistische 
Sexualpolitik und weibliche 
Homosexualität (2). 

Um über lesbisches Verhalten forschen 
zu können, muß mehr oder weniger auf 
Memoirenliteratur zurückgegriffen 
werden, dort gibt es ausführliche Be¬ 
schreibungen zu lesbischem Verhalten, 
wenn auch überwiegend in abwertender 
Form, wie indem Buch vonFaniaFenelon 
“Das Mädchenorchester von Auschwitz” 
(3), indem sie lesbische Frauen mit 
Prostituierten gleichsetzt. Es ist unmög¬ 
lich die Gemeinheiten dieser Frau hier zu 
wiederholen, weil das Seiten füllen wür¬ 
de, und ich ehrlicherweise schreiben muß, 
daß mich beim Zitieren aus diesem Buch 
eine dermaßene Wut überfallen hat, daß 
ich nicht mehr mitgeschrieben habe. Ich 
verweise darum an dieser Stelle noch 


einmal ausdrücklich auf das Buch von 
Claudia Schoppmann, in dem es ausführ¬ 
lich beschrieben ist. Hier nur ein paar der 
Begriffe, mit denen Fania Fenelon ihre 
Mitgefangenen belegthat, damit ihr einen 
Begriff da von bekommt: dummes Scheu¬ 
sal, fette Megäre, und sie spricht von 
schamlos offenem Liebesspiel. Ein wei¬ 
teres Buch in der Memoirenliteratur ist 
von Krystina Zywulska: “Wo früher Bir¬ 
ken standen...”, auch in diesem Buch 
zynische und abfällige Ergüsse über 
Lesben. 


Von den meisten inhaftierten Frauen 
wird die Gleichsetzung der SS, daß 
lesbische Frauen “Asoziale” seien,geteilt. 
Ganz anders ist die Beschreibung der 
politisch Inhaftierten, deren Beziehungen 
werden als platonisch und rein 
beschrieben. Zitat aus dem Buch von 
Margarete Buber Neumann: (“Milena, 
Kafkas Freundin) “Leidenschaftliche 
Freundschaften waren unter den Poli¬ 
tischen genauso häufig, wie unter den 
Asozialen und den Kriminellen. Nur 
unterschieden sich die Liebesbeziehungen 
der Politischen von denen der Asozialen 
oder der Kriminellen meist dadurch, daß 
die einen platonisch blieben, während die 
anderen ganz offen lesbischen Charakter 
hatten.” Claudia Schoppmann betont, daß 


auch in Gesprächen, die sie mit der 
Politischen Georgia Tanewa hatte, diese 
lesbisches Verhalten ausschließlich bei 
den sogenannten Asozialen ansiedelt. 
Wird aber doch mal das Tabu Sexualität 
bei den politischen Inhaftierten durch¬ 
brochen, dann wird lesbische Liebe als 
lagerbedingt dargestellt und bewertet. 
Dementsprechend demütigend wird mit 
den Frauen umgegangen. 

Wie in allen Zwangssituationen gibt es 
auch in den KZs unter den Häftlingen 
Hierarchien, die von der SS als Lager¬ 


system gefördert wurden. So gab es die 
sogenannten KAPO, das waren La¬ 
gerälteste und mit Privilegien 
verschiedenster Art ausgestattet. Nid 11 
anders war es auch in Ravensbrück, wo 
Frauen ihre Machtposition mißbrauc *- 
ten. Davon berichtete Antonia R., der eine 
K APO-Gefangene eine Ration mehr B rot 
gab, wohl in der Hoffnung, von Antonia 
Liebe zu bekommen. Auch Olga Lengy cl 
schildert solch einen “Fall”, indem eine 
KAPO um die Liebe einer Professorin 
warb. Diese soll dann nach ein paar Wo¬ 
chen geäußert haben, daß sie ohne ihre 
“Gemahlin” nicht leben könne. 



18 






Einmal ganz anders 

Mit einer ganz anderen Sichtweise 
berichtetMargareteGlas-Larson über eine 
lesbische Beziehung, die sie selbst in 
Auschwitz zu einer politischen Frau hat¬ 
te. In ihrem Buch:”Ich will reden...” 
berichtet sie über ihre Beziehung zu der 
Kommunistin Aurelia Reichertwald, die 
unter dem Namen Orli bekannt war. Orli 
scheint eine der wenigen Politischen 
gewesen zu sein, die zu ihrer lesbischen 
Liebe auch standen. Zitat von M. Glas- 



Larson:” Ich habe zu Orli ein exzeptio¬ 
nelles Freundschaftsverhältnis gehabt, 
meinerseits besonders eine ungeheure 
Zuneigung, weil mir ihre Seele so gut 
gefallen hat. Sie war nie gemein.” Diese 
Äußerung ist deshalb auch wichtig, weil 
Orli in Auschwiiz-Birkenau seit 1943 
Lagerälteste, also KAPO war, über die 
sonst nur bösartig berichtet wird. 

Allerdings berichtet auch M.Glas- 
Larson über sexuellen Handel gerade von 
Gefangenen in Machtpositionen, wie der 
KAPO, was sie auf den ganz natürlichen 
Selbstcrhal tungstrieb zurückführt. 


Die Strafen im Straflager 

Nicht genug damit, daß lesbische Frauen 
wegen ihrer Sexualität in Vernichtungs¬ 
lager verbracht wurden, hatte die S S auch 
noch ein perfides Strafsystem innerhalb 
des KZ eingeführt. Hauptzweck dieser 
Strafen war es, mit dem Brechen der 
Lebenskraft die Unterwerfung zu er¬ 
reichen, und die NS-Sexualmoral zu 
sichern, gerade auch in KZs. Je nach 
Belegungszahl war das Strafen abgestuft. 
Oftmals reichte der bloße Verdacht, 
lesbisch zu sein, während ein andermal 
Handlungen verfolgt wurden. Wer Arm 
in Arm lief oder nur einmal sich die Hände 
gab, der konnte bei Überbelegung mit 
Sicherheit damit rechnen, in den Slraf- 
block verlegt zu werden, wo dann die 
Prügelstrafe auf die Frauen wartete, aber 
auch Dunkelhaft und Essensentzug. Die 
Todesrate in diesem Block war besonders 
hoch. 

Die Einweisung in den Strafblock 
gehörte zu den schwersten Straf¬ 
maßnahmen. Im Frauen-KZ-Ravensbrück 
war dieser Block mit Stacheldraht und 
Holz umgeben, und somit von den übrigen 
Baracken getrennt. Außerdem wurde 
dieser Block von Lagerpolizei gesondert 
bewacht. Soli-darische Hilfe für diese 
Frauen war damit unmöglich gemacht. 

Genau wie in Ravensbrück, gab es auch 
in Auschwitz Strafen für lesbisches 
Verhalten. Davon geben die im Gefängnis 
verfaßten Erinnerungen des ehemaligen 
Lagerkommandanten Rudolf Höß 
Zeugnis: “ähnlich der Homosexualität in 
den Männerlagem, im FL {Frauenlager, 
C.Sch.) die Seuche der lesbischen Liebe. 
Auch die stärksten Strafen, auch die Ein¬ 
weisung in die Strafkompanie tat dem 
nicht Einhalt.” Mit freundlicher 
Genehmigung von Cluadia Schoppmann 
folgt ein längeres Zitat aus ihrem Buch 
“Nationalsozialistische Sexualpolitik und 
weibliche Homosexualität”: “Auch in 
Auschwitz gehörte die Einweisung in die 
Strafkompanie, über die der Lagerkom¬ 
mandant auf Antrag der Lagerführerin 
des Frauenlagers, SS-Oberaufseherin 
Johanna Langefeld und später der 
Oberaufseherin Maria Mandel entschied, 
zu den besonders schweren Strafen. Wie 
der Strafblock in Ravensbrück, war auch 
die Strafkompanie in Auschwitz, die ab 
Juni 42 für etwa zwei Jahre existierte, von 
den anderen Häftlingen getrennt. Die 
Frauen dort mußten außergewöhnlich 
schwere Außenarbeiten verrichten, auch 
bei extremsten Temperaturen, besonders 
schlechter Verpflegung und bei schärfster 
Bewachung. (Aufseherin war u.a. die 
berüchtigte Irma Grese). Daher war die 
Sterblichkeitsziffer in der200- 400 Frauen 
umfassenden Kompanie besonders hoch. 
19 


Über das Schicksal von Frauen, die mögli¬ 
cherweise wegen lesbischen Verhaltens 
dorthin eingewiesen wurden, geht aus der 
spärlichen Literatur über die Strafkom¬ 
panie nichts hervor, die Strafmeldungen, 
die darüber hätten Auskunft geben können, 
sind nicht erhalten.” 

Nach den letzten Sätzen von Claudia 
Schoppmann lasse ich erschöpft den Kuli I 
fallen, und bin froh, daß ich es für heute 
geschafft habe. Das Angebot von Ch. 
Schulz, der Seminarleiterin, daßbei Inter¬ 
esse das Museum noch geöffnet bleibt, 
werde ich nicht wahmehmen. Ich bin mit 
zwei Frauen in einem Bungalow in 
Altglobsow, ganz in der Nähe von Ra¬ 
vensbrück untergebracht, und dort will 
ich jetzt einfach nur noch hin. Dort ist ein 
See, eingebettet in Waldgelände, und das 
bietet Gelegenheit zum Spazierengehen 
um all das Gehörte in Ruhe aufzunehmen. 

Im merhin wartet noch am nächsten Tag 
ein bitteres Thema auf mich, es wird um 
Bordelle in KZs gehen, in die Frauen aus 
Ravensbrück verschleppt wurden. 

Der dritte Tag 

Es ist der letzte Tag des Seminars und es 
regnet noch immer in Strömen bei fast 
herbstlichen Temperaturen. Ich habe fast 
die ganze Nacht wach gelegen, weil es 
mir nicht möglich war, die Bilder des 
Grauens aus dem Kopf zu verbannen. 
Bevor ich das Gelände am Abend verlas¬ 
sen hatte, war ich doch noch einmal im 
Zellenblock, in dem Zellen nicht nur 
Frauen einer Nation gewidmet sind, son¬ 
dern wo auch der Prügelbock aufgebaut 
ist. Selbst die Peitsche hängt an der Wand. 

Ich kann nicht vergessen, daß dort Frauen 
bis zum Ohnmächtig werden, und darüber 
hinaus ausgepeitschtwurden. Oftmals ein¬ 
zig deshalb, weil sie sich zum Zeichen des 
Einvernehmens einen heimlichen Hände¬ 
druck z.B. auf dem Apellplatz erlaubten. 

Der dann noch gesehen wurde und oft¬ 
mals von Mithäftlingen verraten wurde. 

Frau Christa Schulz beginnt ihr Referat 
über “Ravensbrücker Frauenhäftlinge in 
den Bordellen der Männer Konzentra¬ 
tionslager” mit dem Hinweis, daß sich 
hauptsächl ich auf die Dissertationsarbeit 
von Frau Claudia Schoppmann bezieht. 

Da ich dieses Kapitel des Buches (Na- ! 
tionalsozialistische Sexualpolitik und 
weibliche Homosexualität) mit dem Titel 
“Himmler und die neue Moral” insge¬ 
samt, wegen der NS- Bevölkerungspoli¬ 
tik und dem Verständnis der Nazis von 
der Frau, für wichtig halte, wird es hier 
vollständig wiedergegeben: 














“Himmler und die «neue Moral» 

Auch Himmler (1900-1945) prangerte 
die «Vermännlichung» der Frau an und 
sah im Abweichen von der Geschlechter¬ 
polarität eine Ursache für die Homosexu¬ 
alität. Was Himmler zur Homosexualität 
zu sagen hatte, war bedeutsam, unterstand 
ihm doch als «Reichsführer-SS und Chef 
der Deutschen Polizei» ab 1936 die zen¬ 
trale Organisation zur Erfassung und 
Verfolgung Homosexueller, die 
«Reichszentrale zur Bekämpfung der 
Homosexualität und Abtreibung», sowie 
die lokalen Polizeibehörden. Bekannt ist, 
daß sich Himmler 1937 mehrmals zur 
Homosexualität äußerte. In einer Rede 
vor SS-Gruppenführem im Februar 1937 
äußerte er die Befürchtung, mangelnde 
«weibliche Reize» könnten im «Män¬ 
nerstaat» zur Homosexualitätführen: «Wir 
dürfen die Qualität des Männerstaates 
und die Vorzüge des Männerbundes nicht 
zu Fehlern ausarten lassen . Wir haben 
insgesamt m.E. eine viel zu starke 
Vermännlichung unseres ganzen Lebens, 
die soweit geht, daß wir unmögliche Dinge 
militarisieren, daß wir - das Wort darf ich 
hier ganz offen aussprechen - nichts 
können in der Perfektion, als Menschen 
antreten, ausrichten undTornister packen 
lassen. /ch empfinde es als eine Katastro¬ 
phe, wenn ich Mädel und Frauen sehe - 
vor allem Mädel -, die mit einem wunder¬ 
bar gepackten Tornister durch die Gegend 
ziehen . Da kann einem schlecht werden. 
Ich sehe es als Katastrophe an, wenn 
Frauen - Organisationen, Frauengemein¬ 
schaften, Frauenbünde sich auf einem 
Gebiet betätigen, daß jeden weiblichen 
Reiz, jede weibliche Anmut und Würde 
zerstört. Ich sehe es als Katastrophe an, 
wenn wir die Frauen so vermännlichen, 
daß mit der Zeit der Geschlechts¬ 
unterschied, die Polarität verschwindet. 
Dann ist der Weg zur Homosexualität 
nicht weit.« 

Undineiner Rede im Juni 1937 vordem 
«Sachverständigenbeirat für Bevöl- 
kerungs- und Rassenpolitik» im Reich¬ 
sinnenministerium sah Himmler diegrößte 
Gefahr darin, daß homosexuelle Männer 
zur «Tarnung» heirateten, dadurch die 
Ehefrauen, die Himmler auf eine Million 
bezifferte, zum Ehebruch trieben und, 
schlimmer noch, deren generatives 
Potential «blockierten». Die in solchen 
Ehen zur «Tarnung» indie Weltgesetzten 
Kinder seien zusätzlich noch - da durch 
die «Anlage» zur Homosexualität belastet 
- erbbiologisch minderwertig (was aber 
für Himmler hier offenbar nur von 
zweitrangiger Bedeutung war): 

Ravensbrück, Srafblock 





«Ich will ihnen offen zugeben: wir alle 
haben noch vor zwei oder drei Jahren 
gesagt: völlig ausgeschlossen, daß der 
Mann homosexuell ist: er hat ja Kinder, 
so nette, reizende Kinder und eine nette 
Frau! Das ist aber gar nicht ausgeschlos¬ 
sen. In der Mehrzahl dieser Fälle heiratet 
dieser Feigling von Mann die Frau und 
setzt noch zwei oder drei Kinder in die 
Welt, die meiner Überzeugung nach noch 
mit dem Hang zur Homosexualität belas¬ 
tet sind und sein wirkliches Ausleben hat 
er mit seinen homosexuellen Freunden 
und Jungen. Die Frau geht drüber kaputt 
und dann kommt der Fehltritt. Dann heißt 
es: diese schlechte Frau hat Ehebruch 
getrieben und ihren Mann betrogen, und 
dabei hat sie doch ihre KinderI Das ist 
eine sexuelle Belastung, diese eine Million 
Frauen, deren Männer sich dem gleichen 
Geschlecht zugewendet haben . Das ist 
viel, viel schlimmer, als sie alle 
annehmen.» 

In einer Rundfunkansprache im Januar 
1937 äußerte sich Himmler auch vor qiner 
großen Zuhörerschaft. In dieser Rede 
anläßlich das «Tages der Deutschen 
Polizei» nennt Himmler die Bekämpfung 
der Homosexualität und Abtreibung als 
die zwei Hauptaufgaben der Polizei, denn 
ein «Fortleben dieser beiden Seuchen» 
bringe «jedes Volk an den Abgrund». 
Deshalb sei er «unnachsichtig an die 
Verfolgung dieser Scheußlichkeiten 
herangegangen», und zwar nach j der 
bekannten zweigleisigen Methode: 
«unbarmherziges Vorgehen gegen die 
Verführer» einerseits und «Erziehung 

verführter junger Burschen» andererseits. 

Nicht zufällig nannte Himmler in dieser 
öffentlichen Rede keine Zahlen. An an¬ 
derer Stelle schätzte er 1-2 Millionen 
«Homosexuelle in Deutschland» - gemeint 
waren Männer. Seine «Experten» sprachen 
gar von 2-4 Millionen - eine Zahl, die 
Himmler jedoch zu hoch fand. Diese 
Zahlen sind freilich mit Vorsicht zu 
genießen; sie dienten u.a. dazu, das scharfe 
Vorgehen gegen homosexuelle Männer 
zu rechtfertigen. Legt man jedoch die von 
Kinsey geschätzten 4% zugrunde,sodürfte 
sich die Anzahl homosexueller Männer 
auf etwa 1,4 Millionen belaufen haben 
und kam damit der von Himmler ge¬ 
schätzten nahe. 

Explizit ging Himmler in seinen mir 
bekannten Reden auf lesbische Frauen 
nicht ein. Wurde er jedoch in der Praxis 
mit weiblicher HomosexualitätbzwJ dem 
Verdacht derselben konfrontiert, war er 
um eine «Lösung» nicht verlegen, insbe¬ 
sondere wenn es die (bislang kinderlose) 
Ehe eines hochrangigen SS-Mannes be¬ 
traf. So bspw. im Fall des SS-Grup- 
penführers und Befehlshabers der 














Ordnungspolizei im Generalgouverne¬ 
ment Polen, Herbert Becker, der an der 
Deportation von deutschen Juden nach 
Polen beteiligt war. Offenbar hatte 
Himmler aus einem Briefwechsel zwi¬ 
schen Beckers Frau und einer Frau W. auf 
eine lesbisches Verhältnis zwischen bei¬ 
den Frauen geschlossen und daraufhin 
Becker zur Rede gestellt. Was zwischen 
beiden Frauen tatsächlich «vorgefallen» 
war, läßt sich nicht feststellen - der in- 
kriminiertc Briefwechsel und die näheren 
Umstände seiner Entdeckung sind nicht 
bekannt. Wichtig ist, wie Himmler mit 
einem solchen Verdacht umging. 

Zur Rede gestellt, versicherte Becker, 
seinem Reichsführer in einem Brief vom 
13.2.1943, daß seine Frau «niemals, auch 
nicht ein einziges Mal, diese Verirrung 
ausgeübt habe und daß sie das auch nie¬ 
mals tun werde. Sie habe gar keinen Sinn 
für solche Widematürlichkeiten und habe 
sich im Gegenteil vom Beginn ihrer Ehe 

an nichts schnlichergewünschtalsKinder! 

(...) Meine Frau gibt ferner an, daß Frau 
W. niemals auch nur andeutungsweise 
den Versuch gemacht habe, sich ihr in der 
in Rede stehenden Weise zu nähern.» 

In der Tat, so gibt Becker zu, sei die 
Freundschaft zwischen den Frauen 
«außerordentlich herzlich gewesen. De¬ 
mentsprechend herzlich sei auch der Ton 
ihrer Briefe gewesen. Die überschweng¬ 
liche und verstiegene Ausdrucksweise 
erkläre sich einerseits daraus, daß Frau 
W., die sich für eine Schriftstellerin hält, 
einen preliösen Stil bevorzugt habe und 
andererseits daraus, daß meine Frau, 
gequält von tiefstem Mitleid mit der 
vermeintlich gänzlich unschuldig in Ver¬ 
dacht geratenen Frau W-, sich selbst in 
eine derartig übertriebene Schreibweise 
hineinsteigerte. Alles was in den Briefen 
geschrieben stehe, erkläre sich aber ent¬ 
weder völlig harmlos oder es sei dummes 
Zeug und habe jedenfalls mit lesbischer 
Liebe nicht das geringste zu tun.» 

Becker versprach Himmler weiterhin, 
sich nicht, wie er vorhatte, scheiden zu 
lassen, sondern «zu einem klaren, von na- 
tionalsozialistischen Erkenntnissen 
getragenen ehelichen Zusammenleben» 
zurückzufinden, und er hoffte, «in der 
Zukunft auch mit Kindern gesegnet zu 
Werden». Das war der Preis, um dessent- 
willen Himmler ganz pragmatisch bereit 
war, die erhobenen Vorwürfe zu 
vergessen: Beckers Ehe solle «durch die 
Geburt von Kindern den wahren, 
bleibenden Sinn und Inhalt» erhalten. 

Nichtbekanntist.obBcckersFrau diesem 

Befehl Himmlers nachkam, und auch 
nicht, ob Frau W. eine ebensolche 
«Bewährungsprobe» eingeräumt wurde. 

Es ist bekannt, daß Himmlers Ansprüche 


an SS-Angehörige in bevölkerungs- und 
«rassen»politischer Hinsicht weitgehend 
waren: so sollte für SS-Ehepaare die 
«Mindestkinderzahl einer guten und 
gesunden Ehe» bei vier liegen. Himmlers 
diesbezügliche Vorstellungen beschränk¬ 
ten sich jedoch nicht auf seine Elite¬ 
organisation. Nach dem Krieg sollte jede 
«arische» Frau unter 35 Jahren, ob verhei¬ 
ratet oder ledig, zur Geburt von vier 
Kindern verpflichtet werden! Nach den 
Worten von Kaltenbrunner, Chef des 
Reichssicherheitshauptamtes ab 1943, 
sollten diese Kinder von «reinrassigen, 
einwandfreien deutschen Männern» stam¬ 
men; dabei sollte es keine Rolle spielen, 
ob die Erzeuger bereits verheiratet waren. 

Besonders ab 1939 gab es Vorschläge 
zur «unorthodoxen» Geburtensteigerung. 
Ein Autor beklagt schon 1933 das 
«riesengroße Brachfeld» lediger Frauen, 
deren «prangende Tragfähigkeit aus¬ 
zunutzen» sei. Himmler, die SS, der 
«Stellvertreter des Führers», Hess, und 
andere forderten eine «neue Moral», die 
nicht in den bürgerlichen, kirchlich 
geprägten Sexual- und Ehevorstellungen 
befangen sein sollte. Hierbei ging es in 
erster Linie um dieFrage der unehelichen 
Mutterschaft, die Stellung unehelicher 
Mütter und Kinder, aber auch um die 
Frühehe. 

In seiner bereits erwähnten Rede vor 
dem Sachverständigenbeiratim Juni 1937 
forderte Himmler, diese Probleme «mit 
einer einigermaßen germanischen 
Großzügigkeit» zu behandeln. «Solda¬ 
tisch gesehen» sei diese Frage sehr wichtig: 
die (potentiellen) unehelichen Kinder, die 
derzeitnoch abgetrieben würden, ergäben 
in 30 Jahren eine zusätzliche Armee von 
vierhunderttausend Mann. Himmler rügte 
den «pharisäischen» Umgang der Partei 
mit Sexualität nach dem Motto «zuerst 
Eheschließung und dann Zeugung»: 

«Denn alles, was wir hier zu stark ein¬ 
schränken, landet drüben auf der anderen 
Seite bei den Homosexuellen. Irgendwo 
geht es hin, irgendwohin weicht es ab. 
Wenn wir die Natur absperren, bekom¬ 
men wir die Zustände, wie wir sie heute 
haben», orakelte Himmler und berief sich 
auf Hitler, der der gleichen Meinung sei 
wie er. 

In diesem Kampf gegen Abtreibung 
und (männliche) Homosexualität war das 
Problem der Prostitution für Himmler nur 
ein vergleichsweise geringes. Im Gegen¬ 
teil - sie war ihm vielmehr als scheinbares 
Mittel zur Bekämpfung der männlichen 
Homosexualität willkommen. (...) 

Sexualität dürfe keine private 
Angelegenheit sein, oder um mit Himmler 
zu sprechen: «alle Dinge, die sich auf dem 
geschlechtlichen Sektor bewegen, sind 


jedoch keine Privatangelegenheit eines 
einzelnen, sondern siebedeuten das Leben 
und Sterben des Volkes. (...) Das Volk, 
das sehr viel Kinder hat, hat die 
Anwartschaft auf die Weltmacht und 
Weltbeherrschung.»” 

Diese neue Moral Himmlers in Bezug 
auf die Bevölkerungspolitik, viele Kinder 
für den Staat und die imaginäre Armeezur 
Erlangung der Weltherrschaft einerseits, j 
und Triebkanalisation wie Entlastung | 
durch Bordellbesuche andererseits hat j 
Prostituierte nicht vor Verfolgung i 
geschützt. j 

Im Jahre 1927 wurde eine Kartei von | 
Prostituierten angelegt, angeblich zur 
gesundheitlichen Kontrolle von Ge¬ 
schlechtskrankheiten, wo aber im 
Reichsgesetz ausdrücklich verankert war, 
daß gewerbliche Unzucht nicht strafbar 
ist. Ab 1933 wurde diese Kartei von den 
Schergen desNS-Regimes zur Verfolgung 
mißbraucht, und viele Prostituierte als 
Asoziale inhaftiert Ab 1934 begann die 
Zwangssterilisation und mit dem Einset¬ 
zen des Volksschädlingsgesetzes 1939 be¬ 
gannen die massenhaften Inhaftierungen 
und der Vemichtungsfeldzug gegen alles 
Lebende, das nicht in das NS-Muster 
paßte. 

Diese Frauen und hauptsächlich die 
Frauen, die als Lesben ins KZ verschleppt 
worden waren, wurden ab 1943 nach einer 
am 15.5.1943 erlassenen Dienstleis¬ 
tungsverordnung in die Bordelle der 
Männer-KZs überführt. In dieser Dienst¬ 
vorschrift heißt es: 

“ Der Umfang und die Dringlichkeit J 
aller mit Häftlingen zur Durchführung ! 
gelangenen Arbeiten erfordernden höchste J 
Leistung eines jeden Häftlings. Die ' 
gegenwärtigen Ergebnisse müssen deshalb j 
zu einer Steigerung gebracht werden. Sie ! 
wird durch Führung und Erziehung der j 
Häftlinge erreicht, und durch Gewährung j 
von Vergünstigungen an die Häftlinge j 
anerkannt. Hierfür erlasse ich folgende ! 

Dienstvorschrift 

Häftlinge, die sich durch Fleiß, Um¬ 
sichtigkeit, gute Führung und besondere j 
Arbeitsleistung auszeichnen, erhalten 1 
künftig Vergünstigungen. . j 

Diese bestehen in Gewährung von: 

1. Hafterleichterung ( 

2. Verpflegungszulagen i 

3. Geldprämien 

4. Tabakwarenbezug 

5. Bordellbesuch (...) I 

i 

Nur den Spitzenkräften soll auf Wunsch j 
als besondere Belohnung der Besuch des | 
Bordells ermöglicht werden. Die betref- j 
fenden Häftlinge stellen einen kurzen An- j 
trag über den Schutzhaftlagerführer beim j 
Lagerkommandanten, der ihn zugleich J 


21 









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umente 


mit den Themen; 

Nationalismus • Räte¬ 
modelle • antifaschis¬ 
tische Kommitees nach 
1945 Kriminalisierung 


außerdem: 

viele Adressen • Lexikon 
faschistischer Gruppen 
und Organisationen - 
Tips und Tricks 


240 Seiten, Hosenta« 
schenformat, 11.50 DM 
jetzt überall im Buch¬ 
handel oder direkt bei: 

UNRAST-Verlag 
Querstraße 2 
48155 Münster 


prüft und entscheidet. Der Lagerkomman¬ 
dant ist ermächtigt, die Erlaubnis zum 
Besuch des Bordells im Einzelfalle bis zu 
einem Mal schriftlich zu erteilen. 

Ich weise jedoch besonders daraufhin, 
daß hierfür nur Häftlinge mit wirklich 
hervorragender Leistung zugelassen wer¬ 
den. 

Für den Besuch des Bordells haben die 
Häftlinge eine Gebühr von RM 2 zu ent¬ 
richten. Die Entrichtung erfolgt durch 
Abgabe eines Prämienscheines in dieser 
Höhe, die der Häftling an seiner Arbe¬ 
itsstelle für seine dort geleistete Mehrar¬ 
beit erhalten hat (...). 

Von diesem Betrag erhält die Insassin 
des Bordells RM 0,45, der aufsichts¬ 
führende weibliche Häftling RM 0.05, 
der Rest in Höhe von RM 1,50 ist vorläufig 
zu hinterlegen und halbjährig erstmalig 
am 10.1.1945 für die Zeit bis zum' 
31.12.1943 dem Chef der Arbeitsgruppe 
D zu melden, gez. Pohl, SS-Obergrup- 
penführer und General der Waffen-SS” 

Deutlicherkann keine Verordnung sein, 
welchen Zweck Bordelle haben. Das gilt 
meiner Meinung nach generell, wobei die 
gesellschaftliche Funktion des Kanali- 
sierens die andere Seite der gleichen Me¬ 
daille ist. Der symbolische Ausdruck 
dieser Entmenschlichung findet ja auch in 
einem Spruch der Nazis sich wieder, der 
an verschiedenen Eisentoreingängen von 
KZs materialisiert wurde: “Arbeit macht 
frei”. Allerdings gab es die ersten Bor¬ 
delle schon ab 1942, weil z.B. IG Farben 
die Akkordarbeit angetrieben haben 
wissen wollte. So zum Beispiel in Buch¬ 
enwald, in Auschwitz und Sachsenhausen. 

Den Frauen in Ravensbrück wurde unter 
dem Deckmantel von Versprechungen die 
Freiwilligkeit suggeriert, indem ihnen 
versprochen wurde, daß sie nach sechs 
Monaten Bordellaufenthalt entlassen 
würden. 

Bevor sie in die KZ Bordelle verlegt 
wurden, gab es für die Frauen Essenszu¬ 
lage. Auch in den Bordellen selbst war die 
Verpflegung der Prostituierten besser als 
die der übrigen Insassen. Selbst Blumen 
fanden sich in einzelnen Zellen, die für 
die Frauen hergerichtet waren. 

Wenn Frauen aber die Barbarei der Ver¬ 
gewaltigung überstanden hatten, dann 
wurden sie selbstredend nicht entlassen, 
sondern kamen nachRavensbrück zurück. 
Oft genug verseucht mit Krankheiten ver¬ 
schiedener Art, aber hauptsächlich mit 
Geschlechtskrankheiten. Die ärztliche 
Versorgung der Frauen unterblieb in den 
meisten Fällen, so daß sie nach kürzester 
Zeit starben. Aber auch schwangere 
Frauen kehrten zurück, deren Kinder abge¬ 
trieben wurden. Allerdings wurden auch 
einige Kinder in Ravensbrück geboren. 




Was ich meinem Bericht noch 
hinzufügen möchte, ist, daß es irgendwann 
einen Arbeitseinsatz auf dem Geländeder 
Mahn- und Gedenkstätte geben wird. Der 

Teil, der jetztvonder russischen Besatzung 

geräumt wurde und wird, ist nicht nur die 
ehemaligeSS-Wohnsiedlurigaufdem ehe¬ 
maligen KZ Gelände. Demnächst 
freigegeben wird ebenso das gesamte 
Gelände auf dem die Baracken standen, 
wo bei einer ersten Begehung durch Mi¬ 
tarbeiter der Gedenkstätte festgestcllt 
w urde, daß die Grundmauern noch vorhan¬ 
den sind. Ähnlich wie in Sachsenhausen 
könnte bei Freilegung von Überwuch¬ 
erung sichtbar gemacht werden, wie und 
wo die Frauen untergebracht waren: Von 

wo aus ihr morgendlicher Arbeitseinsatz 

zur Vernichtung menschlichen Lebens be¬ 
gann, und wo sie stundenlang in Kälte und 
Hitze zum Appell und Strafappell stehen 
mußten. 

Bei Freigabe könnte auch dieser Teil 
des Geländes zur Mahnung an eine Form 
der Barbarei dienen, und die heute Leben¬ 
den erinneren, daß Geschichte sich noch 
allemal wiederholt wenn nicht' den 
Anfängen entschlossener Widerstand ent¬ 
gegengesetzt wird. 


Anmerkungen: 

1. Isa Vermehren, Reise durch den 
letzten Akt. Ravensbrück, Buchenwald, 
Dachau: eine Frau berichtet, Reiribcck 
1979 

Brief von Katharina Jacob von 20.11.36. 

Sie war von November 44 bis April 45 
politische Gefangene in Ravensbrück. 

Luce d'Eramo, der Umweg, Reinbcck 
1981 

Gespräch mit Isa Vermehren; von 
15.10.87 

2. Claudia Schoppmann, National¬ 
sozialistische Sexualpolitik und weibliche 

Homosexualität, Centaurus- Verlagsge¬ 
sellschaft, Pfaffenweiler 1991 


m 


Aufkleber „gegen den Strom“ 
von „Anarchie“ bis „Zukunft“. 
115 versch. Motive. Prospekt bei 
P.FLÖ. Peter Rose, 
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nach Euren Vorlagen + Ideen. 
T.089/3081235 Fax 089/3081854 


22 
















Eigentlich verbietet es sich schon aus 
moralischen Gründen auf die “Argu¬ 
mentation” der Rechtsradikalen, “Au¬ 
schwitz” ,'d.h. der Massenmord an der 
jüdischen Mitbevölkerung, “sei tech¬ 
nisch nicht möglich gewesen” einzu¬ 
gehen . Zuviele Leidensberichte Über¬ 
lebender, zuvieleermordeteFamilien- 
mitgliederGeflohener und schließlich 

die Geständnisse von Ver-antwort- 
lichen wie Eichmann oder Höß haben 
der rechtsradikalen “Beweisführung” 
von Anfang an, den Boden entzogen. 
Aber weil dieser Massenmord auch 
von Linken als ein industrieller 
Massenmord bezeichnet wurde, 
entstand für interessierte Kreise diese 
Lücke, in der Desinformationen grei¬ 
fen konnten, in der der Massenmord 
als bloßer “Glaube”, als “Irreführung 
und Gehirnwäsche der US-Ameri¬ 
kaner” geleugnet werden sollte. Ver¬ 
meintliche Sicherheit für solche Be¬ 
hauptungen entstand vor dem Hinter¬ 
grund, daß es der SS gelungen war, 
vor ihrem Abzug die Gaskammern zu 
sprengen und die Akten und anderes 
belastendes Material zu vernichten. 

Nun hat-cin politisch ursprünglich 
eher rechts anzusiedclnder Auschwitz- 
Forscher aus Frankreich, Jean-Claude 
Prcssac, - nach dem Studium neu- 
zugänglicher KGB-Akten den tech¬ 
nischen Beweis für die Machbarkeit 


vember 1944 für den Massenmord 
verwendet). Die ersten 1492 aus 
Krakau stammenden Frauen, Kinder 
und Greise, die in diesen neuen Kam¬ 
mern als erste umgebracht wurden, 
wurden in nur 20 Minuten getötet und 
über einen Warenaufzug (mit 1500 kg 
Tragkraft) ins Krematorium gehievt 
und dort innerhalb von 2 Tagen 
verbrannt- auch das geben die Unter¬ 
lagen wieder. 

Kommen wir zu anderen zentralen 
Behauptungen der Rechtsradikalen: 

1) "Die Gaskammern waren nicht 
beheizbar, Zykon B wirkt aber 
erst bei 25 Grad Celsius.” 

Die Antwort: DieFirmaTopf & Söhne 
wollte zuerst eine Heizung ein¬ 
bauen, stellte aber fest, daß die 
Körpertemperatur der so zahl¬ 
reich in die Gaskammern getrie¬ 
benen Menschen den Raum bis 
zu 25 Grad “aufheizte”. 

2) "In den Gaskammer-Wänden 
fanden sich nur geringe Reste von 
Blausäure (Zyklon B)" 

Die Antwort: Die Ermordeten haben 
den Großteil desZyklon B in ihren 
Körpern aufgenommen. Haar- 
proben-Untersuehungen bestä¬ 
tigten dies. 

3) “Die Gaskammern hatten keine 
luftdichten Türen, auch die Exe- 
kutoren wären getötet worden.” 


von Auschwitz zusammengetragen. 

Der KGB halte Akten der “Bauab- 
leilung von Auschwitz” gefunden und 
darunter die Firmcnunierlagcn der 
Erfurter Firma Topf & Söhne be¬ 
schlagnahmt. Diese Firmenunterla- 
gen belegen den Ausbau von Au¬ 
schwitz minutiös, bis hinein in die 
Überstunden ihrer Techniker. Die 
Firma erhielt Aufträge für die Ver¬ 
brennungsanlage im Wert von 554.500 
Reichsmark. Natürlich ist Pressacs 
Buch “kalt”, es zeigt nichts vom Leid 
der Menschen, aber es schließt auf 
seine Weise das Wissen um diese an¬ 
gebliche Lücke der “technischen 
Machbarkeit”. 

In den KGB-Akten fanden sich 
Berichte, Bestcllunterlagen und Ab¬ 
rechnungen von Technikern der Firma 
Topf & Söhne (spezialisiert für den 
Krematorienbau), die die Gaskam- 


Antwort: Im KGB-Archiv fanden sich 
Bestellunterlagen für gasdichte 
Türen. In Berichten findet sich 
der Hinweis, daß die SS-Leute, 
die das Zyklon B einfüllten mit 
Gasmasken arbeiteten. 

4) “Die Verbrennungsöfen von Au¬ 
schwitz hatten nicht die Kapazität 
um. eine Million Menschen zu 
töten." 

Antwort: Die Öfen von Topf & Söhne 
hatten eine Verbrennungskapa- 
zitätvon.l,6Miilionen Menschen 
pro Jahr. 

Das Buch Pressacs ist gerade in Frank¬ 
reich erschienen: 


Jean-Claude Pressac: 

“Les crematoires d'Auschwitz.La 
machinerie du meutre de masse", 
CNRS-Editions, Paris 1993 


mem im März 1943 “betriebsbereit” 

murhipn reif» wurden bis zum No- Wolf gang Haug 



Bücher, die der SF- 
Redaktion zugesandt 
wurden. Eine Rezension 
behalten wir uns vor: 

Kommentierte Literaturliste zum The¬ 
ma Antifaschismus, Unrast-Ver- 
lag/Anares-Nord, Münster/Sehn¬ 
de 1993,2.-DM 

Klaus-Peter Drechsel: Beurteilt - ver¬ 
messen - ermordet. Die Praxis der 
Euthanasie bis zum Endedes deut¬ 
schen Faschismus. DISS-Verlag, 
Duisburg 1993,175S., 16,80 
Marek Edelman: Das Ghetto kämpft. 
Warschau 1941-43, mit einem 
Vorwort von Ingrid Strobl. Harald 
Kater Verlag, Berlin 1993, 98 S, 
14.80 DM 

Hugo Sonnenschein: Schritte des 
Todes. Traumgedichte aus Au¬ 
schwitz. Edition Wilde Mischung, 
Verlag Monte Verita, Wien 1993, 
30 S., 11.-DM 

Siegfried Jäger/lürgen Link (Hg.): Die 
vierte Gewalt. Rassismus in den 
Medien, DISS-Verlag, Duisburg 
1993, 328 S., 29,80 DM 
JensF. Dwars, DieterStrützel, Matias 
Mieht (Hg.): Widerstand wahr¬ 
nehmen. Dokumente eines Dialogs 
mit Peter Weiss, GNN-Verlag, 
Köln 1993, 350 S., 25.-DM 
Albert Sterr: Ches Erben. Gespräche 
zur aktuellen Politik der Guerrilla 
in Lateinamerika. ISP-Verlag, 
Frankfurt 1993.235 S., 24,80DM 
Sisisna (Hg.): Midnight Oil. Arbeit - 
Energie-Krieg. Thekla 14.Sisina- 
Verlag, Berlin 1993,173 S„ 14.- 
Martin Sprouse (Hg.): Sabotage. 
Arbeiterinnen aus den USA er¬ 
zählen ihre Version des alltägli¬ 
chen Klassenkampfs, Sisina-Ver- 
lag, Berlin 1993, 160S., Thekla 
16,16.-DM 

Zeitschriftenhinweis: Seit 1992 er¬ 
scheint die Buchzeitschrift So¬ 
ciety and Nature in den US A und 
Griechenland in englischer Spra¬ 
che. Sie wird widmet sich in ihren 
Beiträgen vorallem der Weiterent¬ 
wicklung der Sozialen Ökologie 
(Autoren u.v.a. Murray Bookchin, 
ComeliusCastoriadis.JohnClark) 
DieZeitschriftkann abonniert wer¬ 
den; Society and Nature, Sub¬ 
scription Services, P.OJBox 637, 
Littleton, CO 80160-0637, USA 
(24.-USS für 3 Ausgaben im Jahr, 
jede ca.240S.) 


HSÜeit einiger Zeit macht eine neue 
j »Sekte« von sich reden: ZEGG 
(»Zentrum für experimentelle Gesell¬ 
schaftsgestaltung«)! Sie haben sich 
an den Aktivitäten zum »Tag der Erde« 
in Kassel beteiligt, waren auf dem 
»AufTakt-Festival« in Magdeburg 
vertreten und versuchen auch anders¬ 
wo in der »alternativen« Szene neue 
Anhängerinnen zu finden. 

Das besondere Ziel von ZEGG ist 
die »freie Sexualität und Liebe«, um 
darüber zu einer »gewaltfreien Erde« 
zu gelangen. Einer der Gründer von 
ZEGG ist Dieter Duhm. Er war in den 
70er Jahren in der AAO-Kommune 
von Otto Mühl aktiv, entwickelte dort 
1977 mit Aike Blechschmidt das 
Konzept von ZEGG mit dem Ziel: 
Die AAO gesellschaftsfähig zu 
machen, ihr den anrüchigen Ruf einer 
Sekte zu nehmen, dadurch sollte die 
AAO in die Altemativszene integriert 
werden. Nun haben sie ein 15 ha großes 
ehemaliges Stasi-Gelände in Belzig 
bei Berlin für 2,15 Mio. DM (dabei 
600.000 DM vom Aufbauprogramm 
Ost bzw. aus Steuergeldem einge¬ 
sackt) gekauft. 

ZEGG-Projekte 

Zu ZEGG gehören verschiedene 
Projekte und Gruppen, wie z.B. Sex- 
Peace . In Köln machte Sex-Peace von 
sich reden, weil Mitgliedern bzw. 
Sympathisantlnnen sexueller Mi߬ 
brauch von Kindern vorgeworfen 
wird. Im Juni 1992 begann in Köln ein 
Prozeß wegen sexuellem Mißbrauch 
von Kindern gegen einen 40-jährigen 
Efzieher. Aber auch andere Aussagen 
von ZEGG machen es notwendig, sich 
genauer mit dieser »Sex-Sekte« zu 
beschäftigen. 


Otto Mühl und die 
AAO-Kommune 

1973 gründete Otto Mühl die AAO, 
die drei Buchstaben stehen für 
»Aktions-Analytische Organisation«. 
Mühl verspricht, den Weg zu einer 
»befreiten Gesellschaft« gefunden zu 
haben. Mit der angeblichen Abschaf¬ 
fung von Privateigentum und der 
»freien Sexualität« wirbt er für sich 
und seine AAO-Kommune. Diese 
zeichnet sich durch hierarchische und 
patriarchale Gruppenstrukturen, die 
zu psychischen Zusammenbrüchen 
bei Kommunemit-gliedem führten. 
Desweiteren fiel Mühl als »Ak¬ 
tionskünstler« mit seinen sexistischen 
Darbietungen auf.. 

Die Forderung nach einer »freien 
Sexualität« beruht u.a. auf den 
Gedankengängen von Wilhelm Reich, 
der glaubte, daß die Energie des ge¬ 
sunden, gepanzerten Menschen am 
besten während des Orgasmus fließt. 
Bei der AAO führte dies zu »Fick¬ 
listen« und einer patriarchalen 
Hierarchie. 

»Dam it Sexualität wie die täglichen 
Mahlzeiten zur Verfügung stehen 
konnte, war es außerdem notwendig, 
daß sich niemand in der Kommune 
über längere Zeit hin der freien 
Sexualität entzog. Wer über mehrere 
Tage sexuell abstinent bleiben wollte, 
sich mehreren Geschlechtspartnern 
verweigerte, der wurde zum Gruppen¬ 
problem. Da Geilheit* den Menschen 
kennzeichnete und diese nur durch 
die Kleinfamilienerziehung unter¬ 
drückt war, erschien jedes Gruppen¬ 
mitglied, das längere Zeit keine Lust 
hatte, als krank.«2 


Der Tyrann und Alleinherrscher 
Mühl nahm sich das »Recht« alle 
heranwachsenden Mädchen in der 
Kommune zu deflorieren. Er be¬ 
trachtete es als seine Pfl icht, die »Mäd¬ 
chen in die Sexualität einzuführen«.. 
Er verbot »jeden Kontakt zwischen: 
den Mädchen zu den Buben als sich 
Beziehungen unter den Jugendlichen 
anbahnten. Er machte dann zur 
Auflage, daß die jungen Mädchen nur 
noch mit ihm sexuellen Kontakt haben j 
durften. Das wurde öffentlich (als 
diese etwa 15 bzw. löJahrealtwaren) 
im Palaver bekannt-gegeben, daß er 
sich das Recht vorbehält, bis die 
Mädchen 17 oder 18 Jahre alt sind, 

denn nur er sei in der Lage, so eine 
sexuelle Beziehung nicht für eine per¬ 
verse Zweierbeziehung zu miß~| 
brauchen.«3 1 

Hin Strafgericht in Österreich hat 
Otto Mühl mittlerweile wegen 
Vergewaltigung und sexuellem Mi߬ 
brauch von Kindern zu sieten Jahren 
Haft verurteilt. 

Nach dem Reaktorunfall von 
Tschernobyl ging Mühl mit über 200 
seiner Anhängerinnen nach Gomera, 
um dort eine neue Kommune auf¬ 
zumachen. Dort wurden per Compu¬ 
ter sogenannte »Ficklisten« erstellt. 
Der Computer legte fest, wer mit wem 
schläft. Dies war Bestandteil des so¬ 
genannten »Kampfes gegen die 
Kleinfamilien«, so sollten feste! 
Bindungen zwischen zwei Menschen 
verhindert werden. Das Aus für diese 
sexistische »Sekte« kam dann 1991 
während des Prozesses gegen Mühl. 

Da sich ZEGG ständig von Otto 
Mühl und der AAO-Kommune; 


24 


Photos: Henning Kaiser/transparent 









distanziert, lohnt es sich anzuschauen, 
was Duhm selber über die AAO- 
Kommune geschrieben hat. Duhm war 
in der Münchner AAO-Kommune bis 
zur Rang-Nummer 4 aufgesüegen. 

Duhm schreibt über das soziale 
Modell »AAO-Kommune«, »daß es 
trotz der großen Mängel, die ihm noch 
anhaften, jetzt schon zur Weichen¬ 
stellung für eine humane Zukunft einen 
einzigartigen Beitrag geleistet hat. »4 
Über den Menschen Otto Mühl 
schreibt Duhm: »Es gibt wohl, kaum 
einen groteskeren Gegensatz als den 
zwischen dem leibhaftigen Mühl und 
der Horrorfigur, welche die Presse 
aus ihm machte. (...) Mühl besitzt 
Macht und Ausstrahlung. Aber es ist 
eine weiche Macht f die keine Gesetze 
und keine Herrschaft errichtet, 
sondern Gesetze durchbricht , wo sie 
der Lebendigkeit im Wege steht. «5 
Zu der Hierarchie in der AAO- 
Kommune schreibt er: »Bei dieser 
Gelegenheit noch ein Blick auf die 
vielgeschmähte AA-Hierarchie. Sie 
besteht in der Tat. Aber sie ist mit 
einem Gedanken verbunden, welcher 
der Demokratie-Diskussion einen 
interessanten Impuls geben könnte: 
Die in jeder Gruppe offen oder 
unterschwellig vorhandenen Auto- 
ritäts - und Konkurrenzverhältnisse 

sollen offen dargestellt werden, um 
die Gruppe von der üblichen Intriganz 
heimlicher Kämpfe zu befreien. Die 
Hierarchiebildung läuft öffentlich und 
meistens durch Abstimmung.«6 
Angesichts der Taten von Otto Mühl 
sind diese Zitate ein Hohn für Opfer 
des Terrors durch Mühl. 

ZEGG ist nichts anderes als eine 
Weiterentwicklung der AAO-Kom¬ 
mune. 


Welche Gruppen und 
Projekte 

gehören zu ZEGG? 

Projekt Meiga wurde 1978 von Duhm 
gegründet, dazu gehört das Eros- 
Projekt »Casa Las Piteras« 

Meiga 3000: Hier geht es um eine 
zukünftige Stadt von etwa 20.000 
Menschen, denn erst ab einer 
bestimmten Größe können die 
Menschen als Pilotmodell »funk¬ 
tionieren«, so daß es auch auf die 
ganze Menschheit übertragen werden 
könnte. 

Verlag Meiga: Dort erscheint die 
Grundlagcnliteratur von Dieter Duhm 
u.a. 

Jetzt. e.V. - Jugend entwickelt 


Zukunft: Hiermit sollen junge 
Menschen an ZEGG gebunden wer¬ 
den. 

Aktion Perestroika e.V.: Im 
Vorstand ist Rainer Duhm, der Bruder 
von Dieter Duhm. Der Verein hat 
seinen Sitz in der alternativen »Krebs¬ 
mühle« in Oberursel und wurde im 
März 1990 gegründet. Unter dem 
Vorwand Initiativen in der UdSSR zu 
unterstützen, wurde Geld für die 
»Sekte« gesammelt. 

Sex-Peace ist des öfteren in der 
Presse im Zusammenhang von 
sexuellen Mißbrauch von Kindern 
durch Erzieherinnen in Kinderläden 
(z.B. Köln) erwähnt worden. 

Wüstencamps 

Haven arctica: Näheres siehe weiter 
unten. 

Forschungsschiff Kairos: Hiermit 
soll versucht werden, Kommunikation 
mit den Delphinen aufzunehmen. 

Casa Las Piteras auf Lanzarote ist 
die »Erotische Akademie« 

ZEGG-Unversität findet in Belzig 
statt. 

Theatergruppe »Die Unerlösten« 

ÖkoteCy ein Ingenieurbüro für 


Age-Welle kam da gerade zur rechten 
Zeit. 

Die Forderungen nach einer ge¬ 
sellschaftlichen Veränderung können 
aufgegeben werden, denn jede 
Veränderung reduziert sich auf das 
persönliche ICH. Die Rebellinnen von 
einst haben jetzte feste und gute Jobs, 
haben sich etabliert und sind trotzdem 
nicht zufrieden. In der Freizeit, an 
Wochenenden oder in Sommer- und 
Workcamps können sie sich selber 
befreien und »selbst«verwirklichen, 
und am Montag können sie dann 
wieder ihrer Lohnarbeit nachgehen, 
ohne diese zu hinterfragen. 

ZEGG ist deshalb auch keine 
selbstverwalte Landkommune, son¬ 
dern eine durchkapitalisierte GmbH, 
die sich wie eine Holding in 
verschiedene Unternehmen auf¬ 
gliedert. Viele ZEGG-Mitgiieder sind 
Angestellte einer dieser Firmen oder 
direkt von ZEGG, einige verdienen 
ihr Geld auch außerhalb. JedeR muß 
sich um ihre/seine Lebenssicherung 
selber kümmern. Die Struktur von 
ZEGG wird von ihnen als »trans¬ 
parente Hierarchie« bezeichnet. So 



Energie- und Umweltplanung 
Neuland Garten- und Landschafts¬ 
bäu 

ZEGG und die 
HERRsehaftsinteressen 

Die New Age-Bewegung ist wie vieles 
andere von den USA über den großen 
Ozean nach Westeuropa geschwappt. 
Seit Mitte der 80er Jahre ist diese 
Bewegung in der BRD sehr stark 
geworden. Der Mißerfolg der 68er 
und viele verlorene Kämpfe der 70er 
Jahren führten zu einer Suche nach 
etwas Neuem. Die Esoterik und New 


ist jeder/m bei ZEGG klar, wo ihre/ 
seine Position ist, wo unten und oben 
ist. 

ZEGG will damit alle Menschen 
ansprechen, die »auf der Suche nach 
neuen Wegen« sind, um die 
gesellschaftliche und/oder 
ökologische Katastrophe zu 
bewältigen. Der Weg, den ZEGG 
anbietet, ist einfach: jedeR muß sich 
mit ihrem/seinem »Inneren« 
beschäftigen, zu sich selber finden. 
Das System, das für die Katastrophen 
verantwortlich ist, wird nicht 
angegriffen,, es wird nicht mehr 
versucht, es zu verändern oder zu 
beseitigend. „ 


25 










ZEGG und die Ideologie der 

»freien Sexualität« en Evolution« aber sollen ausge¬ 

rechnet die Verhaltens- undEmotions- 
Nach dem Zerfall der APO und der Strukturen, die am gesellschaftlichsten 

Entstehung einer neuen Frauenbe- s * n( ^ & anz * nc üviduell, quasi unter 

wegung sind eine Reihe von Gruppen Ausschaltung des Gesellschaftlichen, 

mit dem Anspruch von »freier Glück und Befreiung bringen. 

Sexualität« entstanden. Meist wurden ^rst einer Gesellschaft, in der es 

sie von Männern, denen die Kritik der keine ökonomischen, gesellschaft- 

Frauenan ihrem patriarchalen Gehabe liehen und strukturellen Macht¬ 

zunehmend zu schaffen machte, ge- Verhältnisse mehr gibt, kann es eine 
gründet, auf der Suche nach einem Sexualität geben, 

anderen Leben im »Hier & Jetzt«. 

Der Grundgedanke dieser Gruppen Sexualiät und Rassismus 

war die »freie Sexualität« und diese 

war dementsprechend meist patriar- Janine Müller legt ihre Theorie von 
chal besetzt. Während die AAO-Kom- »Rassismus und Sexualität« in der 

mune noch der Zweier-Beziehung den ZEGG 2/92 dar. Sie geht dabei von 

Krieg erklärt hat, istZEGG nicht mehr folgendem Zitat von Nancy Friday 

so dogmatisch. Homosexualtität aus ihrem Buch »Die sexuellen 
taucht weder bei Mühl noch bei ZEGG Phantasien der Frauen« aus: 

auf, doch dazu später mehr. »Anonymität ist der beste Freund 

Gruppen wie die AAO, Bund gegen der Phantasie. (...) Anonymität macht 

Anpassung (BgA - ehemals MRI - eine Frau frei, sich zu nehmen, was 

MarxistischeReichistischeInitiative) sie sexuell schon immer wollte, und 
und ZEGG gehen davon aus, daß alle zwar genau auf die Art und Weise, wie 

Probleme, wie z.B. Rassismus, sie es sich immer ersehnte, ohne 

Gewalt, Krieg und Faschismus von jemandem hinterher Rechenschaft 
einer unterdrückten Sexualität aus- ablegenmüssen. (...) Der Neger ist für 



gehen. Würden wir unsere Sexualität sexuelle Phantasien wie geschaffen. 
frei ausleben, hätten wir eine »gewalt- Alles an ihm, real oder nicht, gießt Öl 

freie Erde und eine freie Gesellschaft«. in die Flammen: Wegen der Farbe ist 

Sie gehen davon aus, daß es über eine er verboten, und seinem Schwanz 
sexuelle Befreiung generell zu einer schreibtmanmythischeProportionen 
Befreiung der Menschen kommt. zu.« 

Denn hier sei das Ursprüngliche, Janine Müller zieht aus dem obigen 

Spontane, Ehrliche, da es im Bereich Zitat folgende Schlußfolgerung: 
des Affektiven angesiedelt ist. 7 »Für Frauen werden demnach 

Dabei verhält es sich eher umge- Ausländer zu einer Projektionsfläche 

kehrt: Da das Sexuelle hauptsächlich der eigenen verpönten Sehnsucht nach 

»affektiv« stattfindet, schleichen sich Sex. Die damit verbundene 

hier am unkontrolliertesten soziale Verachtungwirdoft aufdie Ausländer 

Verhaltensmuster,antrainierte Rollen verschoben. 

von Weiblichkeit und Männlichkeit, Für Männer sind sie der Inbegriff 

kurz: Herrschaftsstrukturen, ein. des potenten und nichtfaßbaren Lieb- 

Für die Predigerinnen der »sexuell- habers und dadurch eine immer prä¬ 


sente Bedrohung der eigenen Ehe . 
Das gilt besondersfür junge Männer, 
die gerne zu de ff Frauen hinwollen, 
aber noch nicht wissen, wie. Meistens 
fehlt ihnen eine positive Orientierung 
ihrer Männlichkeit, und sie brauchen 
für ihre gestaute Lust einen Ausweg. 
Ausländer sind da eine willkommene 
Zielscheibe ihrer Wut.« 

Für Janine Müller gibt es an¬ 
scheinend keine Ausländerinnen, die 
rassistischem Terror ausgesetzt sind, 
zum anderen scheinen Frauen für sie 
ausschließlich »weiß« zu sein. Wie 
bei klassischen Rassistlnnen geht 
eine (»angebliche« bei ZEGG) 
sexuelle Bedrohung der »weißen« 
Frauen ausschließlich von Ausländem 
aus. Diese beiden rassistischen und 
sexistischen Auffassungen kommen 
aus der gleichen Grundhaltung: der 
Leugnung der sexuellen Bedrohung 
von »weißen« und »schwarzen« 
Frauen durch »weiße« Männer, 

Christine Holzkamp und Birgit 
Rommelspacher erklären diese Rea¬ 
ktionen anders: »Der realen Be¬ 
drohung von Frauen und Männern in 
allen patriarchalen Kulturen steht das 
Bedürfnis von Frauen entgegen, 
Männer der eigenen ethnischen 
Gruppe nicht als potentielle und 
manifeste Vergewaltiger wahrnehmen 
zu müssen. Die Verlagerung der Angst 
vor Männergewalt allgemein auf die 
Angst vor Gewalt von ausländischen 
Männern wird mit her gestellt durch 
die Angst der inländischen Männer 
vor der sexuellen - übersteigert wahr - 
genommenen - Potenz und dadurch 
bedrohlichen Konkurrenz des aus¬ 
ländischen Mannes, die auch das 
Wahrnehmen, Fühlen und Denken 
ihrer Freundinnen , Schwestern und 
Frauen beeirflußt.« 8 

ZEGG zu 

Vergewaltigungen und 
sexuellem Mißbrauch 
von Kindern 

Die Umdeutung von realen Be¬ 
drohungen und Ängsten bzw. statt¬ 
gefundenen Vergewaltigungen von 
Frauen und Kindern ist nicht neu. 
Dieter Duhm sieht dies so: 

»Alle sogenannten Perversionen, 
also Dinge wie Kindersex, Sadismus 
(...) sind Spaltprodukte der Sexualität 
(...) das Verbot solcher Kontakte ist 
ein Verstoß gegen die Menschlichkeit 
...« und »... viele sogenannte 
Vergewaltigungen sind von den 
sogenannten Opfern ausgelöst worden 
...« (alle Zitate aus ZEGG-extra 








»Sexualität und Kinder«, 1992) 

Diese Ansichten von Dieter Duhm 
sind nicht neu, denn schon vor 20 
Jahren schrieb er: »In den Berichten 
vergewaltigter Frauen kehrt fast 
regelmäßig ein Element wieder: Sie 
empfanden ganz unerwartet große 
Lust und kamen oft sogar zum Orgas¬ 
mus, einige zum ersten Mal in ihrem 
Leben. « 9 

Dieter Duhm macht die Opfer von 
sexueller Gewalt zu Täterinnen. Die 
Frauen, die Opfer von Vergewal¬ 
tigungen wurden, haben dies doch 
selber gewollt, und deshalb die 
Männer bewußt oder unbewußt zu 
dieser Vergewaltigung provoziert. Mit 
dieser Auffassung steht Duhm leider 
nicht alleine in der Gesellschaft, an 
den Stammtischen wird genauso über 
Vergewaltigungen geredet. 

Die Denkweise von Duhm und sei¬ 
nen Freundinnen hat eine lange Tra¬ 
dition, schon Sigmund Freud hat die 
Vergewaltigungen von Kindern und 
Frauen als sexuelle Phantasien abge¬ 
tan. 

Da es auch Täterinnen aus dem 
Bereich der Psychoanalytikerlnnen 
gab und gibt, würde ich das Verhalten 
von Freud nicht als Verdrängung 
bezeichnen, sondern als bewußtes 
Zurückhalten seines Wissen. Sigmund 
Freud wollte auf der Seite der Mäch¬ 
tigen stehen, und wenn er dies wollte, 
mußte er seine Entdeckung vom 
sexuellen Mißbrauch an Kindern 
aufgeben, dies tat er dann auch als er 
1905 »seine Meinung änderte und 
wider besseres Wissen behauptete, 
Frauen würden sich nicht an tat¬ 
sächliche Inzesterlebnisse erinnern,' 
sondern an ihr Verlangen nach Inzest. 
Die Erlebnisse wären eingebildet, 
Phantasie, erfunden - alles, nur nicht 
wirklich geschehen.10 
Aber nicht nur Dieter Duhm und 
Sigmund Freud verharmlosen bzw. 
leugnen sexuelle Gewalt gegen Frauen 
und Kinder, sondern auch der Sexual- 
Wissenschaftler Ernest Bomemann 
beteiligt sich im ZEGG-Magazin 8/ 
93 an der Verharmlosung sexueller 
Gewalt: 

»Zweifellos vergewaltigen manche 
Männer Frauen. Zweifellos werden 
es immer mehr. Zweifellos mi߬ 
brauchen manche Erwachsene 
manche Kinder. Zweifellos gibt es 
Geschlechtsverkehr zwischen Psycho¬ 
therapeuten und ihren Patientinnen. 
Zweifellos vernachlässigen berufs¬ 
tätige Mütter ihre Kinder. Daß sich 
aber in der Öffentlichkeit der Eindruck 
bilden konnte ,fast alle Frauen beuten 
fast alle Männer aus, fast alle 


berufstätigen Mütter vernachlässigen 
ihre Kinder .fast alle Männer verge¬ 
waltigen ihre Frauen, fast alle 
Erwachsenen mißbrauchen ihre 
Kinder, fast alle Psychothera- 
peutinnen verführten ihre Patien¬ 
tinnen , daß diese Annahme in dem 
Maß zunahm, das ist neu und nur in 
einer Zeit möglich, in der die 
Geschlechter jedes gegenseitige Ver¬ 
trauen verloren haben und sich in 
stetig wachsenden Ausmaß als 
Todfeinde gegenüber stehen.« 

Bornemann erklärt sexuellen 
Mißbrauch und Vergewaltigungen zu 
einer gesellschaftlichen Rander¬ 
scheinung, und ignoriert somit das 
Leid, daß vielen Frauen und Kindern 


Erwachsenen wird geleugnet. Das 
Recht von Kindern und Jugendlichen 
auf eine eigene Sexualität, beinhaltet 
nicht das Recht von Erwachsenen auf 
Sex mit Kindern. »Der sicherste Weg 
zu Verklemmheit, Sexualfeindlichkeit 
und zu sexuellen Störungen liegt darin, 
diese andersgeartete kindliche Sexua¬ 
lität für erwachsene Interessen zu mi߬ 
brauchen. sei es durch sexuellen Mi߬ 
brauch , Kinderpornographie und was 
dergleichen Torturen mehr sind.« 11 
Desweiteren werden von ZEGG - 
aber nicht nur von ihnen - die Opfer 
und die, die gegen sexuelle Gewalt 
arbeiten, diffamiert, und dadurch wird 
letztendlich die sexuelle Gewalt 
unterstützt. Doch damit steht ZEGG 



angetan wurde/wird. Bornemann, 
Duhm und andere ZEGG-lerlnnen 
beklagen sich darüber, daß viele 
Menschen ein ge- bzw. zerstörtes 
Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität 
haben, und nicht fähig zur Sexualität 
und Liebe seien. Sie führen dies u.a. 
aufdieöffentlichen Diskussionen über 
Vergewaltigungen und sexuellen 
Mißbrauch zurück, und daß sich 
dadurch das Verhältnis der Geschlech¬ 
ter immer mehr verschlechtert hat. 

Ist es aber nicht anders? Ist es denn 
nicht natürlich, daß Menschen, die 
sexuelle Gewalt erlitten haben, ein 
gestörtes Verhältnis zur Sexualität 
bekommen, und auch die alltägliche 
Angst davor, bestimmt das Verhältnis 
vieler Frauen zur Sexualität. 

ZEGG propagiert nicht Sex mit 
Kindern, aber Duhm und die anderen 
haben ein großes Interesse daran die 
Täterinnen zu entlasten. Den Täter¬ 
innen wird jede eigene Verantwortung 
genommen, und die sexuelle Gewalt 
gegen Mädchen und Jungen wird 
bagatelisiert. Das existierende Hie- 
rachieverhältnis zwischen Kinder und 


nicht alleine, überall wird Stimmung 
gegen diejenigen gemacht, die sich zu 
Anwältlnnen der Opfer gemacht 
haben, Stimmung gegen diejenigen, 
die sexuelle Gewalt öffentlich 
machen, und den Opfern zur Seite 
stehen. 

Auf ZEGG und viele andere trifft 
zu, die Bagatelliserung sexueller 
Gewalt und die Diffammierung, 
derjenigen, die gegen diese arbeiten, 
führt immer zu einer Tolerierung 
sexueller und sexistischer Gewalt. 

Die Rolle der 
Homosexualität 
bei ZEGG 

Homosexualität taucht in den ZEGG- 
Magazinen nicht auf; wenn dort von 
»freier Sexualität« und »freier Liebe« 
geredet wird, ist immer eine Be¬ 
ziehung zwischen einem Mann und 
einer Frau gemeint. Doch in einem 
Artikel von Ernest Bomemann im 
ZEGG-Magazin 8/93 finden sich 
einige Äußerungen über bzw. gegen 


27 








Homosexualität. Bornemann sieht 
voller Bestürzung, daß im wachsenden 
Maße »Frauen und Männer die 
Heterosexualität als etwas grund¬ 
sätzlich Negatives (...) betrachten.« 

Doch die Befürchtungen von Bome- 
mann gehen weiter: »In dramatischen 
Zahlen flüchten heute nicht schwule 
Männer in Männerfreundschaften. 
Dieses Phänomen wirkt sich heute 
schon in einer scheinbaren Zunahme 
der schwulen Männer wie der Lesben 
aus. (...) die Zahl derjenigen, die sich 
in das gleiche Lager begeben, wächst 
ganz drastisch. 

Es findet seit etwa 30 Jahren, aber 
vermehrt innerhalb der letzten 10 
Jahre , eine stetige Abwanderung aus 
demLager der Heterosexuellen in die 
sexuellen Minderheiten statt. Nicht 
nur zu den Homosexuellen, sondern 
auch in Richtung des Sadomaso¬ 
chismus, des Fetischismus und 
anderer. Alle diese sexuellen Minder¬ 
heiten nehmen drastisch zu.« 
Feministinnen, Lesben und Schwule 
sind laut Bomemann verantwortlich 
für das miserable Geschlechterver¬ 
hältnis. ZEGG nimmt solche Thesen 



dankbar auf. Denn auch bei ihnen 
geht es ausschließlich um sexuelle 
Freiräume von heterosexuellen Frauen 
und Männern. 12 

New Age und 
Entpolitisierung 
durch ZEGG 

Pseudopolitische und ökologische 
Themen werden als Aufreißer für die 
Verbreitung der ZEGG-Ideologie 
benutzt. ZEGG bietet aber keine Al¬ 
ternativen an, weder werden Aussagen 
gemacht, wie in der zukünftigen Ge¬ 
sellschaft Entscheidungen getroffen 
werden, noch wie die Ökonomie 
organisiert wird. Es werden Schein¬ 
lösungen für reale Probleme 
angeboten, die zwar nichts verändern 
bzw. verhindern, aber die politischen 
Handlungen auf das Persönliche 
reduzieren. Dies soll an einigen 
Aussagen von ZEGG verdeutlicht 
werden. 

Atomkraft und radioaktive Strah¬ 
lung: Ein indianischer ZEGG- 
Verbündeter ist Harley Reagan Swift 
Deer - gegen den die Lakota und 
Cherokee Sturm laufen. Während die 
verschiedenen indianischen Nationen 
gegen den Uranabbau und die Lage¬ 
rung von radioaktivem Abfall auf 
ihrem Land durch die US-Wirtschaft 
kämpfen, fordert Swift Deer seine 
Schülerinnen auf, sich nicht gegen 
den Uranabbau zu engagieren, da das 
negative Schwingungen freisetze. 
Bedauerlich, daß im ZEGG-Magazin 
dieser Herr als authentischer Indianer¬ 
vertreter hochgejubelt wird. 13 Swift 
Deer gehört zu den sogenannten 
Plastikmedizinmännem, diese zeich¬ 
nen sich dadurch aus, daß sie nicht in 
ihren Stammesverbänden leben, und 
dort auch meist unbekannt sind. Sie 
sind entpolitisierend und lenken vom 
Ethnozid und Ökozid in den Reser¬ 
vaten ab. Die indianischen Traditionen 
werden mit östlicher und westlicher 
Esoterik angereichtert, und sie Ver¬ 
markten und Verkommerzialiseren ihr 
Wissen,-eine Sache die bei tradiüo- 
nellen Medizinmännern verpönt ist. 
Die Lehren der Plastikmedizinmänner 
richtet sich dann auch vor allem an die 
»Weißen«. 14 

Im Sinn dieser Plastikmedizin- 
männer argumentiert Leila Dregger: 
»Auffallend und unerklärt ist die 
Tatsache, daß besonders viele Uran¬ 
lagerstätten in Gebieten liegen, die 
für die Indianer , Inuit oder Aborigi¬ 
nes als heilige Stätten oder spirituelles 
Zentrum gelten.« Und weiter: »Wir 


brauchen Zeremonien und Gebete 
nicht nur als kulturelle Beiträge, 
sondern als eine weitere Quelle für 
Lösungen, die im herkömmlichen 
Denken nicht berücksichtigt werden. 
So werden Experimente in verschie¬ 
denen Teilen der Welt durchgeführt, 
in denen versucht wird , Radioaktivität 
durch spirituelle oder technische 

Methoden umzuwandeln. Solche 

Themen müssen Bestandteil eines 
Treffens sein, das nicht mehr Fakten 
sammeln und anklagen will , sondern 
mit aller Konsequenz nach neuen 
Lösungen sucht.« (beide Zitate aus 

ZEGG 5/92) Warum nur haben ZEGG 
ihr Lager in Belzig aufgeschlagen und 
sind nicht nach Tschernobyl, Tomsk 
oder Würgassen gegangen? 

Hnn ger in den Trikontländern : »D° r 
reale Hunger in den Trikontländern 
wird nicht beseitigt werden, solange 


28 








































der Hunger nach Liebe in Europa und 
Amerika nicht gestillt ist« (ZEGG 4/ 
92) Dieser Satz muß wohl nicht mehr 
kommentiert werden. 

Fazit 

Bei ZEGGgehtesumdieVemeinung 
der Notwendigkeit des politischen 
Handelns. Es geht ihnen nicht darum, 
sexistische und rassistische S trukturen 
zu bekämpfen, sondern aufgrund des 
vorhandenen Sexismus und Rassis¬ 
mus ihre Ideologie der »freien Sexua¬ 
lität« durchzusetzen. 

»Die ganze Ideologie ‘Neuer 
Mensch, neuer Umgang miteinander, 
neues Verhältnis zu Natur’ ist Fas¬ 
sade«, berichtet ein Aussteiger. »Da¬ 
hinter steckt erstens ein handfestes 
Interesse, Geld zu verdienen - bei 
allem antikapitalistischen Gehabe sind 
Duhm und seine Vertrauten stille Ge¬ 
nießer des Kapitalismus - und zweitens 
eine ganz starre Hierarchie nach innen, 
die durch ein kompliziertes System 
der Vergabe und des Entzugs von 
Privilegien aufrcchterhalten wird.« 15 

Anmerkungen: 

1 überarbeiteter und erweiterter Artikel 
aus der »direkten aktion« Nr. 99 

2 aus Die Diktatur der freien Sexualität 
von Andreas Schlothauer Wien 1992, 
S. 37f 

3 ebenda S. 113 

4 aus »Die AA-Kommune« von Dieter 
Duhm in »Oasen der Freiheit« 
hcrausgegeben von Horst von Gizy vki 
und Hubert Habicht, Frankfurt/Main 
1978,S.127 

5 ebenda S. 133 

6 ebenda S. 134 


Foto: Henning Kaiscr/transparent 


7. Affektivität: nach E. Bleuler die 
Gesamtheitder Stimmungen, Gefühle, 
' Affekte und allgemein die Erreg¬ 
barkeit des Menschen. Affektiv ist ein 
gefühlbetontes, unsachliches Ver¬ 
halten. (Brockhaus-Lexikon) 

8 aus »Frauen und Rechtsextremismus« 
von Christine Holzkamp und Birgit 
Rommelspacher. In: Päd extra Heft 1/ 
91, S. 33-39 

9. aus »Angst im Kapitalismus« von Di¬ 
eter Duhm, Lampertheim 1972, S. 110. 
Diese Buch stammt noch aus der Zeit 
als Duhm sich zum Marxismus be¬ 
kannte, doch seine verworrenen 
Gedanken zum Thema »Sexualität« 
hatte er schon damals. 

10 aus »Was hat man dir, du armes Kind, 
getan?« von Jeffrey M. Masson, 
Rheinbek bei Hamburg 1986, S. 17. 
Sehr interessantes Buch über Freud 
und seine Psychoanalyse. 

11 aus einem Leserbrief vom M. Ham- 
mer-schmidt in der TAZ vom 30.9.93 

12 aus dem Flugblatt einer anti¬ 
faschistischen Lesbengruppe aus 
Berlin: »Zeitgeist-”Experiment” + 
HERRschaftsinteressen - ZEGG« 

13 aus »New Age-Immgen im ZEGG« 
von Roman Schweidlenka. In Con- 
raste - Februar 93, S. 3 

14 vgl. dazu Eduard Gugenberger/Ro- 
man Schweidlenka: Mutter, Erde und 
Politik, Wien 1987, S. 196-235 

15 zitiertnachContraste-Ju!i/August92, 
S. 6 

SF-Redaktion: Allgemein sei an dieser 
Stelle auf eine ausführliche D iskussion 
in den letzten Nummern der 
CONTRASTE zu Otto Strassen Silvio 
Gesell, ZEGG, Esoterik hingewiesen . 
Da sich der Leserinnenkreis der 
CONTRASTE sehr heterogen zusam¬ 
mensetzt (Anarchistinnen bis 
Anthroposophlnnen) tobt der 
"Linienkampf' hin und her . 



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In der Diskussion: Green-Card ■ Euro¬ 
päische Projekt cmessc ■ -lohbying* -Soziales Wirtschaften- • 
Akademie für Kollektives Manegemenl ■ Entwickln! igszcntren 
für den Norden der Alteriialiv-Zeltnn- 

gen gegründet AMI-TAKT zu einer neuen Zivil i- 

sation Plädoyer von OB Beate Weher für 

mehr Toleranz... flMIIUUMffl Warum die Genossin üixem- 
burg den Aufruf zum Frauenslreik unterschrieben hätte... 

Ökofaschist veröffentlicht kriti¬ 
sche Bibliographie über Erzbischof... idAüfcihHftffl Vom nmllikul- 
turellen Ghetto zur inlerkulturellen Anerkennung... ti.v.m. 


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Uruguay'Reader 
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Donde esta la lucha? 

Aktuelle Situation nach dem Referendum gegen 
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Photo: Herby Sachs/Transparcnt 


Ein Dienstag im August 1993. Etwa 
drei Uhr nachmittags im Parque de la 
Concordia, einem der zentralen Plätze 
von Guatemala-Stadt. Schuhputzer 
sitzen auf den Steinbänken und warten 
auf Kundschaft. Straßenhändler ste¬ 
hen unter den üppig wachsenden Bäu¬ 
men und preisen ihre Waren an: Uhren, 
Schnürsenkel,Taschen,Bänder. Einer 
schart eine Handvoll neugieriger Men¬ 
schen zur Vorführung seiner Schlan¬ 
genbeschwörung um sich. Ein anderer 
will seinen gesamten Vorrat an 
Fleckenentfernern los werden, kann 
allerdings das Publikum nicht begei¬ 
stern. 


Aus einer anderen Ecke ertönen lau- 
te Synthesizer-Musik, Gesang und 
Klatschen. Dort scheintbesonders viel 
los zu sein, eine große Menschen¬ 
menge hat sich versammelt. Aber erst 
nach einigem Drängeln und Schubsen 
ist das Zentrum des Geschehens auszu¬ 
machen. Eine Frau, etwa 40 Jahre alt, 
liegt am Boden, regungslos, nicht an¬ 
sprechbar. Zwei Männer knien neben 
ihr. Andere stehen mit geschlossenen 
Augen und erhobenen Händen, lau¬ 
schen wie entrückt der Musik und den 
Worten eines Mannes. Was ist mit der 
Frau passiert? Einige etwas abseits 
stehende Zuschauer können Auskunft 


geben: “Der heilige Geist hat sic 
berührt, “Gottes Gegenwart hat sic 
überwältigt”, meint ein nächster. Kein 
Zweifel, der Mann mit dem Mikrofon 
muß ein Prediger sein. Obwohl er 
ehereinem Geschäftsmann gleicht mit 
seinem weißes Hemd, dem Anzug, 
der Krawatte. Seine zunächst sanft 
anmutenden Worte schmettern mit 
einem Mal fast ohrenbetäubend aus 
den Lautsprechern: “Kommtalle her, 
auf daßauch Ihr das neue Leben findet. 
Christus will Euer Leben ändern, das 
Leben Eurer Frauen, das Eurer Kinder. 
Ihr braucht nicht mehr auf Festen 
tanzen, um glücklich zu sein. Euer 


30 






Glück und Eure Freude ist Christus. 
Er wird in Eure Herzen dringen und 
Euch reiten. Alle Zweifel, alle 
Probleme wird er von Euch nehmen. 
Eure einzige Zuflucht ist er. Die 
Lösung all Eurer Probleme liegt in 
seinen Händen.” 

Die Lösung aller Probleme Guate¬ 
malas verspricht der Prediger- derer 
gibt cs viele: 

Fast 70% der guatemaltekischen 
Bevölkerung sind Indfgenas, 
mindestens die Hälfte von ihnen ist 
unterernährt und die Säuglingssterb¬ 
lichkeit ist hoch. 50% der Bevölkerung 
haben keine Arbeit. Die Hälfte aller 
Guatemalteken sind Analphabeten, 
unter den Indfgenas bis zu 90%. Die 
gesundheitliche Versorgung ist in 
allen Teilen des Landes unzureichend. 
Kanalisation, fließend Wasser und 
Elektrizität sind Luxus. 70% des be¬ 
baubaren Bodens gehören den Gro߬ 
grundbesitzern - sic machen gerade 
2% der Bevölkerung aus - für die die 
Campcsinos auf deren Fincas arbeiten 
müssen. Die Bezahlung ist weniger 
als ein Hungerlohn. 

Seit acht Jahren wird Guatemala 
offiziell demokratisch regiert, doch 
die eigentlichen Machthaber sind 
weiterhin die Generäle eines brutalen 
Militärapparates. Folter, Entfüh¬ 
rungen und Mord sind an der Tages¬ 
ordnung. 


■ Tatsächlich konnte bis heute ein 
Drittel der guatemaltekischen Bevöl¬ 
kerung “überzeugt” werden, “daß nur 
Gott ihre Probleme lösen kann”. Das 
traditionell katholische Land in 
Mittelamerika erlebtderzeiteinen bis¬ 
her ungekannten Boom fundamenta¬ 
listischer, evangelikaler Sekten. Klei¬ 
ne Tempel, oftnur provisorische Hüt¬ 
ten sprießen wie Pilze aus dein Boden. 
Über 400 Splittergruppen haben sich 
in überraschend kurzer Zeit über das 
gesamte Land verteilt. Predigten und 
ekstatische Zeremonien finden zu 
allen Tageszeiten auf öffentlichen 
Plätzen und Straßen statt, oft sogar 
mehrere gleichzeitig. 

Der Prediger des “Plaza de la Con- 
cordia” gehört der Sekte “Elim” an. 
Sie ist eine der größten evangelikalen 
Glaubensgemeinschaften Guate¬ 
malas. Ihre “Sdrvicios” werden nicht 
in schmuddeligen Hütten abgehallen. 
Protzige, turnhallengroße Bauten 
ragen über die ärmlichen Dächer in 
fast jeden größeren Ort. Ihre Gesänge 
und.emphatischen Predigten, die aus 
elektrisch verstärkten Lautsprecher¬ 
anlagen dröhnen, sind schon aus weiter 
Feme zu vernehmen. “Elim” ist eine 
der reicheren, sehr erfolgreichen Sek¬ 
ten. Namhafte Persönlichkeiten zählen 
sich zu ihren Mitgliedern, so auch 
Jorge Serrano Elias, der erst kürzlich 
nach seinem (Selbst-)Putsch vom Prä- 
3t 


sidentenamt enthoben wurde. 

Santiago de Ati tlän: Ein kleiner Ort, 

am idyllischen Atitlän-See gelegen, 
ist umgeben mit Vulkanen von atem¬ 
beraubender Schönheit und die Tou¬ 
ristenattraktion Guatemalas schlecht¬ 
hin. Die Bewohner, in ihrer Mehrzahl 
Indfgenas, leben vom Fischfang und 
dem Verkauf ihres Kunsthandwerks. 
Unzählige Besucher überschwemmen 
tagtäglich den kleinen Ort, entzückt 
von den farbenfrohen Trachten und | 

immer freundlichen Gesichtem der I 

Indfgenas. 

Santiago de Atitlän: 1990 Schau¬ 
platz eines Massakers, bei dem Män¬ 
ner, Frauen und Kinder brutal von 
Armeeeinheiten abgeschlachtet wur¬ 
den. 

Santiago de Atitlän: Die Reise 
dorthin führt in kleinen Touristen- 
dampfem über den See. Schon an der 

Anlegestelleschalltden Neuankömm¬ 
lingen laute Musik entgegen. 
Volksfeststimmung? Die traditio- j 

nellenMusikinstrumenteder Indianer, ' 

die Marimbas, sind nicht zu hören, j 

Gleich am Ortseingang steht der “Pa- j 

last” von “Elim”, mit Sitzplätzen für 
600 bis 800 Menschen. Die riesige 
Halle wird professionell beschallt von 
übergroßen Lautsprecheranlagen. Die 
Kirche ist voll besetzt, links die 
Frauen, rechts die Männer. In ihrer 
indianischen Sprache, dem Cakchi- 


Photo: Herby Sachs/Transparent 








quel, wird vom auf dem Podium eine 
Art Schulstunde abgehalten. Es geht 
um das Wesen der Familie, die Pflich¬ 
ten jedes Familienmitgliedes. “Wir 
lernen, wie wir uns verhalten sollen; 
Wir hören, wie wir leben müssen, wie 
sich unser Leben verbessern wird, 
wenn wir nur Gott dienen.” Der Pre¬ 
diger, auch ein Indigena, zeichnet die 
Lektion zum besseren bildhaften 
Verständnis an die Tafel: einen Kopf, 
schemenhaft ohne Augen, Ohren, 
Mund und Nase, aber mit einer Bibel 
in der Stirn. 

Einige Schritte weiter Richtung 
Ortskem stehen wieder die Pforten 
einer Kirche für jedermann undjede- 
frau einladend offen. In der “Iglesia 
de Dios” geht es etwas verhaltener zu. 
Andächtig in Gebete versunken knien 
die Gläubigen vor ihren Holzbänken. 
Der Prediger wischt die vollgeschrie¬ 
bene Tafel ab, der religiöse Unterricht 
i ist schon beendet. 

I Schräg gegenüber, hinter dem 
Marktplatz, scheint ein “Gottesdienst” 
erst richtig zu beginnen. Von einer 
rythmischen Musikcombo mit 
Schlagzeug, Bass und Synthesizer be¬ 
gleitet, singt die Gemeinde mit In¬ 
brunst: “Bevor Du kamst, war ich 
nichts. Jetzt bist Du da, Halleluja!” 
Zunächst ist schwer auszumachen, aus 
welchem Gebäude der Gesang über 
den Marktplatz getragen wird. Ge- 
! bäude ist der Versammlungsort noch 
kaum zu nennen. In einem Rohbau 
haben sich die etwa 100 Gläubigen 
zusammengefunden. Über ihren 
Köpfen hängt ein Transparent mit der 
Aufschrift: “Gehorsam bis zum Tod”. 

“El Verbo”, die erst vor kurzem 
Santiago de Atitlän als einen ihrer 
Missionsorte auserkoren hat, ist 
ähnlich strukturiert wie “Elim” und 
eine der bekanntesten und reichsten 
Kirchen Guatemalas. Einen Namen 
. machte sich “El Verbo” mit ihrem 
Prediger General RiosMontt, der 1983 
durch einen Militärputsch an die 
Macht kam und für unzählige Massa¬ 
ker mit tausenden von Todesopfern 
verantwortlich ist. 

Rios Montt pflegte sich in seinen 
sonntäglichen Femsehpredigten als 
| Gesandter Gottes darzustellen, der die 
Präsidentschaft angetreten habe, um 
das Land zu “befrieden”. Seine “Be¬ 
friedungsstrategie” jedoch war eine 
Politik der “Verbrannten Erde” mit 
der er nach der Zerstörung von mehr 
als 300 Dörfern deren Bewohnerinnen 
in die sogenannten “Modelldörfer” 
zwang. Die “Stätten der Zuflucht” 
bedeuteten Zwangsansiedlungen von 
zigtausenden vertriebenen Guatemal¬ 
teken in militärisch kontrollierte Ge¬ 


biete. 

Eine Schlüsselrolle übernahmen die 
Führer von “El Verbo”, die gleich¬ 
zeitig persönliche Berater von Rios 
Montt waren. Mit einer perfekt orga¬ 
nisierten, von Mediengrößen der 
“Neuen Religiösen Rechten” unter-. 
stützten Werbekampagne, bereisten 
sie die Vereinigten Staaten und riefen 
zu einer 10-Millionen-Dollar-”Kol- 
lekte” für die “Befriedung Guate¬ 
malas” auf. Bei “El Verbo” handelt es 
sich um eine fundamentalistische 
Sekte, einem Ableger der kalifor¬ 
nischen Sekte “Gospel Outreach”, die 
nach dem Erdbeben 1976 in Guate¬ 
mala ihre Missionsarbeit aufgenom¬ 
men hat. 

Das Erdbeben richtete verheerende 
Verwüstungen an und forderte über 
20.000 Tote im westlichen Hochland. 
Innerhalb kürzester Zeit ergoß sich 
ein Heer von neuen Missionaren und 
ein Strom von Hilfsgeldem auf das 
betroffene GebietGuatemalas. Neben 
den finanzstarken US-Missionsmultis 
“World Vision”, “Wycliffe Bible 
Translators” und “Campus Crusade 
for Christ” erschienen eine Vielzahl 
streng fundamentalistischer Sekten, 
die die Bevölkerung dazu aufriefen, 
“ihre Sünden zu bekennen und das 
Erdbeben als eine Warnung Gottes 
anzunehmen”. 

Explosionsartig stiegen die Mitglie¬ 
derzahlen der Sekten an, von unter 
10% Bevölkerungsanteil auf über 30% 
innerhalb von wenigen Jahren. Sicher¬ 
lich ist dies nicht nur auf humanitäre 
und soziale Hilfe der Evangelikalen 
zurückzuführen. Ein Grundmotiv zur 
“Bekehrung” taucht immer wieder in 
den Predigten auf: dieEmeuerung der 
Moral, womit nicht politische und 
ökonomische Abhängigkeiten für die 
Probleme in Guatemala verantwort¬ 
lich gemacht werden, sondern der 
Verfall der Moral einzelner Menschen 
wie der Gesellschaft insgesamt. 
Leitlinien dieser evangelikalen Lehre 
für eine “individuelle Befreiung” sind 
sogenannte “Lebenshilfen” im 
familiären und gesellschaftspoli¬ 
tischen Bereich mit programmatischen 
Sätzen wie “Frauen gehören an den 
Herd” oder “das Evangelium spricht 
von Gehorsam all denen gegenüber, 
die Autorität besitzen, denn diese 
Autorität wurde von Gott gegeben”. 
Als wichtig wird allein die persönliche 
Beziehung zu Christus dargestellt. Hat 
der “arme Sünder” erst einmal Gott in 
sich aufgenommen, so wird er glück¬ 
lich. Ist das Herz der Reichen erst von 
Christus’ Liebe erfüllt, werden sie 
großzügig und barmherzig.” 

Beispiellos sind die Kampagnen der 
32 


“Elektronischen Kirchen” im Feldzug 
für eine neue Moral. Massengebete 
und organisiertes Handauflegen wer¬ 
den zu Elementen yonTV-Shows, die 
biblische Prinzipien transportieren, 
um aus Guatemala eine “Nation Got¬ 
tes” zu machen. 

Dem Zusammenschluß dertraditio- 
nellen protestantischen Kirchen CIE- 
DEG (Lutheraner, Presbyterianer, 
Nazarener etc.) bereitetes tiefes Unbe¬ 
hagen, durch die Allianz fundamenta¬ 
listischer Evangelikalen ihren ohnehin 
geringen Einfluß als religiöse 
Minderheit schwinden zu sehen. Ihr 
soziales und christliches Engagement 
ist eher zu vergleichen mit dem vieler 
katholischer Basisgemeinden, die sich 
in der Acciön Catölica zusamrrten- 
gefunden haben. Die Acciön Catölica 
entwickelte sich im Laufe der 60er 
Jahre zu einer Kirche von unten, die 

die Ideen der Befreiungstheologiezur 
Basis ihrer Arbeit in Guatemala 
machten, in der gemeinsamen Suche 
nach einem authentischen religiösen 
Ausdruck für die ureigenen Probleme 
der Gemeinden” und im Kampf “ge¬ 
gen die verschiedenen Formen der 
Fremdbestimmung, der Gewalt und 
der ungerechten Landverteilung”. 

Nach dem Massaker von Panzos 
1978 trat dieser politisierte Teil der 
Katholischen Kirche, mit Protesten 
an die Öffentlichkeit. Durch ihre 
offene Parteinahme für die unter¬ 
drückte Bevölkerungsmehrheit verlor 
sie ihre Funktion als Bewahrer des 
Status Quo in Guatemala. Auch ihre 
Basisgemeinden wurden verfolgt und 
ihre Priester, Ordensleute und 
Katecheten zu einer neuen Zielscheibe 
staatlichen Terrors. Nach der Ermor¬ 
dung von vier Priestern seiner Diözese 
entschloßsich 1980 sogar derBisdiof 
von El Quiche, mit all seinen Mit¬ 
arbeitern unter Protest das Land zu 
verlassen und gründete in Mexiko die 
“Katholische Kirche im Exil”. 

Ungehindert konnten sich dagegen 
die evangelikalen Kirchen frei ent¬ 
falten und über ganz Guatemala ver¬ 
breiten. Ihre verschiedensten Strö¬ 
mungen haben sich inzwischen in allen 
gesellschaftlichen Schichten etabliert. 
Ihnen allen gemeinsam sind die 
wortwörtliche, autoritäre Bibelaus¬ 
legung und spirituellen Rituale. Die 
größte und einflußreichste Gruppe der 
Evangelikalen Guatemalas, die 
Pfingstkirchen, verbinden die Naher¬ 
wartung der Wiederkehr Jesu mit der 
Lehre vom Empfangen des Geistes in 
der Gegenwart durch Wunderheilung 
oder Zungenrede. Ihre Gottesdienste 
sind enthusiastische Gemeinschafts¬ 
erlebnisse. 




Die Adventisten begreifen sich als 
die Gruppe der “Übrigen”, der ein¬ 
zigen, die die Apokalypse überleben 
werden. Jeder einzelne ist für sein Le¬ 
ben selbst verantwortlich. Die Pro¬ 
bleme des Menschen werden bei den 


den notwendigen Ersatz für ein 
soziales Netz, das ihnen innerhalb der 
guatemaltekischen Gesellschaft nicht 
geboten wird. 

Die Tendenz, sich vom “sündigen”, 
weltlichen Leben femzuhalten, hat 


in ihrem Land. Sie lehnen ein Engage¬ 
ment für gesellschaftliche Verän¬ 
derungen mit dem Hinweis auf das 
nahe Weitende und “die Erfüllung bi¬ 
blischer Prophezeiungen” ab. Ihre 
Einbindung in die politische Strategie [ 



Photo: Herby Sachs/Transparent 

Adventisten grundsätzlich als indi¬ 
viduelle Probleme begriffen, die aus 
der Nich tbeachtung göttlicher Gebote 
resultieren. 

Die Evangelikalen der Oberschicht, 
zumeist Neopfingsüer, vertreten ihre 
Interessen sehr eng verknüpft mit de¬ 
nen der politischen Machthaber. Die 
Pfingstler haben ihren Ursprung hin¬ 
gegen hauptsächlich in den ärmeren 
Teilen der Bevölkerung und finden 
dort ihre meisten Anhänger. Durch 
die Symbiose mit dem Heiligen Geist 
im Bekehrungserlebnis wird jedem 
Gemeindemitglied eine Führungs¬ 
position bei der Missionsarbeit zuer¬ 
kannt, was dazu führt, daß einzelne 
Bekehrte die nächste Keimzelle für 
neueGemeinden bilden. Die Pfingstler 
betonen gerne diese “offene und 
demokratische Struktur”, die 
benachteiligten Gruppen, insbeson¬ 
dere den Indigenas, Armen und Frauen 
die Integration in eine Glaubens¬ 
gemeinschaft erleichtern. Eine so 
strukturierte Gemeindearbeit bietet 


besonders in den indianischen Ge¬ 
meinden dazu geführt, daß sich deren 
Mitgliedernicht mehr an den traditio¬ 
nellen Gemeinschaftsarbeiten oder am 
Dorfleben beteiligen und ihre Identität 
als Indigenas aufgeben und sich als 
evangelisierteLadinos betrachten. Die 
Verhaltensnormen der Pfingstkirchen 
(Asamblea de Dios, Igfesia de Dios, 
Quadrängular, Principe de Paz wie 
der Neopfingsüer Shikaina, El Verbo, 
Elim etc.) sind in wesentlichen 
Punkten ähnlich: Verbot von Alkohol, 
Rauchen und Tanzen, Arbeiten ohne 
zu klagen. Für Frauen besteht das 
Verbot Hosen zu tragen, sich nicht zu 
schminken und nicht an Schaudar¬ 
bietungen teilzunehmen. Der Respekt 
vor dem Privatbesitz und die Unter¬ 
werfung unter Staat, Familie und 
Kirche sind religiöse Dogmen, die 
alleevangelikalen Kirchen kennzeich¬ 
nen. 

Die evangelikalen Kirchen Guate¬ 
malas sind scheinbar desinteressiert 
an der aktuellen politischen Situation 


der MachthaberGuatemalas ist jedoch ; 
offensichtlich wie die Beispiele von 
RiosMonttundSerranoEliasbelegen. 
Den politischen und sozialen Mi߬ 
stände wird das “Bibelwort” entge¬ 
gengesetzt. Die Bibel ist absolut 
sicher, unveränderlich,bietetden ver¬ 
mißten Halt: “Wer bis zum Ende 
durchhält, wird gerettet!” Dieser illu¬ 
sionäre Fluchtweg aus den Bedrän¬ 
gnissen des Alltags spiegelt sich in 
der Hoffnung auf ein besseres Leben 
nach dem Tod. Wer zweifelt und sich 
nicht allein von der Liebe Christo als | 
Erretter erfüllen läßt, ist als armer j 
SünderbisinalleEwigkeitverdammt. | 
Das Ertragen von Mißständen wird j 
zur Tugend. Unzufriedenheit und das j 
Aufbegehren gegen Gewalt, Unter- j 
drückung, Armut und Ungerechtigkeit j 
sind Werke des Teufels. Eine eindeu¬ 
tigere Stellungnahme zur politischen 
Situation in Guatemala können sich 
Regierung und Militär Guatemalas 
kaum wünschen. 


f 

ii 


33 






Seit der Befreiung von der spanischen 
Herrschaft ist Lateinamerika mit vielen 
Problemen konfrontiert gewesen. Eines 
der größten Probleme wurde von dem 
Befreier Simon Bolivar im Jahre 1822 
vorhergesehen: “Dieser grosse Kontinent 
wird von einem sehr mächtigen, sehr rei¬ 
chen, kriegslüsternen und zu allem fähigen 
Land angeführt.” Diesen Satz zitierend 
bemerkte der lateinamerikanische 
Gelehrte Piero Gleijeses, daß “Bolivar in 
England einen Beschützer, in den USA 
eine Bedrohnung sah.” Das ist selbstver¬ 
ständlich, wenn man die geopolitischen 
Begebenheiten berücksichtigt. 

Die Vereinigten Staaten verhielten sich 
ambivalent gegenüber den Unabhängig¬ 
keitsbestrebungen in den spanischen 
Kolonien. “In den Kongreßdebatten dieser 
Epoche”, bemerkt Gleijeses, “gab es 
weitaus mehr Enthusiasmus für die 
Belange der Griechen als für die der Ibero- 
Amerikaner”. Ein Grund dafür war, daß 
die Lateinamerikaner “fragwürdige 


Photo: Herby Sachs/Transparcnt 


Weiße” , bestenfalls “von niederer spa¬ 
nischer Herkunft” waren. Im Gegenteil zu 
den Griechen, denen in der europäischen, 
rassistischen Geschichtsschreibung die 
Rolle der arischen Giganten, den 
Begründern der Zivilisation, zugewiesen 
wurde (Martin Bemals Buch “The Black 
Athena”). Ein anderer Grund war, daß 
Simon Bolivar - im Gegensatz zu den 
Vätern der Verfassung (der us- 
amerikanischen,d.Ü.)- die Sklaven 
befreite und so zu einem «faulen Apfel» 
wurde, einem Virus der andere anstecken 
könnte, und um es in der Terminologie 
der heutigen US - Strategen zu sagen, eine 
gefährliche Bedrohung der “Stabilität” 
wäre. 

Eine weitaus fundamentalere Frage 
wurde durch massgebende intellektuelle 
Betrachtungen jener Tage hervorgebracht. 
Die Schlußfolgerung bestand darin, daß “ 
Südamerika für Nordamerika das sein wird 
was Asien und Afrika für Europa 
darstellt”- nämlich unsere Dritte Welt. 


Diese Annahme bestätigt sich im Verlauf 
des 20ten Jahrhunderts. Die Bemühungen 
des Staatssekretärs James Baker eine 
“gemeinsame Problemlösung” dieser 
Hemisphäre voranzutreiben kom¬ 
mentierend, schreibt Times -Kor¬ 
respondentin Barbara Crossette, daß “die 
Verwirklichung dessen, in der Errichtung 
einer großen Freihandelszone innerhalb 
des amerikanischen Kontinents j (zu¬ 
mindest in den maßgeblichen Bereichen) 
liegt, die zugleich eine wirksame Waffe 
gegen die europäischen und asiatischen 
Handelsblockaden ist”. Unserer Dritten 
Welt, die Roosevelts Sekretär des 
Kriegsministeriums Henry Stimson als 
“unsere kleine Region hierdrüben die 
niemals jemanden interessiert hat” 
beschrieb, als er Mai 1945 erklärte, warum 
alle regionalen Wirtschaftssysteme im 
Interesse des internationalen Liberalismus 
zerschlagen werden müssen, außer dem 
Unsrigen, das ausgeweitet werden muß. 
Die Weltbank schätzt diese Aussichten 


34 






skeptischer ein. Ein kürzlich erschienener 
Bericht kommt zum Schluß, daß die USA 
weitaus mehr Vorteile an den Frei¬ 
handelsabkommen haben wird als die 
beteiligten lateinamerikanischen Länder, 
außer vielleicht Mexiko und Brasilien, 
und das die Region am besten mit einer 
Zollunion (mit gemeinsamen Einfuhrzöl¬ 
len etc.) nach EG-Modell fahren würde, 
die die US A ausschliessen würde. Etwas, 
das ganz und gar den herkömmlichen 
Spielregeln widerspräche. 

Im 19ten Jahrhundert gab es ein Problem 
bei der Errichtung der us-amerikanischen 
Dominanz in dieser Region: das britische 
Gegengewicht. Aber die Konzeption 
“unserer Konföderation” als “der Wiege 
von der aus ganz Amerika, der Norden 
wie auch der Süden, bevölkert wird” 
(Thomas Jefferson) war unwiderruflich 
im Bewußtsein verankert zusammen mit 
der Jeffersonschen Annahme, daß es für 
Spanien am besten wäre, solange zu 
regieren bis “unsere Bevölkerung soweit 
entwickeltstes von ihnen Stück für Stück 
zu übernehmen”. 

Es gab innenpolitische Auseinanderset¬ 
zungen über diese Fragen. Amerikanische 
Handelsleute “waren scharf darauf die 
Unabhängigkeitsbestrebungen zu 
unterstützen- solange wie die Rebellen in 
der Lage waren zu zahlen, vorzugsweise 
cash”, bemerkt Gleijeses. Die weithin 
etablierte Tradition der Piraterie boten ein 
großes Beschäftigungsfeld für 
amerikanische (wie auch den britischen) 
Schiffseigner und Seeleuten, die sehr gerne 
ihre Dienste für die Kaperungen spanischer 
Handelsschiffe anboten,. wiewohl die 
Ausweitung ihrer terroristischen 
Aktivitäten auf US-Schiffe zu einer gro¬ 
ßen moralischen Entrüstung und sogar zu 
einem Regicrungssturz führten. Neben 
England, bot auch das befreite Haiti 
Unterstüzung für die Unabhängig¬ 
keitsbestrebungen an, aber unter der 
Vorraussetzung, daß die Sklaven befreit 
werden. Haiti war auch ein solch ge¬ 
fährlich fauler Apfel, mit gewaltigen 
Reparationen an die ehemalige Kolonial¬ 
macht Frankreich und einem halben 
Jahrhundert andauernden US-Embargo 
fürdie Unabhängigkeit bestraft Woodrow 
Wilsons zerstörerisches Wüten und 
anderer solcher Wohltaten folgten bis zum 
heutigen Tag. 

Die Konzeption des Panamerikanismus 
von Bolivar war der zeitgleichen Monroe 
Doktrin diametral entgegengesetzt. Ein 
britischer Regierungsbeamter schrieb 
1916, als Simon Bolivar die Idee des 
Panamerikanism us aufbrachte, daß er “die 
Vollendung seinerPolitik unter der Aegide 
der Vereinigten Staaten stattfinden nicht 
erwartet hatte”. Letztendlich war es 
“Monroes Sieg und Bolivars Niederlage”, 
bemerkte Gleijeses. 


35 

Der Status von Cuba war von besonderer 
Bedeutung, eine weitere Illustration für 
die variantenreiche Auslegung klassischer 
Themen. Die USA waren strikt gegen die 
Unabhängigkeit Cubas, war Cuba doch 
“von strategischer Bedeutung und reich 
an Zucker und Sklaven” (Gleijeses). 
Jefferson wies Präsident Madison an 
Napoleon freie Hand in Ibero-America 
anzubieten in Gegenleistung für die 
Überlassung Cubas an die USA. 
Staatssekretär John Quincy Adams, der 
Autor der Monroe Doktrin, bezeichnete 
Cuba als “ein Objekt von außer¬ 
ordentlicher Bedeutung für die wirt¬ 
schaftlichen und politischen Interessen 
unserer Union”. Auch er befürwortete eine 
spanische Herrschaftbis Cuba in die Hände 
der USA fallen würde und zwar gemäß 
“den Gesetzen der politischen... 
Gravitation”. Die Unterstützung der 
spanischen Herrschaft war geradezu uni¬ 
versell in der Exekutive und im Kongreß; 
europäische Mächte, Kolumbien und 
Mexiko wurden um Hilfe gebeten die 
Befreiung Cubas zu verhindern. Das 
Hauptanliegen waren diedemokratischen 
Kräfte innnerhalb der albanischen 
Unabhängigkeitsbewegung, die für 
eine Abschaffung der Sklaverei und für 
gleiche Rechte aller eintraten, anders als 
die' USA, in deren Verfassung den 
schwarzen Sklaven nicht der Status von 
Menschen gewährt wurde. Da war wieder 
die Angst, daß "die Fäulnis sich aus¬ 
breiten könnte” sogar bis in die eigenen 
Angelegenheiten hinein. 

Ende des 19ten Jahrhunderts waren die 
USA mächtig genug, das britische 
Gegengewichtzu ignorieren und Cuba zu 
erobern, gerade zur rechten Zeit um den 
Erfolg des einheimischen Befreiungs¬ 
kampfes zu verhindern. Gängige Doktri- 
ne lieferten die Rechtfertigung für die 
ZuweisungCubas in den kolonialen S tatus. 
Die Cubaner waren “ignorante Nigger, 

Halbblute, Südländer”,bemerktedie New 

Yorker Presse, "ein Haufen 
Degenerierter... genauso wenig in der Lage 
sich selbst zu regieren, wie die Wilden 
Afrikas”, so die Militärführung 


hinzufügend. Die USA bestätigten die 
Herrschaft der besitzenden Klasse der 
Weißen, die nicht diese wilden Ansichten 
über Demokratie, Freiheit, Gleich¬ 
berechtigung hatten und somit keine De¬ 
generierten waren. Die “reife Frucht” in 
eine US-Plantage verwandelnd beendeten 
sie die Aussichten auf eine erfolgreiche 
unabhängige Entwicklung. In den 30iger 
Jahren verließ die FDR die “Politik der 
guten Nachbarschaft” zur Beseitigung 
einer zivilen Regierung, die als eine 
Bedrohung der wirtschaftlichen Interessen ! 
der USA angesehen wurde. Die Batista- j 
Diktatur vertrat diese Interessen loyal und 
genoß somit volle Unterstützung. 

Castros Sieg über diese Diktatur im 
Januar 1959 erregte bald die Feindschaft 
der USA,- und bedeutete die Rückkehr 
einer traditionellen Politik. Ende 1959 
beschloß das CIA und das State- 
Department, daß Castro beseitigt werden 
müsste. Ein Grund dafür war, wie Libe¬ 
rale im State Departement erklärten, 
daß “unsere Geschäftsinteressen emst¬ 
haftbetroffen waren”. Ein zweiter Grund 
war der faule-Apfel-Effekt: “Die 
Vereinigten Staaten können nicht darauf 
hoffen, eine vernünftige Wirtschaftspoli¬ 
tik in anderen lateinamerikanischen | 
Ländern zu unterstützen und notwendige j 
private Investitionen in Lateinamerika j 
zu vermitteln, wenn es so ist oderauch nur j 
den Anschein hat, als ob sie gleichzeitig | 
mit dem Castro- Programm kooperieren”, j 
wie das State- Department im November j 
1959 schlußfolgerte. Aber eine Bedin¬ 
gung wurde hinzugefügt: “Angesichts 
Castros starker, wenn auch schwindender, 
Unterstützung in Kuba, ist es wie auch 
immer von großer Wichtigkeit, daß die 
Regierung der USA keine offensicht¬ 
lichen Handlungen begeht, die' dazu 
führen würden, daß die Vereingten Sta¬ 
aten für seinen Mißerfolg oder Sturz 
verantwortlich gemacht werden könnten”. 
Castros Unterstützung betreffend schlu߬ 
folgerten die vom Weißen Haus in Auftrag 
gegebene öffentliche Meinungsumfragen 
im April 1960, daß die meisten Kubaner 
in Bezug auf dieZukunft optimistisch wa- 


Welt¬ 
flüchtlings¬ 
bericht 


jet Weltflüchtlingsbericht 

1993 als komplettes Dossier 
und umfassender Beleg 
dafür, daß »Flucht« einen 
Weltzustand bedeutet, des¬ 
sen Ursachen und Dynamik 
»individuell« nicht mehr 
verstanden werden können. 

Das ultimative Handbuch zu 
Fluchtursachen und Asyl, 

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und Entwicklungspolitik. 

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UIIILLL 




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ren und Castro unterstützten, während nur 
7% sich besorgt über den Kommunismus 
zeigten undnur2% über fehlende Wahlen 
klagten. Die sowjetische Präsenz war nicht 
vorhanden. Sowohl “Liberale als Kon¬ 
servative sahen in Castro eine Bedrohung 
der Hemisphäre”, beobachtet der Histo¬ 
riker Jules Benjamin, “aber ohne die 
Komponentederkommunistischen Welt¬ 
verschwörung”. 

Im Oktober 1959 führten auf Florida 


geschehen solle, “daß der Eindruck jed¬ 
weder Einmischung der USA vermieden 
wird”. 

Jenes Gebot hat bis zum heutigen Tag 
seine Gültigkeit behalten. Elementar für 
diese Politik ist, daß die ideologischen 
Institutionen eine Aufzählung der US- 
Aggressionen, der Terroranschlägen, der 
Ökonomischen Strangulierung und all die 
anderen Pläne des Herrschers dieser He¬ 
misphäre, die den “wahren Interessen der 


Ende und nicht das eines Märtyrers”. Ent¬ 
wickelt man diese Argumentation weiter, 
rät uns der Autor weiterhin am Rande zu 
stehen und in alleif Stille zu beobachten, 
so wie wir es in den letzten zwanzig Jahren 
getan haben, damit der naive Leser aus 
jener Version der Geschichte lernen 
könne. 

Die us-amerikanische Sorge über “die 
wahren Interessen des kubanischen Vol¬ 
kes” bedarf keines Kommentares. Die 



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stationierte Flieger Strafaktionen und 
Bombenangriffe auf kubanischem Ter- 
j ritorium aus. Im Dezember des gleichen 
j Jahres wurden die CIA-Tätigkeiten 
j verstärkt, so unter anderem die 
j Waffenlieferungen an die Guerillabanden 
und Sabotagen an Zuckerfabriken und 
anderen wirtschaftlichen Zielen. Im 
März 1960 hatte die Eisenhower- 
Regierung einen Plan verabschiedet, 
demzufolge Castro gestürzt und durch ein 
Regime ersetzt werden sollte, “das mehr 
den wahren Interesse des kubanischen 
Volkes verpflichtet und den US A weitaus 
aufgeschlossener ist”. Sie betonten da¬ 
bei, daß es “in solch einer Art und Weise” 


Kubaner” dienen, unterdrückt werden. Für 
Kubas miserable Lage soll allein der 
Dämon Castro und der “kubanische 
Sozialismus” verantwortlich scheinen. 
Castro trage die gesammte Verantwor¬ 
tung für die “Armut, Isolation und die 
demütigende Abhängigkeit” von der 
UdSSR, klärt uns der New Yorker Times 
Redakteur auf und schließt triumphier¬ 
end, daß “der kubanische Diktator sich 
selbst in die Ecke manövriert hat”, ohne 
weiteres Zutun der USA. Wäre das der 
Fall, brauchten die USA nicht direkt 
zu intervenieren, wie es einige “Kalte 
Krieger” vorschlagen: “Fidel Castro ver¬ 
dient das durch eigene Fehler verursachte 


Foto: Henning Kaiser/transparent 

Sorge über die öffentliche Meinung in 
Kuba und -entscheidend- die “wahren 
Interessen” der US-Wirtschaft sind ge¬ 
nüge vorhanden gewesen. Die früheren 
sind verständlich angesichts der schon 
zitierten Meinungsumfrage oder der 
lateinamerikanischen Reaktion auf die 
Landreform vom Mai 1959, die von einer 
UN-Kommission als “ein Beispiel” für 
ganz Lateinamerika bezeichnet wurde. 
Oder durch die Schlußfolgerungen des 
für Kuba zuständigen Mitarbeiters der 
Weltgesundheitsbehörde (WHO) aus dem 
Jahre 1980, daß “Kuba zweifellos die 
beste Gesundheitsstatistik von ganz 
Lateinamerika aufzuweisen hat” ein 




Gesundheitssystem “eines sehr entwik- 
kclten Landes” trotz der vorherrschenden 
Armut. Oder der Einfluß der kubanischen 
Biotechnologie in Brasilien und anderen 
lateinamerikanischen Ländern ist unüblich 
wenn nicht einmalig für ein kleines, ar¬ 
mes Land. Es sind nicht Castros Verbre¬ 
chen. dieden Herrscherdieser Hemisphäre 
aufbringen, der ansonsten unbesorgt die 
Suchartos, Saddam Husseins und Grama- 
jos unterstützen, wie schrecklich ihre 


aber auch sie wurden nach dem Tode von 
Cyclone Flora im Oktober 1963 nicht 
mehr geliefert. Nebenbei bemerkt eine 
übliche Vorgehensweise: zieht man Car¬ 
ters Weigerung in Betracht allen westin¬ 
dischen Ländern, die von einem Hurrikan 
im August 1980 heimgesucht wurden, die 
Hilfe zu verweigern, wenn nicht Grenada 
von diesen Hilfslieferungen ausgeschlos¬ 
sen werde, worauf Grenada auf die 
Hilfslieferungen verzichtete; oder die 


sion (Operation Mangon). Sie wurden im 
Westen kaum wahrgenommen,abgeseher 
von einzelnen Mordanschlägen, wie dei 
amTage der Kennedy-Ermordung. Diese 
Operation wurde offiziell von der Lyn¬ 
don- Johnson- Regierung beendet, der 
laut Zeugenaussagen das Kennedy- Pro¬ 
gramm als “a damned Murder Ine.” 
bezeichnete. Diese terroristischen Ak¬ 
tionen wurden von der Nixon- Regierung 
wiederaufgenommen und weitergeführt.) 



Grcucltaten auch sein mögen, solange sie 
nur ihre Dienerrolle einhalten. Es ist der 
Erfolg, der die Wut und den Ruf nach 
Rache hervorbringt, dies zu verbergen ist 
keine allzu einfache Aufgabe für die Ide¬ 
ologen. 

Die Kennedy- Regierung verstärkte 
Sabotage-, Terrorakte und andere Aggres¬ 
sionen und ebenfalls den Wirtschaftskrieg, 
dem kein kleines Land lange wiederstehen 
kann. Das kubanische Vertrauen auf den 
us-amerikanischen Exportmarkt war 
natürlich sehr groß und konnte nicht ohne 
große Einbußen ersetzt werden. Im 
Februar 1962 verhängt die Kennedy- 
Regierung ein Embargo, brach alle Ökon¬ 
om i sehen, gesell schaftlichen Bezieh ungen 
ab. Theoretisch waren medizinische Pro¬ 
dukte und Lebensmittel ausgenommen, 


Reaktion der USA im Jahre 1988 als ein 
Hurrikan große Teile von Nicaragua 
verwüstete, jede Waffe ist legitim gegen 
das Verbrechen der Unabhängigkeit. Die 
Kennedy Regierung versuchte Kuba auch 
auf kultureller Ebene zu isolieren, den 
Gedanken und Ideenaustausch mit den 
lateinamerikanischen Ländern zu blok- 
kieren, die aber nicht willens waren die 
us-amerikanische Kontrolle von Reise- 
und kulturellen Austausch nachzueifem, 
was die Kennedy- Liberalen lange Zeit 
verärgerte und Beweise von sogennanten 
subversiven Verbrechen sammeln ließ. 
(28) 

Nach dem Fehlschlag der Sch weinebucht 
wurden die terroristischen Anschläge von 
der Kennedy- Regierung verstärkt und 
erreichten eine bemerkenswerte Dimen- 


Foto: Henning Kaiser/iranspafcnt 

Die nun folgenden terroristischen An-! 
schlage wurden CIA- Abtrünnigen, die 
außer Kontrolle geraten sind, zuges¬ 
chrieben, inwieweit dies zutrifft wissen 
wir nicht. Ein führender Mitarbeiter des' 
Pentagons der Kennedy- und der Johnson^ 
Regierung, Roswell Gilpatric, äußert^ 
diesbezüglich seine Zweifel. Die Carter-j 
Regierung hat-unddies mit Unterstützung 
von den US - Gerichten- über Entführun-j 
gen von kubanische Schiffen hin-j 
weggesehen und somit gegen die Anti-] 
Entführungskonvention verstoßen, die] 
Castro stets einhielt. Die Reaganomics] 
wiesen alle kubanischen Initiativen zur] 
Wiederaufnahme von diplomatischen] 
Beziehungen ab und verhängten unter den! 
abenteuerlichsten Vorwänden immer neue| 
Sanktionen, oftmals ohne rechtliche! 












I 

i 




Grundlage, wie es aus dem Report des 
zurückgetretenen Beauftragten der USA 
in Havanna, Wayne Smith, hervorgeht. 

[n den achtziger Jahren haben die USA 
Jie Verwendung von kubanischem Nickel 
für us- amerikanische Produkte ausge¬ 
schlossen; ein Versuch einen der großen 
Exportgüter Kubas zu blockieren. S ie ver¬ 
raten einem schwedischen Hersteller von 
medizinischen Geräten die Ausfuhr von 
für Kuba vorgesehener Ausrüstung, weil 
sine Komponente davon ein amerikanis- 
:hes Produkt war. Die Hilfe für die 


Sowjetunion war mit der Einstellung der 
Handelsbeziehungen mit Kuba verknüpft. 
i m Frühjahr 1991 hielten die USA ein 
Manöver in der Karibik ab, bei dem auch 
bie Invasion Kubas eingeübt wurde; eine 
bblicheEinschüchterungstaktik. Mitte des 
Jahres 1991 wurdedasEmbargo verstärkt, 
so wurden die Geldüberweisungen der 
kubanischen Exilanten an ihre Verwandten 
ünterbunden, um nur eine Maßnahme zu 
nennen. Das Embargo wurde außerdem 
äuf die Verbündeten ausgedehnt, so wur¬ 
den Schiffe, die in den letzten sechs Mon¬ 
aten zuvor in einen kubanischen Hafen 
kinliefen von den US- Häfen ausgeschlos¬ 
sen und es wurde ermöglicht die für Kuba 
bestimmten Ladungen in US- Gewässern 
zu beschlagnahmen. Die Grausamkeit 
gegenüber der verhassten Unabhängigkeit 
Ipbas ist extrem und schlägt kaum Wellen 
im Mainstream. 


Lexikon 

der 

Anarchie 

Hg.: Hans Jürgen Degen - 


Das Lexikon der Anarchie 
-will versuchen, für den deutschsprachigen Raum 
eine umfassende Darstellung aller Personen, Sach¬ 
gebiete und Organisationen zu bieten, die in di¬ 
rektem oder indirektem Bezug zum Anarchismus 
standen oder stehen; 

- soll zu einem Standardwerk anwachsen, das 
leicht aktualisierbar ist und verständlich abgefaßt 
sein wird; 

- soll eine Quelle zum Nachforschen, Nachlesen 
und Informieren sein und als Arbeitsgrundlage 
über anarchistische Theorie und Praxis dienen. 
Im Lexikon der Anarchie werden folgende Berei¬ 
che behandelt: Personen, Themen, Organisatio¬ 
nen, Anhang mit Register, Bibliographie, Projekt- 
und Verlagsinformationen. Die einzelnen Stich¬ 
punkte sind alphabetisch geordnet und mit Seiten¬ 
zahlen versehen. Halbjährliche Ergänzungsliefe¬ 
rungen sollen das Lexikon nach und nach vervoll¬ 
ständigen. 

Die lieferbare Grundausstattung des Lexikons 
besteht aus Ringbuchordner, alphabetischem Re¬ 
gister und 154 Seiten Innenteil, DM 60,- zuzügl. 
Porto. Bei Bestellung der Grundausstattung wer¬ 
den die halbjährlichen Ergänzungslieferungen - 
je Seite DM 0,25 - mit abonniert. 

VERLAG 

SCHWARZER NACHTSCHATTEN 
K. Schreieck, Alte Salzstr. 1, 24306 Bösdorf 



Gegenwärtig gibt es keinerlei Versuch 
der Vertuschung, daß mit dem Verschwin¬ 
den der UdSSR- und damit der sowjeti¬ 
schen Abschreckung die Reduzierung der 
Handelsbeziehungen zwischen den Ost¬ 
blockstaaten und Kuba eine Möglichkeit 
darstelltUS- Hilfe zu bekommen. In schon 
typischer Weise drängen die Washington 
Post- Redakteure darauf, die Gelegenheit 
zu nutzen und Castro abzuservieren: “Für 
seinen großen Antagonisten, die USA, 
würde eine Lockerung des Embargos und 
eine Legitimierung dieses abgehalfterten 
Reliktes zu diesem fortgeschrittenen Zeit¬ 
punkt einem Bruch des Versprechens 
gegenüber dem kubanischen Volk, 
gegenüber allen Demokraten dieser Re¬ 
gion gleichkommen.” Dergleichen Logik 
folgend haben die Autoren in den achtziger 
Jahren dazu aufgerufen, Nicaragua zurück 
zum “mittelamerikanischen Status” der 
guatemaltekischen und salvadorianischen 
“Demokratien” derTodesschwadrone zu 
zwingen und dabei den hervorragenden 
“regionalen Standard” bewunderten; sie 
haben Gorbatschows “Neues Denken” 
verhöhnt, weil er den USA keine freie 
Hand bei der Durchsetzung ihrer Ziele 
gewährte, mit Mitteln, die vom Weltge¬ 
richtshof verurteilt wurden (irrelavant für 
die Washinton Post). Die Washington- 
Post spricht ebenso für das kubanische 
Volk, wie es die Liberalen im State- De¬ 
partment zu Zeiten Eisenhowers und Ken¬ 
nedys getan haben. (...) 

Der Kuba- Report zeigt sehr deutlich, 
daß der Kalte Krieg kaum mehr war, als 
der Vorwand für die Intoleranz gegen¬ 
über der Unabhängigkeit in der Dritten 
Welt, gleich in welchen Farben sie auch 
erschien. Die traditionelle Politik verbleibt 
-jenseits der Herausforderungen- im Rah¬ 
men des mainstreams. Wir können die 
üblichen Anstrengungen vorraüssehen, 
wir können vorraüssehen, wie die “reife 
Frucht” in die Hände der rechtmäßigen 
Besitzer fällt, oder kräftig vom Baum ge¬ 
schüttelt wird. Eine vorsichtige Politik 
wird den Würgegriff verstärken, zu ide¬ 
ologischer und ökonomischer Kriegsfüh¬ 
rung greifen um die Bevölkerung zu tref¬ 
fen und gleichzeitig andere einzuschüch- 
tem und abzuhalten sich einzumischen. 
Mit steigendem Leid sind Proteste, Re¬ 
pression und weitere Unruhen usw. 
anzunehmen, ein vorhersehbarer Kreis¬ 
lauf beginnt. An einem Punkt wird der 
innere Kollaps ein Niveau erreichen an 
dem. die Marines kostenlos geschickt 
werden können, um “die Insel wieder ein¬ 
mal zu befreien”, die alte Ordnung wie¬ 
derherzustellen,begleitet von den choralen 
Gesängen auf unsere Führer und deren 
Rechtschaffenheit. (...) 


Die “natürlichen Grenzen” des 
Südens 

Die Aufgabe der Kolonialisten bestand in 
ihren Heimatgebieten im “Ausloten der 
natürlichen Grenzen”, aber die “natürli¬ 
chen Grenzen” des Südens müssen ebenso 
verteidigt werden. Daraus erklärt sich die 
Beharrlichkeit ein Abdriften von Teilen 
des Südens zu verhindern und die auftre¬ 
tende Hysterie bei selbst winzigen Ab¬ 
weichungen, die aus internen Aufzeich¬ 
nungen hervorgehen. Eine adäquate Inte¬ 
gration aller, in die von dem Staatskapi¬ 
talismen Gesellschaften dominierteGlo- 
balökonomie ist sicherzustellen. Die 
Diener müssen, wie vom State Depart¬ 
ment vor Jahren bemerkt, “ihre Haupt¬ 
funktionen” als Rohstoffquellen und 
Märkte erfüllen, sie müssen vor dem 

“Kommunismus” beschützt werden.dem 
technischen Begriff einer sozialenTrans- 
formation mit der “ihr Willen und ihre 
Fähigkeit, die Wirtschaft des Westens zu 

ergänzen, geschmälertwird” so derWort- 

laut einer gewichtigen Studie der ;50er 
Jahre. 

In solch einem größeren Zusammen¬ 
hangwird der Kalte Krieg, grob gesagt, zu 
einer Unterbrechung des Nord-Süd 
Konflikts der Kolumbus-Ära, unerreicht 
in seinem Ausmaß, aber anderen Episoden 
ähnlich. Die dritte Welt, bemerkt der 
Historiker Leften S tavrianos, “ trat zuerst 
in Form von Osteuropa auf’, die 
wachsende Textil- und Metallindustrie in 
England und Holland seit dem 14. 
Jahrhundert versorgend, um danach, als 
die Handels- und Investitionsmuster ihren 
natürlichen Lauf nahmen, dem (jetzt 
gutbekannten) Weg hin zur Un¬ 
terentwicklung zu folgen. Rußland war 
selbst so unermeßlich und von so großer 
militärischer Macht, daß seine 
Unterordnung unter die westliche 
Wirtschaft aufgeschoben wurde, aber zu 
Beginn des 19. Jahrhunderts befand sich 
Rußland schon auf dem vom Süden 
vorgezeichneten Weg behaftet mit einer 
weitverbreiteten Armut und der 
Frcmdkontrolle über Schlüsselbereichc 
seiner Wirtschaft. Die bolschewistische 
Machtübernahme im Oktober 1917, die 

die anfänglichen sozialistischen 

Tendenzen bald über Bord warfen und die 
Arbeiterklasse oder andere Volks¬ 
organisationen zerstörte, schnitt die 
UdSSR von der Einflußsphäre des 
Westens ab und mündete in der unver¬ 
meidlichen Reaktion einer sofortigen 
militärischen Intervention der westlichen 
Mächte. Dies waren von außen betrachtet 
die wesentlichen Umrisse des Kalten 
Krieges. 

Die dahinterstehende Logik unter¬ 
scheidet sich nur unwesentlich vom Fall 
Grenada oder Guatemala. Der Maßstab 






Wahlen im Jahre 1952 von vornherein 
ab, ebenso Chrustschows Verlangen nach 
gegenseitigen Verträgen nach seinen 
radikalen Kürzungen im Militärbereich 
von 1961-63, Gorbatschows Vorschläge 
zur Beilegung des Kalten Krieges in den 
80em. Die Sowjetunion erreichte die Höhe 
ihrer Machtinden späten fünfziger Jahren, 
immer weit hinter dem Westen 
zurückbleibend. Die Kubakrise, die die 
extreme VerwundbarkeitderSowjetunion 
offenbarte, führte zu einem gewaltigen 
Anstieg der Militärausgaben, die erst in 
den späten siebziger Jahren ein niedrigeres 
Niveau erreichten. Danach stagnierte die 
Wirtschaft und die politische Führung 
war nicht dazu in der Lage, die internen 
Meinungsverschiedenheiten zu kontrol¬ 
lieren. Im Zuge der achtziger Jahre 
kollabierte das System, und die 
Kemstaaten, immer schon viel reicher 
und mächtiger, “gewannen den Kalten 
Krieg”. Große Teile des sowjetischen 
Reiches werden wohl zu ihrem traditio¬ 
nellen Dritte Welt Status zurückkehren, 
dem lateinamerikanischen Modell fol¬ 
gend. (...) 

Den gängigen Vorhersagen folgend, in 
diesem Fall vom Harvard-Wirtschafts¬ 
wissenschaftler von Jeffrey Sachs ange- 
boten, erlebte Polen “die Errichtung von 


des Problems war aber ein anderer. Das 
Problem vergrößerte sich, nachdem die 
führende Rolle Rußlands in der Bezwin¬ 
gung Hitlers zu einer Kontrolle über 
Osteuropa und Teile von Mitteleuropa 
führte, und diese Regionen damit der 
westlichen Kontrolle zu weit enfemte. 
Ein winziger Sklavenaufstand ist 
intolerabel, ein großer um so mehr, 
besonders wenn er die Stabilität durch 
einen Effekt des sogenannten faulen Ap¬ 
fels bedroht. Viel bedrohlicher war die 
Tatsache, daß dieser widerspenstige 
Abweichler dazu in der Lage war, 
diejenigen zu unterstützen, die von den 
USA untergraben oder zerstört werden 
sollten, und des weiteren über eine so hohe 
militärische Kapazität verfügte um die 
USA an anderweitigen Interventionen 
zu hindern. Unter solchen Umständen 
steht eine solche “Koexistenz” weit mehr 
außer Frage als im Falle von Guatemala, 
Chile, Grenada, Nicaragua, Laos usw.; 
und eine “Entspannung” kann nur dann 
als Option betrachtet werden, wenn sie 
die Auflösung der Sowjetunion und deren 
Rückzug von der Weltbühne beinhaltet. 
(...) 

Aus solchen Gründen lehnten die USA 
Stalins Vorschläge für ein vereinigtes, 
entmilitarisiertes Deutschland mit freien 


vielen profitablen Privatuntemehmen”, 
und wie der gut unterrichtete Analytiker 
Abraham Brumberg beobachtet, im 
Zusammenhang mit “einem Sinken der 
Produktion um fast50%, enormenEntbeh- 
rungen und sozialen Unruhen” und “dem 
Kollaps zweier Regierungen”. Allein im 
Jahre 1991 fiel das Bruttosozialprodukt 
um 8-10% , die Investitionen fielen um 
8% und die Arbeitslosigkeit verdoppelte 
sich fast. Russland geht gerade den selben 
Weg. Wirtschafts- und Finanzminister 
Yegor Gaidar warnte vor einem weiteren , 
Produktionsrückgang um 20% in den 
kommenden Monaten. Die Produktion in 
der Leichtindustrie fiel in den ersten 
neunzehn Tagen des Januars um 15 - 
30%, während die Lieferung bei Fleisch, 
Getreide und Milch sich um 30% oder 
mehr verringerte und es wird noch I 
schlimmeres vorhergesagt. i 

Westliche Ideologen zeigen sich von ! 
den Erfolgen Polens beeindruckt, sind ] 

aber über die wirtschaftliche Inkonsequenz 
besorgt, die einen weiteren Fortschritt I 

behindern könnte. Unter dem Titel 
“Fabrikdinosaurier gefährden Polens 
wirtschaftlichen Fortschritt”, behandelt 
Stephen Engelberg von der New York 
Times, daß “schlimmste Beispiel dafür 
wie das industrielle Erbe des 1 1 









Neuerscheinungen im 
Trotzdem-Verlag 
Herbst 1993 

Infostelie Guatemala/ 
Medico International (Hg.): 
Ojalä. 

Hoffnung auf ein neues Land - 
Guatemalas Flüchtlinge 
kehren zurück 

Hintergrundstexte und Fotos einer Gruppe, 
die die "Rückführung" der Flüchtlinge 
begleitet hat. Mit einer Rede von Rigoberta 
Menchü. Format 23x26, viele Fotos, 28.- 

F. Kamann/E. Kögel 
»Ruhestörung« 
zur Entstehungsgeschichte ünd 
zu Konflikten eines 
selbstverwalteten Juzes 
Am Beispiel eines Arbeiterjugendlichen 
Juzes in Stetten/Remstal untersuchen die 
Autorinnen die gesellschaftlichen Ursachen 
für die Aufbruchstimmung in den 70em wie 
das vorläufige Ende des Zentrums in den 
90em. Diskutiert werden Probleme der 
Selbstverwaltung (Anspruch und Grenzen), 
die Rollenzuweisungen, Entstehung der 
Mädchengruppe, Auseinandersetzung mit 
Institutionen um Räume und Freiräume, wie 
mensch eine Hausbesetzung vorbereitet, der 
Konflikt Sozialarbeiterln - ja oder nein, die 
Rolle der Zentrumsarbeit für die Einzelnen 
(Qualifizierung) anhand der Biographien 
u.v.m., mit Dokumenten, Fotos, 280S., 28.- 
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erscheint im April 1994. Wer subskribiert 
erhält beide Bände für 40.-DM, Band 1 
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Michel Foucault 
Der Staub und die Wolke 

Dieser Band enthält 13 Vorlesungen Fou- 
caults zur Analyse von Machtmechanismen, 
eine Auseinandersetzung mit den "Links¬ 
intellektuellen" und unter obigem Titel eine 
Auseinandersetzung zur Diskussion um 
"Überwachen und Strafen", 73 S., 16.-DM 

Trotzdem *Verlag 
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Fax: 07033-45264 


kommunistischen Systems wirtschaftliche 
Reformpläne in Polen und anderen 
osteuropäischen Ländern bedroht”: die 
Stadt Rzeszow, die von einem Flugzeug¬ 
hersteller hinsichtlich Arbeitsplätze, 
S teuereinahmen und sogar Wärmeenergie 
abhängig ist. Die politische Linie des freien 
Marktes “ließ Städte wie Warschau oder 
Krakau aufblühen”, so Engelberg, die 
Anzahl der Privatuntemehmen hat sich 
verdoppelt. Dieser an sich willkommene 
Fortschritt wird bedroht durch den Ruf 
nach staatlichen Interventionen in den 
Bereichen, die unter dem Kollaps der 
Sowjetunion leiden (Verlust von Märkten, 
unbezahlte Schulden usw.). Nicht weniger 
bedrohlich ist “die Unruhe unter den 
Arbeitern”, die jetzt in den Fabriken ein 
gewisses Maß an Kontrolle besitzen und 
sogar streiken, um die Stillegung von Be¬ 
trieben zu verhindern, die durch ein 
“Regierungsprogramm zum Wiederauf¬ 
bau "gerettet werden könnten. Solidanosc 
verlangt von der Regierung “die 
Streichung von ausstehenden Steuern und 
große Aufträge (Flugzeuge) für die 
polnische Armee”. Ein Führer der Soli- 
damosc sagt, daß sich “die Regierung ent¬ 
scheiden muß, ob eine Flugzeugindustrie 
notwendig ist, ob diese neu strukturiert 
werden muß oderob ein Teil davon andere 
Waren herstellen soll”. Analytiker im 
Westen wissen, daß solche Ent¬ 
scheidungen nicht von den Polen selbst 
getroffen werden: darüber entscheidet der 
“freie Markt” - - oder genauer gesagt die¬ 
jenigen, die ihn bestimmen. Im Falle des 
Schicksal der US -Flugzeugindustrie oder 
der High-Tech Industrie im allgemeinen 
werden keine peinlichen Fragen über die 
gewaltige öffentliche Unterstützung zur 
Erschaffung und Unterhaltung derselben 
gestellt. Es werden auch keine Fragen 
gestellt bei der Rettung von Chrysler oder 
bei Reagans Rettung der Continentel 
Illinois Bank (“der größten 
Verstaatlichung der Geschichte Ame¬ 
rikas”, wie der Wirtschaftswissenschaft¬ 
ler Howard Wachtel kommentiert), oder 
bei den hunderten von Milliarden Dol¬ 
lars der Steuerzahler, mit denen Manager 
und Geldgeber der S&Ls (savings and 
loans, Sparkassen, Anmerkung d. Ü.) 
abgefunden wurden, durch die genia¬ 
len Reaganomics von Risiko und Kont¬ 
rolle befreit. (...) 

Die Wirtschaft Osteuropas stagnierte 
oder verfiel während der achtziger Jahre 
und ging mit der Übernahme der IWF 
Richtlinien am Ende des Kalten Krieges 

1989 in einen freien Fall über. Zum Winter 

1990 war die industrielle Produktion 
Bulgariens um 17%,dieUngamsum 12%, 
Polens über 23% und die Rumäniens um 
30% gefallen. Die UN- Wirtschafts¬ 
kommission für Europa erwartet für das 
Jahr 1991 einen Rückgang von 20%, und 
für 1992 ähnliches oder noch schlimmeres. 


Ein Resultat hiervon ist eine generelle 
Desillusionierung in Bezug auf die 
demokratische Öffnung und sogar in der 
wachsenden Unterstützung für die 
ehemaligen kominunistischen Parteien. 
(...) Im Westen ist der Vertrauensverlust 
in Bezug auf die Demokratie von geringer 
Bedeutung, der “bürokratische Ka¬ 
pitalismus”, der von den zu Yuppies 
gewordenen Kommunisten eingeschleppt 
werden könnte, stellt aber sehr wohl ein 
potentielles Problem dar. Nach westl ichcr 
Sichtweise sind demokratische Verhält¬ 
nisse akzeptabel, sofern sie nicht eine 
Kontrolle der Geschäftsinteressen 
darstellen. Demo-kratische Verhältnisse 
sind aber nicht so wichtig: die eigentl ichc 
Priorität liegt in der Eingliederung in die 
Weltwirtschaft mit dem damit ver¬ 
bundenen Vorteil der Ausbeutbarkeit und 
Plünderung. 

Mit der Rückendeckung des IWF hat die 
EG für Osteuropa einen Test des guten 
Benehmens erstellt: eine Veranschau¬ 
lichung, die besagt, daß “eine wirtschafl- 
licheÖffnungmitAussichtaufEinführung 
von marktwirtschaftlichen Rahmen¬ 
bedingungen” irreversibel ist (...) Richard 
Portes, Chefberater der EG in Wirt¬ 
schaftsfragen definierte einen akzeptab¬ 
len “Regimewandel” nicht im Sinne von 
demokratischen Umgangsformen, son¬ 
dern als “eine definitive Abkehr von 
Sozialistischerplanwirtschaft—und ihrer 
Irreversibilität”. Ein IWF- Bericht 
jüngeren Datums “konzentriert sich auf 
die Rolle der Sowjetunion als Energie-, 
Getreide- undRohstofflieferanten und gibt 
den Republiken der ehemaligen 
Sowjetunion wenig Aussicht auf eine 
Rolle als industrielle Wirtschaftsmächle 
auf dem Weltmarkt”, so Peter Gowan. 
Eine Übernahme von Betrieben durch d ie 
Belegschaft, so Gowan, “erfreut sich in 
Polen und der CSFR großer öffentlicher 
Unterstützung”, istaber für die westlichen 
Aufseher nicht akzeptabel, da sie dem 
Kapitalismus des freien Marktes, der den 
Süden zugedacht ist zuwiderläuft. 

Soviel zum Süden. Im Einklang mit den 
üblichen Praktiken der führenden Indus¬ 
triegesellschaften hat die EG Barrieren 
zum Schutz ihrer eigenen Industrie und 
Landwirtschaft errichtet und verschließt 
so gerade diejenigen Exportmärkte, die 
den Ländern des Ostblocks einen Wie¬ 
deraufbau ihrer Wirtschaft ermöglichen 
könnten. Als Polen alle Einfuhr¬ 
beschränkungen abschaffte, zeigte sich 
die EG wenig erkenntlich, indem sie die 
Hälfte der polnischen Exporte 
benachteiligte (Gowan). Die europäische 
Stahllobby verlangte eine Restrukturi¬ 
erung der osteuropäischen Industrien, die 
sie in der westeuropäischen verankert. 
DieeuropäischeChemieindustrieäusserte 
ihre Bedenken gegenüber die Einführung 
der freien Marktwirtschaft in der 









ehemaligen Sowjetunion, weil diese “zu 
Lasten der Konkurrenzfähigkeit der 
westeuropäischen Chemieindustrie gehen 
könnte”. Selbstverständlich akzeptiert 
keine der staatskapitalistischen Gesell¬ 
schaften einen offenen Arbeitsmarkt, 
einem grundlegenden Prinzip der freien 
Marktwirtschaft. Die abtrünnigen 
osteuropäischen Teile der Dritten Welt 
sollen wieder in ihre Lieferantenrolle 
zurückgedrängt werden; ihre Ressourcen 
müssen frei ausbeutbar sein, für westliche 
Investoren billige und qualifizierte Ar¬ 
beitskräfte bereitstellen, gemäß den 
Bedürfnissen der entwickelten Industri¬ 
egesellschaften. (...) 

Einige Erfolge des Freien 
Marktes 

Es wäre nur gerecht hinzuzufügen, daß 
das auf die ehemalige Sowjetunion 
angewandte Rezept Erfolge zeigt, 
zumindest in Lateinamerika. Bolivien gilt 
als herausragendes Beispiel, ihre 
Wirtschaft wurde durch ein von Beratern 
entwickelten harschen aber notwendigen 
Stabilisierungsprogramm vor einem 
Desaster gerettet. Der öffentliche Dienst 
wurde stark abgebaut, die staatlichen Mi¬ 
nen wurden privatisiert, was zu einer 
massiven Arbeitslosigkeit unter den 
Bergarbeitern führte. Die Reallöhne 
sanken und auf dem Lande konnte man 
Horden von das Handtuch werfende Leh¬ 


rer beobachten, eine regressive 
Steuerpolitik wurde eingeführt, die 
Wirtschaft wie auch die Investitionen 
nahmen ab und die Kluft zwischen Arm 
und Reich wurde größer. Im Leitartikel 
vom Current History schreibt der 
Wirtschaftswissenschaftler Mel vin Burke, 
“Strassenhändler und Bettler stehen im 
Kontrast zu poppigen Boutiquen, pikfei¬ 
nen Hotels und Mercedeslimousinen”. Das 
Bruttosozialprodukt sank gegenüber 1980 
um ein Viertel und die Bedienung der 
Auslandsschulden absorbieren 30% der 
Exporteinnahmen. Als Belohnung für 
dieses Wirtschaftswunder boten der IWF, 
die Interamerican Developement Bank, 
die G-7 Staaten Bolivien ausgiebige 
finanzielle Unterstützung an, ein¬ 
schließlich geheimer Gehaltszahlungen 
an Minister als Ausgleich ihrer reduzier¬ 
ten Einkommen. 

Der Erfolg lag in der Preisstabilisierung 
und einem Exportboom. Ungefähr zwei 
Drittel der Exporteinnahmen kommen jetzt 
aus der Produktion und dem Handel mit 
Koka, schätzt Burke. Das Drogengeld 
erklärt die Stabilisierung der Währung 
und derPreise. Etwa 80% der 3 Milliarden 
$ an jährlichen Profiten aus den Drogen¬ 
geschäften, wird hauptsächlich in den USA 
ausgegeben und angelegt, was der US- 
Wirtschaft zugute kommt. Geldwäscher 
und Banker sind natürlich kein Objekt des 
von den USA finanzierten Drogenkrieges. 
Diese profitable Exportgeschäft ‘ ‘dient den 


Interessen der neuen Bourgeoisie und den 
Narco-Generälen' Boliviens,” und “dien 
offensichtlich auch den nationalen 
Interessen der USA insoweit, daß! 
Geldwaschen von den USA nicht nuij 
toleriert, sondern geradezu gefördert 
wird”. Es sind “die kleinen Kokaanbauer”! 
die “sich der geballten Macht der USAl 
und dem bolivianischen Militär erwehren! 
müssen”, schreibt Burke.(...) Fortschritte! 
werden auch von anderswo berichtet, das 
verdanken wir der rechtzeitigen 
Intervention und dem Experten¬ 
management der USA. Nehmen sie zum 
Beispiel Grenada. Nach seiner Befreiung 
1983 wurde es zum größten Hiifs-j 
empfanger (nach Israel, einem speziellen! 
Fall), indem die Reagan Regierung 
Grenada zu einem “Vorzeigeobjekt des! 
Kapitalismus” machen wollte. Die 
Sparprogramme führten zu dem üblichen 
Desaster, die selbst von den privatwirt¬ 
schaftlichen Sektoren verflucht wurden, 
von jenen also die von dieser Hilfe 
profitieren sollten. Es gibt aber auch einen 
Lichtblick im ansonsten trüben Bild, wie 
Ron Susskind in einem Leitartikel des 
Wall Street Journal mit der Überschrift 
“Von den Marines gebrachte Sicherheit, 
Grenada ist zum Himmelreich ausländis¬ 
cher Banken geworden” sagt. Die 
Wirtschaft mag wie der Chef einer hie-! 
sigen Investmentbank und Parlaments¬ 
abgeordneter bemerkt, “in einer schreck- j 
liehen Verfassung sein”, dank dem von | 



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lÄSI 












den USA betriebenen Strukturanpas¬ 
sungsprogramm, was das Wall Street 
Journal nicht erwähnt. Die Hauptstadt St. 
George “wurde zum Casablanca der 
Karibik, einem Paradies für Geld Wäscher,- 
Steu-erflüchtlingen und ausgesuchtesten 
Finanzbetrügem”, mit 118 Auslandsban¬ 
ken, das bedeutet eine Bank auf 64 
Einwohner. Rechtsanwälte, Buchhalter 
und einigen Geschäftsleuten geht es 
blendend, wie auch unzweifelhaft den 
ausländischen Bankern, Geldwäschem 
und Drogenbaronen. 

Die us-amerikanische Befreiung 
Panamas bedeutete einen ähnlichen 
Triumph. Kürzlich erhobene Mei¬ 
nungsumfragen deuten an, .daß der auf 
einer us-amerikanischen Militärbasis am 
Tage der Invasion eingeschworene Präsi¬ 
dent Guillermo Endara bei Wahlen 2,4% 
der Stimmen erhalten würde. Seine 
Regierung machte den zweiten Jahrestag 
der Invasion zu einem “Nationaltag der 
Besinnung”. Tausende von Panamesen 
“versammelten sich an diesem Tag zu 
einem Schweigemarsch durch die Strassen 
der Hauptstadt um gegen die US-Invasion 
und die Wirtschaftspolitik Endaras zu 
protestieren”, wie die französische Presse¬ 
agentur berichtete. Die Demonstranten 
Bindeglied bei den Kokainlieferungen in 
die USA und nach Europa ist”. 

Eine von Regierungsbeamten und 
Nichtregierungsorganisationen besuchte 
Konferenz im August 1991 kam zu den 
Schluß, daß Nicaragua 250.000 
Drogenabhängige hat und zu einer Brücke 


W ildcat 

Nr. 62 Sept / Okt 93 

• Solingen - Revolte der Jugendlichen 
• Aufstand in Crotone / Kalabrien 
• Bischofferode: Zurück in die Zukunft 
• Die Timex-Intifada 
• Streik bei Opel-Bochum 
• Postreform: Gelbfieber 
• Was will die UNO in Somalia 
• Interview: Türkei / Kurdistan 
• Debatte -Wiederkehr des Proletariats 



im internationalen Drogenhandel wird, 
obwohl die Rate der Drogenabhängigen 
immer noch unter dem Rest Mit¬ 
telamerikas liegt (4oo.ooo Abhängige in 
Costa Rica, 450.000 in Guatemala, 
5oo.ooo in El Salvador). In Nicaragua 
wächst die Abhängigkeit unter jungen 
Menschen besonders unter denen, die 
jahrelang in’ Miami gelebt haben. Einer 
der Organisatoren der Konferenz 
bemerkte, daß “1986 kein einziger Fall 
von harten Drogenkonsum bekannt 
geworden war” während “esl990 
mindestens 12.000 Fälle gab”. Allein in 
Managua wurden 118 Drogenhan¬ 
delsdelikte aufgedeckt, obwohl die 
atlantische Küste zum internationalen 
Transit für harte Drogen geworden ist. 
Damit verbunden ist ein Anwachsen der 
Abhängigkeit in dieser Region. Die 
amerikanische Journalistin Nancy Nusser 
berichtete aus Managua, daß nach 
Angaben von Drogenhändlern Kokain 
“erst seit der Amtseinführung Violetta 
Chamorros im April 1990 überall 
erhältlich ist”. “Während der Zeit der 
Sandinisten gab es kein Kokain, nur 
Marihuana”, sagte ein Drogenhändler. 
Carlos Hurtado, der heutige Regierungs¬ 
sprecher, bemerkt, daß das Phänomen des 
Kokaionhandels schon früher existierte, 
allerdings auf einem niedrigen Niveau”. 
Jetzt blühe er auf, laut “einem führenden 
westlichen Diplomaten mit Kenntnissen 
des Drogenhandels” (wahrscheinlich ein 
US-Botschaftsangehöriger) durch die 
Atlantikküste. Er beschreibt die Küste 
jetzt als ein “Niemandsland”. 

Drogen werden “zu der neuesten 
Wachstumsindustrie Mittelamerikas”, 
laut CAR, wegen den “verheerenden 
wirtschaftlichen Bedingungen in denen 
85% der Bevölkerung in Armut iebt” und 
durch das Fehlen von Arbeitsplätzen hier 
besonders im neoliberalen Nicaragua. Das 
Problem hat allerdings noch nicht das 
Ausmaß Kolumbiens erreicht, wo von 
den USA ausgerüstete und ausgebildete 
SiGherheitskräfte ihren Terror, Fol¬ 
terungen, das Verschwindenlassen, die 
Verfolgung von Oppositionspolitikem, 
Bürgerrechtlem, Gewerkschaftsführern! 
Menschenrechtsaktivisten und Klein¬ 
bauern fortsetzen, wenn nichtgar steigern, 
während die US-Hilfe hauptsächlich “die 
Korruption innerhalb der kolumbianischen 
behaupteten, daß die US-Truppen 3.000 
Menschen ermordet hätten, wovon viele 
in Massengräbern oder im Meer landeten. 
Die Wirtschaft hat sich von der 
Erschütterung durch das US-Embargo und 
die zerstörerische Invasion nicht erholen 
können. Einige Prognosen aber zeigen 
nach oben. Das staatliche Presseamt 
berichtete, daß der Drogenhandel sich 
seit der In vasion”vielleicht verdoppelte”, 
während das Geldwaschen “aufblühte”. 

42 


Dies wurde sofort von jedermann 
vorhergesehen, der den Praktiken und 
Gepflogenheiten der winzigen weißen 
Elite, die die US$ wieder in ihre tradi¬ 
tionelle Rolle einWies, Aufmerksamkeit 
schenkte. Verstärkter Drogenhandel und 
die ökonomische Krise haben auch zu 
“einem unvorhersehbaren Anwachsen des 
Drogenkonsums, besonders bei armen 
und jungen Menschen” geführt, so der 
“Christian Science Monitor”, 

Ein weiterer Triumph der freien 
Marktwirtschaft wurde aus Nicaragua 
berichtet, wo die Chamorro- Regierung 
und der US-Botschafter Harry 
Shlaudeman kürzlich Abkommen Unter¬ 
zeichneten, die der DEA (Anti¬ 
drogenbehörde, d.Ü.) erlauben in Nica¬ 
ragua “gegen den wachsenden Drogen¬ 
handel vorzugehen” (Central America 
Report). Der DEA Agent in Costa Rica 
verkündete, daß Nicaragua jetzt “als 
Korridor zum Transfer von kolum¬ 
bianischen Kokain in die USA benutzt 
wird”. Ein Drogenfahnder des Justizmi¬ 
nisteriums fügt dem hinzu, daß innerhalb 
des nicaraguanischen Finanzsystems 
Drogengelder gewaschen werden. 
Innerhalb Nicaraguas gibt es auch ein 
steigendes Drogenproblem, angetrieben 
durch den hohen Drogenkonsum sowohl 
von Heimkehrern aus Miami als auch 
durch den fortgesetzten wirtschaftlichen 
Niedergang und den neuen Möglichkei ten 
des Drogenhandels seit die USA wieder 
Einfluß erlangten. “Seit der Einsetzung 
der Chamorro-Regierung und der 
massiven Rückkehr von Nicaraguanern 
aus Miami steigerte sich der Drogen¬ 
konsum grundlegend in einem Land, das 
lange Zeit frei von Drogenkonsum 
war”(Central America Report). Miskito 
Anführer Stedman Fargoth beschuldigte 
zwei Mitglieder des Chamorro- Kabinetts, 
seinen früheren Verbündeten Brooklyn 
Riviera und den Fischereiminister, daß 
sie für das kolumbianische Kartell 
arbeiteten. Der nicaraguanische Delegierte 
erklärte auf der neunten internationalen 
Konferenz zur Bekämpfung des 
Drogenhandels in Kolumbien im April 
1991, daß Nicaragua “heute ein führendes 

Sicherheitskräfte steigert und die Bluts¬ 
brüderschaft zwischen Rechtsradikalen, 
Militäroffizieren und rücksichtslosen 
Drogenhändlern bestärkt”, wie 
Menschenrechtsaktivist Jorge Gömez 
Lizarazo, ein ehemaliger Richter, feststellt. 
Die Situation in Peru ist sogar, noch 
schlimmer 

Dies sind nur Symptome einer viel tiefer 
liegenden Malaise in Lateinamerika und 
des ganzen Südens. 


übersetzt vom Heddemheimer Kulturvcrein 
































Gemeint sind die Nichtregierungsorga¬ 
nisationen (NRO), deren Benennung auf“ 
dieser Seite des Ozeans leicht zu Mißver¬ 
ständnissen führen kann. Es handelt sich 
um die in der entwicklungspolitischen 
Terminologie als ‘counterparts* bezeich- 
neten Organisationen, die im Trikont als 
Partner der hiesigen “Entwicklungshilfe”- 
NROs fungieren, dabei aber hinsichtlich 
ihrer gesellschaftlichen Funktion und 
Bedeutung eine andere Rolle spielen. 

Diese Organisationen befinden sich seit 
dem Ende der Diktatur in einem extremen 
Spannungsfeld. Der Rahmen der begin¬ 
nenden politischen Demokratisierung vor 
dem Hintergrund des neoliberalen Wirt¬ 
schaftsmodells deutet zwei mögliche. 
Szenarien für die Entwicklung der chile¬ 
nischen Gesellschaft an. Auf der einen 
Seite bestand und besteht immer noch die 
Hoffnung auf eine kontinuierliche Ent¬ 
wicklung hin zu einer tatsächlichen poli¬ 
tischen und sozialen Demokratie, eine 
momentan immerhin recht utopisch wir¬ 
kende Perspektive. Auf der anderen Seite 
droht die ungehemmte Fortsetzung des in 
Chile mehr als bekannten Modells neo¬ 
liberaler sozialer Repression. Diese Situa¬ 
tion beginnt tief in die Strukturen der 
NROs hineinzuwirken, da sie grundsätz¬ 
lich die Frage nach deren Verhältnis zur 
politischen Macht im Staate als auch zu 
den darwinistischen Gesetzen der Markt¬ 
wirtschaft im freien Fall stellt. Im weite¬ 
ren geht es um die Chancen die diesen 
ursprünglich emanzipatoriscrfen Institu¬ 
tionen eingeräumt werden können. 


| Ein neues gesellschaftliches Subjekt 

| 

| In Chile hießen noch bis zur Mitte der 
| achtziger Jahre die NROs ‘Unterstützer¬ 
organisationen 5 (instituciones de apoyo). 
Der neue Begriff der NRO kam von außen. 
Er wurde von der UNO ins Spiel gebracht, 
oder wie es Cristina Cö von der von Paolo 
Freire mitbegründeten CEAAL (Consejo 
de Educaciön de Adultos de America 
Latina) ausdrückt: “Wir haben uns selber 
nicht so genannt, die UNO hat uns so 
getauft”. So dauerte es einige Zeit, bis die 
betreffenden Organisationen die neue 
Bezeichnung, die keinen Unterschied 
machte zwischen im Dienste der Basis 
engagierten Organisationen und dem 
j Roten Kreuz; für sich akzeptierten. 

Aber mit der Zeit (Ende der achtziger 
Jahre) wurde der Benennung eine posi¬ 
tive Seite abgewonnen. Fernando Ossan- 
dön von ECO, Educaciön y Comunica- 
ciones: “Dann stellten wir fest, daß wir 
eigene Dinge, ein eigenes Profil beizu- 
steuem haben. Darunter verstehe ich, daß 
die NROs bestimmte fachliche Kennt¬ 
nisse, bestimmte Themen, die Möglich¬ 
keit zur reflexiven Analyse und die Fähig¬ 


keit, die verschiedenen Basisinitiativen 
mit dem Rest der Gesellschaft zu ver¬ 
netzen, einbringen können. Dieses sind 
die Fähigkeiten, die wir besitzen und die 
die übrigen sozialen Organisationen nicht 
besitzen.” 

Im chilenischen Kontext versteht man 
traditionell unter NRO einen Typ von 
Organisation, der eine vom Staat unab¬ 
hängige Finanzierung vorweisen kann 
(auch wenn sich hier neuerdings einiges 
zu ändern beginnt), von keiner Partei ab¬ 
hängig ist und dessen Engagement der 
Unterstützung und Vernetzung der Basis¬ 
organisationen d.h. der sozialen Bewe¬ 
gungen gilt. In den Zeiten Pinochets er¬ 
kannte man sie an ihrer entschiedenen 
Gegnerschaft zum diktatorialen Regime; 
im besten Sinne waren sie Mc/i/-Regie- 
rungsorganisationen. Ihre Aktivitäten sind 
heute mehr denn je auf einen demo¬ 
kratischen, sozialen Wandel ausgerichtet, 
jenseits einer lediglich politisch-parla¬ 
mentarischen Demokratisierung. Es geht 
primär um die Überwindung der Aus¬ 
beutung und die Verwirklichung der Men¬ 
schenrechte. 

Dennoch präsentieren sich die chile¬ 
nischen NROs, trotz dieser Gemeinsam¬ 
keiten, recht disparat. Sie sind in den 
verschiedensten Tätigkeitsfeldern aktiv 
(Forschung, Erziehung, Gesundheit, 
Frauen, Saisonarbeiter und in verstärk¬ 
tem Maße den Basismedien...). Ihre Größe 
variiert zwischen Organisationen miteiner 
handvoll Mitarbeiterinnen (z.B. IC AR, 
einer NRO, die sich um die Organisierung 
der Landarbeiterinnen kümmert) bis zu 
solchen mit über 100 (z.B El Canelo de 
Nos). Selbst ein einheitlicher rechtlicher 
Status, der ihnen in einem Land, in dem 
die Übergriffe des Staates auf der Tages¬ 


ordnung standen, einen gewissen Schutz 
bieten könnte, blieb ihnen bisher verwehrt. 


Vic/^Regierungsorgamsationen 
par exeellenee 

In Chile entstanden erstmals den heutigen 
NROs ähnliche Organisationen Ende der 
sechziger Jahre während der Regierung 
Frei. Das eigentliche Entstehen der NROs 
ist eng mit der Diktatur und gleichzeitig 
der sich ausdehnenden “Entwicklungs- 
Hilfe seitens des Nordens Ende der sieb¬ 
ziger Jahre, die zu einem Gutteil aus den 
Solidaritätsaktionen gespeist wurde, ver¬ 
bunden. Cristina Cö: “Der Ursprung der 
NROs ist in den diktatorialen Regimes zu 
suchen. Die NROs hatten sich die Auf¬ 
gabe gesetzt, den Diktaturen entgegenzu- 
steuem, den Staat anzuklagen, ihn in 
bestimmten Bereichen zu ersetzen.” 

Die ersten NROs wurden gegründet, 
weil jene gesellschaftlichen Gruppen 
(Gewerkschaften, Parteien....), die sich 
zugunsten der gesellschaftlichen Basis 
hätten engagieren können, aus gegebenen 
Gründen nichts unternahmen oder unter¬ 
nehmen konnten. Abgesehen von einigen 
eher individuellen Formen der staatlichen 
Unterstützung nach dem Subsidiaritäts¬ 
prinzip (z.B. bei der Wohnungsvergabe), 
gab es keinerlei Initiative des Staates zu¬ 
gunsten der Basis. Vielmehr war die 
Repression gegen die Unterklassen und 
deren gesellschaftliche Ausgrenzung er¬ 
klärte Politik des Regimes. Das staatliche 
Erziehungs- und Gesundheitssystem 
wurde zum fast vollständigen Zusammen¬ 
bruch geführt. In anderen Sektoren des 
unter Allende vorbildlichen Sozialsystems 
waren die Wirkungen kaum weniger fa- 




tal. Zudem fehlte hinsichtlich der gesell¬ 
schaftlichen Basis jegliche Form kriti¬ 
scher analytischer Reflexion oder wissen¬ 
schaftlicher Forschung. 

Zunächst wurden die NROs deutlich 
von den Kirchen finanziell gefördert. 
Deren gesellschaftliche Bedeutung ge¬ 
währte den kleineren NROs einen gewis¬ 
sen Schutz. Aus den Kirchen heraus bil¬ 
deten sich Organisationen zur Verteidi¬ 
gung der Menschenrechte. (Pro Paz, Vi- 
caria de. la Solidaridad,). Ihre Aufgabe 
war die Unterstützung der Bewegungen 
in den Elendsvierteln, den poblaciones. 

Während der Diktatur erfüllten die 
NROs in manchen Fällen Stell Vertreter¬ 
funktionen für Parteien oder soziale Orga¬ 
nisationen. Außerdem bildeten sich in den 
NROs viele der sozialen und politischen 
Aktivisten heran. Sie stellten Orte dar, an 
denen entscheidend an der Entwicklung 
neuer politischer Ideen diskutiert und 
gearbeitet wurde 

Die Demokratisierung und die Folgen 

Grundsätzlich hat der Wandel hin zur 
Demokratisierung einige fundamentale 
Veränderungen für den nicht-staatlichen 
Sektor bewirkt: Neben einem deutlichen 
Rückgang der internationalen “Entwick- 
lungs”-Hilfe haben die sozialen Basisbe¬ 
wegungen und die mit ihnen verbundenen 
NROs im offiziellen gesellschaftlichen 
Kräftespiel deutlich an Einfluß und Dyna- 
ro ik zugunsten der parlamentarischen 
Kräfte verloren. Und: Die Beziehungsge¬ 
ll echte zwischen den NROs und anderen 
Trägem der chilenischen Gesellschaft sind 
komplizierter und enger geworden. So hat 
sich vor allem der Kontakt zum Staat und 
den Parteien grundsätzlich geändert. 

Die versickernde 
“Entwicklungs”-Hilfe 

Viviana Erazo von Fempress, der ein¬ 
zigen lateinamerikanischen Presseagen¬ 
tur von Frauen für Frauen, umreißt das 
Problem: “Für die chilenischen NROs 
stell tsichjetztdas Problem, daß die euro¬ 
päischen Kooperationspartner es vorzie¬ 
hen , Projekte in Osteuropa statt in Latein¬ 
amerika zu finanzieren.” 

Zu Beginn der Demokratisierung konn¬ 
ten die NROs noch rund 55 Mio $ aus 
internationalen Mitteln kanalisieren. Diese 
Summe beinhaltete auch Gelder von aus¬ 
wärtigen Regierungen, die damals noch 
n icht mit der chilenischen Regierung 
kooperieren wollten. 

Während bilaterale staatliche Entwick- 
lungsgeldcr mittlerweile nahezu aus¬ 
schließlich über staatliche chilenische 
Institutionen z.B. FOSIS, dem Fondo de 
Solidaridad y de Inversion Social (Soli¬ 
darität- und sozialer Investitionsfonds), 


kanalisiert werden, hat gleichzeitig die 
private zumeist direkte internationale Hilfe 
für chilenische Organisationen deutlich 
abgenommen. Weltweit wird davon aus¬ 
gegangen, daß Chile durch das Ende der 
Diktatur und die im lateinamerikanischen 
Kontext relativ stabile wirtschaftliche 
Situation bei der “Entwicklurigs”-Hilfe 
keine erste Priorität verdient. So decken 
die NROs mittlerweile, d.h. seit Ende der 
Diktatur, einen bedeutenden Teil ihrer 
Finanzierung über staatliche Mittel ab. 
Dies macht sie auf der pragmatischen 
Ebene zu Beteiligten staatlicher 
Sozialpolitik. 

Insgeheim wird darauf gehofft, daß sich 
diese Entwicklung wird umkehren lassen. 
Aber: “Wir wünschen nicht, daß die ent¬ 
wicklungspolitischen Entscheidungen 
unserer Gesprächspartner auf seiten der 
im Norden angesiedelten Hilfsorganisa¬ 
tionen nur aus individuellen Abmachun¬ 
gen mit bestimmten NROs oder lediglich 
Gesprächen mit der chilenischen Regie¬ 
rung entstehen. Stattdessen erhoffen wir 
uns, daß die Chile betreffenden Entschei¬ 
dungen von allen Betroffenen gemeinsam 
getroffen werden”, soGonzalo de la Maza, 
der Direktor der CNO, der Coordinadora 
Nacional de Organizaciones No-Guber- 
namentales (Nationale Koordinierungs¬ 
stelle für NROs). Dies wird die einzig 
wirksame Methode sein, einem zuneh¬ 
menden, hemmungslosen Wettlauf zwi¬ 
schen den NROs um die weniger werden¬ 
den Mittel vorzubeugen und eine gemein¬ 
same Aktion z.B. gegenüber staatlichen 
Institutionen zu erreichen. Bis dahin 
werden sich die NROs zunehmend um 
neue Möglichkeiten der Eigenfinanzie¬ 
rung kümmern müssen, ein Feld auf dem 


der neue Typus der noch vorzustellenden 
Con sulting-NROs mit seinem marktorien 
tierten Profil einen deutlichen Vorsprung 
hat. 

Parteilich oder parteiisch? 

In vielen Ländern Lateinamerikas ist tradi 
tionell das Politische an die Existenz der 
Parteien gebunden. Seit einiger Zeit be¬ 
ginnt sich das zu ändern. Die emanzipa- 
torischen Veränderung in den Gesell¬ 
schaften Lateinamerikas gehen heute 
weniger denn je von den Parteien aus. Es 
sind die jeweiligen sozialen Bewegung 
gen, die sich gegen sie erheben. Sei es die 
brasilianische Frauenbewegung gegen die 
PT (die Arbeiterpartei), die peruanische 
Basis gegen die Izquierda Unida(die Ver - 
einigte Linke), oder die unabhängigen 
Frauenorganisationen gegen die AM- 
NLAE (die nicaruguanische Frauenorga 
nisation) und die FSLN. Die auch für 
weile Teile der Linken typische Form des 
(partei-) politischen Mandats, das zuneh- 
mends dazu beigetragen hat, daß sich dii 
Repräsentanz von den eigenüichen Problej 
men der Basis entfernt hat, wird von den 
Bewegungen thematisiert. 

Wenig erstaunlich, da auch in Lateim 
amerika das klassische Politikmodell 
offensichtliche Ermüdungserscheinungen 
aufzuweisen beginnt. Den Parteien (auclj 
und im speziellen den linken) wird ihr 
virulenter Machismus vorgeworfen, ihr 
Festhalten an Ideologismen, ihre Gering! 
Schätzung der in den sozialen Bewegunj 
gen gemachten Erfahrungen. Und, um so 
erstaunlicher, der Überdruß im Volk geht 
scheinbar an weiten Teilen der Linketj 
unbeachtet vorüber: Gerade in dieser Zeit 






















einer eindeutigen Krise versuchen viele 
der ehemals starken Guerillabewegungen 
ihr zweites Bein in die jeweiligen parla¬ 
mentarischen Elfenbeintürme zu kriegen. 

In Chile ist die Situation nicht deutlich 
anders. Jaime Durän, Generalsekretär der 
MID A, gibt selber zu: “Trotz der offiziel¬ 
len Definition wurde bisher die vollstän¬ 
dige Integration der Unabhängigen und 
der sozialen Bewegungen in der Führungs¬ 
ebene der MIDA noch nicht erreicht”. 
Aber: “Die Beziehung zwischen den Poli¬ 
tikern und den sozialen Bewegungen ist 
eine Herausforderung, die diese neue Kraft 
von Anfang an annehmen muß”. 

Vor allem die etablierten Parteien ha¬ 
ben sich allerdings längst das Phänomen 
der NROs auf ihre Weise zunutze ge¬ 
macht. 

Und die Basis? 

Die Rolle der NROs ist in der letzten Zeit 
auch bei uns deutlich in das Kreuzfeuer 
der Kritik geraten. Hinsichtlich ihres 
Verhältnisses zu den Basisorganisationen 
wird ihnen vorgeworfen, die NROs zeig¬ 
ten ihnen gegenüber deutlich patemali- 
stische Strukturen. Und: Durch die NROs 
würde einem System Vorschub geleistet, 
das man mit dem Begriff ‘Klientelismus’ 
(Möller) umschreiben kann. Basisgrup¬ 
pen hätten demnach als Gegenleistung für 
die Leistungen der NROs mit einer ent¬ 
sprechenden (ideologischen oder anders¬ 
gearteten) Willfahrigkeit zu reagieren. Ein 
existenzielles Interesse seitens der NROs 
an dieser Abhängigkeit stünde einer nach¬ 
haltigen Veränderung der Situation ent¬ 
gegen. 

Es ist keine Frage, daß diese Kritik in 
vielen Fällen von NROs angebracht ist. 
Viele der chilenischen NROs, so z.B. jene, 
die sich im Bereich der alternativen oder 
der Basismedien engagieren, scheinen sich 
allerdings in einem etwas anderen Ko¬ 
ordinatensystem zu bewegen. 

Bemüht man sich um eine Abgrenzung 
des Phänomens NRO von dem der Basis¬ 
organisation, so kann man unter dem ersten 
eine Form der Institution sehen, die sich 
(hoffentlich!) zugunsten der Basis enga¬ 
giert und unter dem zweiten eine Gruppe, 
die sich für ihre eigenenen Interessen 
einsetzt. So eindeutig - des höheren Gra¬ 
des an Autonomie wegen - das Votum 
zugunsten der letzteren ausfallen müßte, 
gibt es dennoch einige Gründe, die unter 
den derzeitigen Bedingungen in Chile für 
eineFunktionsaufteilung zwischen NROs 
und Basisorganisationen sprechen. 

Dabei ist der Hauptgrund für eine der¬ 
artige anwaltschaftliche Funktion der 
NROs zu allererst im Norden zu suchen: 
Viele der großen NROs aus dem Norden 
sind aufgrund des höheren Verwaltungs¬ 


aufwands nicht bereit, mit kleineren 
Organisationen zu kooperieren. Die S üd- 
NROs dienen ihnen beim Zugang zur 
Basis als Vermittlungsagenturen. Hier gilt 
es dringend einen Schnitt zu machen. 

Aber auch wenn man bestimmten NROs 
tatsächlich ein unleugbares Interesse an 
der Erhaltung des gegenwärtigen Systems 
unterstellen kann, so spricht doch zumin¬ 
dest im chilenischen Fall einiges für ein 
befristetes Fortbestehen. In der chile¬ 
nischen Gesellschaft, in der dieemanzipa- 
torischen Kräfte zunehmends an Bedeu¬ 
tung zu verlieren drohen, ist heute mehr 
denn je eine Vernetzung der Initiativen 
von unten entscheidend. Dies stellt offen¬ 
sichtlich die alleinige Chance dar, sich der 
sich abzeichnenden Erstarrung der demo¬ 
kratischen Ansätze in einem System parla¬ 
mentarischer Demokratie nach westlichem 
Muster zu widersetzen. Dies istaber unter 
den derzeitigen Bedingungen in einem 
Land, in dem über die Hälfte der Bevöl¬ 
kerung unter der Armutsgrenze lebt, von 
den Mitgliedern der Basisorganisationen 
nicht leistbar. Weder besitzen sie heute 
die finanzielle Ausstattung noch das ent¬ 
sprechende Know-how, um diese Arbeit 
durchzuführen. 

Das Beispiel der Red de Prensa Popu¬ 
lär, das Netzwerk der chilenischen Basis¬ 
presse, das erst durch die Hilfestellung 
der NRO ECO - Educaciön y Comunica- 
ciones entstehen konnte, ist einer der vielen 
Belege für diese These. Oder aber die 
vielfach geleistete Hilfe bestimmter NROs 
im Bereich der Fortbildung der Mitglie¬ 
der der Basisorganisationen im Bereich 
der Selbstorganisation. 

Zudem geht gerade in Chile das Ver¬ 
ständnis einiger NROs, das sie auf die 
Funktion der Selbsthilfeförderorganisa¬ 
tion (also einer Organisation, die eine 
Basisorganisation in ihrem Autonomie¬ 
bestreben fördert), fesüegt, eindeutig 
hinaus. Ihr Dienst an der Basis ist von 
einem breiteren Verständnis getragen: 
Dafür stehen NROs wie ILET und CENE- 
C A. Sie greifen die kritische Analyse von 
gesellschaftlichen Themen (Partizipation 
und Demokratie, Medien und multinatio¬ 
naler Imperialismus...) auf, die ohne den 
entsprechenden Grad an Professionali- 
sierung im Rahmen einer Basisorganisa¬ 
tion nicht geleistet werden könnte und die 
dort weder von den Universitäten noch 
anderen Institutionen unternommen wird. 

Interner Paradigmenwechsel 

Gerade bezüglich einer Veränderung seit 
Anbeginn der Demokratisierung ist Vor¬ 
sicht geboten. Denn innerhalb der NRO- 
Landschaft hat sich grundlegendes getan. 
Mit den Worten Gonzalo de la Mazas läßt 
sich sagen: “Es entstehen neue Körper¬ 


schaften, die formal als NROs - ein Kür¬ 
zel, das alles zuläßt - bezeichnet werden, 
deren Wesen sich allerdings deutlich von 
den NROs der Vorhergehenden Jahre 
unterscheidet”. / 

Gemeint ist das ^Entstehen neuer Ty pen 
von NROs. Ein Teil von ihnen geht direkt 
den Pakt mit den Parteien ein oder ist von 
diesen gar gegründet worden. Während 
dies den NROs ein gewisses Auskommen 
sichert, bedeutet dabei die Verbindung 
mit den NROs für die Parteien einen 
weitaus leichteren Zugang zur Basis, die 
sich erst wieder an die Existenz von Par¬ 
teien gewöhnen muß. 

Auch bei einem anderen neuen Typus 
von NROs handelt es sich im Grunde um 
nichts anderes als Consultingfirmen, die 
über diesen Umweg versuchen, an die 
immer reichlicher fließenden staatlichen 
Gelder zu kommen. Im Gegensatz zu den 
parteigebundenen NROs ist ihre Ausrich¬ 
tung weitaus technokratischer, ihr Funk¬ 
tionieren unterliegt rein marktwirtschaft¬ 
lichen Gesetzen, 

Staat oder Leben! 

Die NROs als gesellschaftliches Subjekt 
befinden sich in einer durchaus schwie¬ 
rigen Situation. Die meisten von ihnen 
wurden während der Diktatur gegründet 
und haben ihr Profil im jahrelangen Kampf 
gegen die politische und soziale Ausgren¬ 
zung des Großteils der chilenischen Be¬ 
völkerung gewonnen. Im besten Sinne 
waren sie Nicht-Regierungsorganisatio¬ 
nen. Heute gerät diese Handlungsperspek¬ 
tive zunehmend ins Wanken. Der solange 
herbeigesehnte nachdiktatoriale Staat ist 
da und bietet sich immer häufiger als 
Kooperationspartner bei der Projektar¬ 
beit an. 

Und das, obwohl es seitens des Staates 
derzeit noch keine zusammenhängende 
Politik bezüglich der NROs gibt. Es sind 
zwei gegensätzliche Positionen bezüg¬ 
lich der NROs auszumachen: Eine Posi¬ 
tion, die die Arbeit der NROs und deren 
Rolle hinsichtlich der Zivilgesellschaft, 
ihre Professionalität etc. für die Entwick¬ 
lung der chilenischen Gesellschaft aner¬ 
kennt. Und eine andere, der erstgenann¬ 
ten entgegengesetzte die weiterhin die 
Arbeit der NROs als in Konkurrenz zum 
Staat stehend ansieht. 

Vor dem Hintergrund der ausbleiben¬ 
den internationalen Hilfe stellen die Offer¬ 
ten des Staates ein nachgerade verführe¬ 
risches Angebot dar. Dennoch sind sie für 
viele NROs ein Danaergeschenk. Denn 
die Projektgestaltung trägt häufig die 
Handschrift des zuständigen Ministeriums 
oder des FOSIS. Nicht nur daß die so 
verteilten Gelder immer häufiger zugun¬ 
sten der privaten Consultingfirmen, die 


46 







sich in traditionelle Sektoren der NROs 
wagen, ausgeschüttet werden, sondern die 
Auswahlkriterien für die Projekte haben 
meistens einen deutlich quantitativ¬ 
technokratischen Charakter. Diese Krite¬ 
rien widersprechen allerdings grundlegend 
dem klassischen Profil der NROs, die in 
ihrer jahrelangen Arbeit Formen sozial¬ 
politischer Unterstützung entwickelt 
haben, die den qualitativen Aspekt deut¬ 
lich hervorheben. 

Oie NROs können und, aufgrund ihrer 
häufig finanziell mehr als schwierigen 
Situation, müssen sich somit zwar auf das 

finanzielle Angeboteinlassen, laufen aber 
damit Gefahr, zu Beteiligten im staat¬ 
lichen Plan der Privatisierung des Sozial¬ 
sektors zu werden. Häufig gerät ihre Arbeit 
so ohne ihren Willen zum Akt neolibera¬ 
len Handelns. Oder wie es Gonzalo de la 
Maza ausdrückt: “Die NROs werden von 
staatlicher Seite als private Vollstrecker 
der Sozialpolitik angesehen. Jeglicher 
Versuch, die NROs als Projekte mit einer 
c igenen, autonomen Identität zu akzep¬ 
tieren, werden abgetan.” Soweit zur Iden- 
titäLskrise der chilenischen NROs. 


Erfüllungsgehilfen 
des Neoliberalismus? 

Die NROs sind Organisationen, deren 
Selbstverständnis sie dazu verpflichtet, 
auf die Herbeiführung von gesellschaft¬ 
lichen Zuständen hinzuwirken, die ihre 
eigene Existenz überflüssig machen. Der 
Staat soll dazu gezwungen werden, wie¬ 
der die ihm zugeschriebenen Verantwort- 
lichkeiten im sozialen Sektor zu über¬ 
nehmen. Obwohl die chilenischen NROs 
zu Zeiten der Diktatur massiv am Aufbau 
parallelerStrukturenzu denen des Staates 
beteiligt waren, zielte und zielt ihr Wirken 
nicht per se auf die Überwindung der 
Institution Staat. Durch die eindeutige 
Betonung der sozialen Komponente 
gegenüber der technokratisch-parlamen¬ 
tarischen ist ihre Vorstellung von der 
Demokratisierung des Landes derzeit zwar 
immer noch deutlich verschieden zu der 
in Chile herrschenden. Gleichzeitig befin¬ 
den sie sich aber auch nicht in radikaler 
Opposition zu dem neuen Herrschafts¬ 
modell. Die Regierung der Concertaciön 


des Präsidenten Patricio Aylwins wild 
seitens der NROs als Verhandlungspart¬ 
ner angesehen. Ihre Kritik stellt die Op¬ 
tion der Regierung für das neoliberale 
Modell als herrschendes Wirtschafts¬ 
system in Frage, unterstützt aber deren 
Vorstöße hinsichtlich der politischen 
Demokratisierung des Landes. 

Ihre eigene labile wirtschaftliche S itua- 
tion, die vor allem durch das Ausbleiben 
der internationalen Unterstützung ent¬ 
standen ist, macht manche von ihnen auf 
der Suche nach alternativen Formen der 
Finanzierung für Angebote seitens des 
Staates empfänglich. Die Gefahr, in die 
sie sich dabei begeben, ist, daß sie unter 
dem Druck der staatlichen Institutionen 
ihr eigenes Profil einer alternativen Form 
des sozial-politischen Engagements zu¬ 
gunsten der qualitativ-technokratischen 
Vorstellungen staatlicher Träger opfern 
müssen. Auf diesem Wege der Privatir 
sierung staatlicher Sozialpolitik bleibt den 
NROs nichts anderes übrig, als die Rolle 
eines Erfüllungsghilfens des neoliberalen 
Modells einzunehmen. Zu wünschen wäre 
es ihnen nicht. 


47 







Anmerkungen 

Die CEAAL ist ein kontinentaler, thematischer 
Zusammenschluß von NROs mit Sitz in 
Santiago. Sie stellt die bei weitem größte 
und repräsentativste Koordinationsstelle 
lateinamerikanischer NROs im B ereich der 
Volksbildung (comunicaciön populär) dar. 

ECO - Edueaciön y Comunicaciones ist eine 
der wichtigsten chilenischen NROs im 
Bereich der Kommunikation. Sie hat den 
Begriff der Basismedien entscheidend ge¬ 
prägt lind engagiert sich dort seit Ende der 
siebziger Jahre. 

zum Demokratiebegriff s. Schwarzer Faden 1/ 
93, Comunicaciön populär - dem herrschen¬ 
den Diskurs entgegen, S. 44. 

s. dazu Schwarzer Faden Nr 1/93 


Das Movimiento de Izquierda Democrätico 
Allendista (MIDA = Bewegung der demo¬ 
kratischen, allendistischen Linken) ist ein 
Zusammenschluß aus sieben linken Par¬ 
teien, deren wichtigste Vertreterin die PC 
ist. Die MIDA steht in Opposition zum 
regierenden Bündnis der Concertaciön Pat- 
ricio Aylwins. 

Gustavo Esteva, Bedrohlicher als die alten 
Fortschrittsexperten, epd-Entwicklungspoli- 
tik 14/15, 1988, Neuabdruck in ila 164, 
April 1993; Kritisiert wird dort das Ent¬ 
wicklungsmodell der lateinamerikanischen 
NROs. 

Alois Möller, Klientelismus und Schenkungs- 
markt, Ein Beitrag zur NRO-Debatte, epd- 
Entwicklungspolitik 20/21,1992. 


ila Nr 164, April 1993. 

Alois Möller op. cit. 

s. dazu Schwarzer Faden Nr 1/93 Dort wurde 
die Red de Prensa populär ausführlich vor¬ 
gestellt. / 

ILET ist die Abkürzung von Institute de Estu- 
dios Transnacionales (Institut Transnatio¬ 
naler Studien). Außer in Chile gibtes Depen¬ 
dancen in Mexico und Argentinien. ILET 
arbeitet seit Jahren zu Themen wie dem 
Einfluß der multinationalen Konzerne auf 
regionale Medien .Lateinamerikas. 

CENECA - mit Sitz in Santiago untersucht 
schwerpunktmäßig die Rolle medialer 
Rezeption. 









Angezogen von den vielen Erzäh¬ 
lungen über ein kleines Dorf in der 
andalusischen Sierra Sur, fuhr auch 
ich hin. Ich wollte diese Atmosphäre, 
die an Nicaragua erinnere, diese anda¬ 
lusischen Asterixe und Obelixe, als 
die sie mir mit glänzenden Augen 
beschrieben wurden, selber kennen- 
lcmen. Für nicht Eingeweihte (die 
anderen haben es jetzt bereits erraten): 
die Rede ist von Marinaleda, einem 
1800EinwohnerInnen zählenden Dorf 
im Süden Spaniens. 

Was es von anderen Dörfern seiner 
Größe unterscheidet? Es wird tat¬ 
sächlich demokratisch verwaltet. Wie 
das aussicht? Wie es dazu kam? Um 
dies aus berufenen Munde zu erfahren, 
reiste ich mit Hochgeschwindigkeit 
nach Sevilla, dieser Stadt, in der der 
EXPO sei Dank, selbst die Bus¬ 
häuschen und das C&A im post- 
modernen Stile erbaut sind. Von dort 
ging es dann mit andalusischer 
Gemächlichkeit im Überlandbus nach 
Marinaleda, auf halber Strecke zwi¬ 
schen der andalusischen Hauptstadt 
und dem Tourismusziel schlechthin, 
Granada, gelegen. 

Einmal angekommen, verläßt der 
durch die Reise und Hitze etwas ge- 
schwächteRevoIutionstouristden Bus 

und hat ein Gefühl, wie mensch es aus 
den Western von Sergio Leone kennt. 
Der Held allein auf der Hauptstraße 
eines fremden Dorfes, dem staubigen 
40 Grad heißen Wind ausgesetzt. 
Kurzer Blick in die Gegend und das 
Herz schlägt höher, der Blick fällt auf 
ein Straßenschild: Avenida de laLiber- 
tad, Freiheitsavenue, verkündet es 
stolz. Jetzt weiß der Städter r wo er ist. 
Hierin dieser Straße befindet sie sich, 
die Zentrale der S ubversion, das Büro 
der Landarbeitergewerkschaft, “Sin- 
dicato de Obreros del Campo” (SOC), 
Organisation der Tagelöhner gegen 
die mittelalterlichen Besitzverhält¬ 
nisse in diesem Teil des spanischen 
Staates. 

Wo steckt Juanma? 

Also nichts wie hin. Im Erdgeschoß 
der Gewerkschaftszentrale befindet 
sich, wie kann es anders sein, nein - 
kein Buchladen, sondern eine Bar. Ist 
mir im Moment auch lieber. Erst mal 
ein Tubo (so heißt hier das große Bier, 
oder das, was mcnsch indieser Gegend 
dafür hält). Ich falle gleich auf, “un 
guiri”, wie hier die Touristen ab¬ 
schätzig genannt werden, betritt nicht 
alle Tage das Dorf. Ich erzähle dem 
Menschen an der Bar, etwa 50, graue 
Haare, wer ich bin, und wozu ich 



Interview mit Juan Manuel Sänchez Gordillo 
Vorsitzender der andalusischen Landarbeitergewerkschaft 

SOC 

von Reiner Wandler 

gekommen sei. Ehe ich recht ausge- mein Begleiter, aber der Bürger¬ 
trunken habe, sitze ich in einem Auto meister, Juan Manuel Sanchez 

und werde durch das Dorf gefahren. Gordillo, kurz Juanma, sei morgen 

Den Bürgermeister finden wir zwar früh im Rathaus. Es scheint so, als 

nicht,“istimmernochinSevillawegen wissen hier immer alle wo unser 

einer Hausbesetzung”, heißt es, dafür Bürgermeister gerade steckt. Die 

werden mir im Schnelldurchlauf alle Frage nach einer Übernachtungs¬ 
wichtigen Einrichtungen des Dorfes, möglichkeit wird abschlägig beant- 

wie Freiluftdisco und das Gemeinde- wortet: Nein, Pensionen oder andere 

Zentrum, in dem sich die politischen Übemachtungsmögl ichkeiten gäbe es 

Initiativen versammeln, gezeigt und im Dorf nicht. So mache ich mich per 

ein Besuchstermin mit dem lokalen Anhalter in den Nachbarort Estepa, 

Radio vereinbart. Mehr könne man einem mittelalterlichen, durch seine 

im Augenblick nicht für mich tun, so Weihnachtsbäckereien berühmten, 

49 Städtchen auf. 





i 


Der Bürgermeister 

/ 

Am nächsten Morgen treffe ich den 
vielbeschäftigten, 38-jährigen Bürger¬ 
meister und Vorsitzenden des Exeku¬ 
tivkomitees der SOC im Rathaus an. 
Besonders begeistert ist er von der 
Idee ein Interview zu geben nicht; 
gesteht mir dann jedoch eine halbe 
Stunde zu. Zu seiner Person möchte 
der studierte Geschichts- und Lite¬ 
raturlehrer nicht viel sagen, die Sache 
sei es, worum es ihm gehe. Dann läßt 
er doch noch so etwas wie einen 
Lebenslauf heraus, dieser natürlich 
streng politisch gehalten: gebürtig in 
Marinaleda, Sohn einer Landarbeiter¬ 
familie, abgeschlossenes Studium als 
Grundschullehrer für Sprache, Litera¬ 
tur und Geschichte, obwohl er den 
Beruf nie ausgeübt hat. 1974 tritt er 
der kurz zuvor im antifrankistischen 
Untergrund entstandenen SOC bei, 
derer mittlerweile vorsteht. Seit 1979 
ist er ununterbrochen Bürgermeister 
in Marinaleda. "Ich war tatsächlich 
an sämtlichen Aktionen unserer Ge¬ 
werkschaft beteiligt, d.h. zwischen 30 
und 40 Hungerstreiks, bis hin zu einer 
UnmengevonGutsbesetzungen." Fügt 
der bärtige, etwas verschlossen wir- 
kendeMannbescheidenhinzu. “Mehr 
gibt es nicht. Außer vielleicht, daß ich 
versuche, das, was ich vertrete, und 
das, was ich mache, in Einklang zu 
bringen. Ohne diese Übereinstim¬ 
mung zwischen Theorie und Praxis 
werden wir keine gerechteren Organi¬ 
sationsstrukturen aufbauen und erst 
recht keine andere Gesellschaft ." Er 
redet gerne von “wir”, wenn er von 
Politik spricht. 


Sein 


emei 

brru 


polit 


Irenen i 


\mtszimmer weist außer 
eleron keine technischen 
nschaften des modernen 
mf. In den Bücherregalen 
ich neben verschiedensten 
*eükem Bücher über 


/ 


die ihm an diesem Tag die komplette 
Rückseite gewidmet hat. Juanma zeigt 
mir den Artikel grinsend, ein voller 
Verriß, von “Schmalspurayatollah” 
und von einem “als Kropotkin wieder 
auferstandenen Dorf-Khomeini” ist 
da zu lesen. Die bürgerliche Presse 
liebt ihn nicht, so scheint es. Wir be¬ 
ginnen unser Gespräch, das von stän¬ 
digen Anrufen unterbrochen wird, mit 
der Kommunalpolitik. 

“Marinaleda war schon immer ein 
sehr kämpferisches Dorf. In der 
Republik und auch im Bürgerkrieg. 
Danach war, bedingt durch die Re¬ 
pression, erstmal Ruhe. In den letzten 
Jahren des Frankismus beginnt sich 
das Dorf erneut zu organisieren. Seit¬ 
her haben wir einen Organisations¬ 
grad erreicht, wie es ihn in der Ge¬ 
schichte des Dorfes vorher nicht gege¬ 
ben hat." Mit diesen Worten stellt er 
mir das Dorf kurz vor. Die Verwal¬ 
tungsstrukturen: 

“Wir haben 9 von 11 Gemeinde¬ 
räten” Die restlichen zwei gehen an 
die Regierungspartei von Felipe 
Gonzalez, die “Spanische Soziali¬ 
stische Arbeiterpartei”, die PSOE. 
“Diese zwei halten sich aus allem 
heraus, mehr noch, sie boykottieren, 
wo sie nur können. Die PSOE ist die 
Rechte hier im Dorf\ stellt Juanma 
fest. “Naja, das gilt für die PSOE im 
ganzen Land ", fügt er nach kurzer 
Pause hinzu. 

“Wir haben eine Art direkte Demo¬ 
kratie auf gebaut, eine Art Gegenmacht 
des Dorfes gegenüber den etablierten 
Mächten, gegen die Macht, die die 
Bourgeoisie auf ökonomischem £ 


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I Gemeindeverwaltung 


der Subversion, ein Instrument gegen 
die Anpassung, gegen die Duldung 
der herrschenden Verhältnisse. Die 
Gemeindeverwaltung steht an der 
Spitze der Kämpfe der Dorfbe¬ 
völkerung. Wir glauben, daß die Linke 
dort, wo sie an die Macht kommt, 
diese im Sinne" der Befreiung des 
Menschen ausübenmuß und sich nicht 
mit der bestehenden Realität abfinden 
darf. Ein großer Fehler der Linken ist 
es, daß sie, wenn sie an die Macht 
kommt, oder irgendeine Form von 
Verantwortung übernimmt, die Form 
der Machtausübung der Rechten 
kopiert. Auf diese Art bremst sie die 
Forderungen des Volkes und trägt 
somit zur Herrschaftssicherung bei. 
Das versuchen wir hier in Marinaleda 
anders zu machen . Wir streben eine 
Macht an, bei der das Volk Verwal tung 
und Wirtschaft, d.h . den Reichtum, in 
der Hand hat. Wir treten für eine 
Dezentralisierung der Macht ein, die 
es den Menschen ermöglicht, über ihr 
eigenes Leben zu entscheiden", refe¬ 
riert der Bürgermeister im agita¬ 
torischen Ton. 

Wie das denn konkret aussehe, 
wollte ich wissen. 

Pro Jahr findet mindestens eine 
Vollversammlung aller Einwohner¬ 
innen statt, erfahre ich. Diese Haupt¬ 
versammlung trifft alle wichtigen 
Entscheidungen bis hin zum Gemein¬ 
dehaushalt und der Höhe der Abgaben. 
“Die Leute haben so gelernt, daß ihre 
Ideen und Entscheidungen Gewicht 
haben. Die Versammlung beschließt 
alle Angelegenheiten von Gemeinde 
und Gewerkschaft. Eine Trennung gibt 
es nicht Die Vollversammlung ist das 


Die Geschäfte unterm Jahr führt di' 
Aktionsgruppe, “Grupo de acciön’ 
Sie setzt sich aus 30-35 Personen 
Mitgliedern der verschiedenen in 
Dorf existierenden Arbeitsgruppen 
iii zusammen. So gibt es unter andere: 


ganz oben die andalusische 1 
Ausgabe der Tageszeitung “d iario 16”, 













Gruppen für folgende Bereiche: Feste, 
Sport, Gewerkschaftliches, Ökologie, 
Pazifismus. Diese Gruppen tragen die 
alltägliche Arbeit im Dorf. Sie sind 
offen für jedermann/frau. Ihre Auf¬ 
gabe ist die Umsetzung der Beschl üsse 
der Vollversammlung. Des weiteren 
existiert der “Senado Populär”. Ganz 
nach nicaraguen-sischem Vorbild 
treffen sich hier Vertreter aller Straßen 
des Dorfes. “Dies ist der Ort für 
Debatten und Diskussionen über die 
eigene Realität ohne den Druck alles 
sofort umsetzen zu müssen. Hier wird 
der politische Rahmen gesteckt ”, 
erläutert mein Gegenüber. 

“Und die Gemeinderräte?”, will ich 
wissen. 

“Sie arbeiten in den verschiedenen 
Gruppen mit , in jeder Gruppe einer . 
Der Gemeinderat hat allerdings keine 
Sonderstellung in diesen Gruppen, 
sondern ist 'einer mehr ”, erfahre ich. 

Dies sei ja wohl nicht im Einklang 
mit der spanischen Verfassung, frage 
ich. 

“Wir haben natürlich Probleme mit 
den Vorgesetzten Stellen, der anda - 
lusischen Landesregierung usw.. So 
wurden des öfteren Beschlüsse der 
Vollversammlung von höherer Stelle 
aus angefochten. 

Grund: man kann keine Versamm¬ 
lungen auf der Straße abhalten, 
sondern nur im Rathaus. Nun passen 
aber nicht alle Einwohner des Dorfes 
ins Rathaus. Wir haben mittlerweile 
Wege gefunden, weiterzumachen wie 
bisher , aber die Legalität zu wahren. 
So versammeln wir uns jetzt in 
unmittelbare Nähe des Rathauses. 
Aber wir haben auch schonVerSamm¬ 
lungen auf besetzten Gütern abge¬ 
halten. Klar, wir haben Probleme mit 
dem Gesetz. Ich glaube allerdings , 
daß wer sich der Legalität unterwirft, 
nichts verändern wird. Das Gesetz ist 
der Ausdruck davon, daß es eine 
herrschende Gruppe gibt, die mitHilfe 
der Gesetze ihre Ordnung durchsetzt ”, 
lautet die Antwort. 

Die SOC und der Anarchismus 

Auf meine Bemerkung, daß dies doch 
alles sehr nach anarchistischer Politik 
kl ingcn würde, antwortet Juanma nach 
kurzer Bedenkzeit: “Unsere Gewerk- 
schaft greift teilweise bei direkten 
Aktionen undbeiden internen Struktu- 
r cn anarchistische Traditionen auf. 
Bei uns gibt es keine Unterschiede 
zwischen den Gewerkschaftsführern, 
und den von ihnen 'Gefährten . Die 
Vollversammlung hat bei uns die 


höchste Entscheidungsgewalt . Das 
Hauptmotto, unter dem wir die ganzen 
Jahre gekämpft haben, ist die For¬ 
derung nach Arbeit undLand.Deshalb 
waren wir auch die erste Gewerk¬ 
schaft, die hier in Andalusien anfing, 
Land, das heißt große Güter zu be¬ 
setzen . Wir haben immer zu gewalt¬ 
freien direkten Aktionen gegriffen, von 
HungerStreiks über Generalstreiks bis 
hin zu Aktionen gegen die Mecha¬ 
nisierung der Landwirtschaft, die uns 
letztendlich die Arbeit nimmt . Wir 
begreifen uns alseine sozio-politische 
Gewerkschaft, wir streben nicht nur 
eine Landreform sondern gleichzeitig 
einen radikalen Gesellschaftswandel 
an. Wir glauben, daß ohne Wandel 
der Gesellschaft, und damit des 
Verständnisses dessen was Ent¬ 
wicklung ist, keine wirkliche soziale 
Gerechtigkeit zu erreichen ist. Man 
kann unsere Gewerkschaft allerdings 
nicht als anarchistische Gewerkschaft 
bezeichnen. Wir haben, wie bereits 
erwähnt, anarchistische Organisa¬ 
tionsstrukturen, die weniger bürokra¬ 
tisch und weniger hierarchisch als 
die anderer Organisationen sind. 
Dieser Organisationsaußau paßt 
auch ganz gut zur andalusischen 
Mentalität. Unsere Mitglieder kom¬ 
men aus allen möglichen politischen 
Ansätzen: Marxisten, Humanisten, 
Christen für den Sozialismus und auch 
Anarchisten.” 

“Arbeit und Brot” lautet also das 
Hauptanliegen der SOC. Der Weg 
dahin führt für sie über eine Land¬ 
reform.” Die Landreform ist nach 
wie vor notwendig hier in Andalusien. 
Dies gilt nicht nur für Grund und 
Boden, sondern auchfürdie Vermark¬ 
tungsstrukturen”, erklärt Sänchez 
Gordillo. 

Diese Landreform ist eine der älte¬ 
sten sozialen Forderungen im spa¬ 
nischen Staat. Hier im Süden verfügen 
2% der Bevölkerung über 50% des 
Bodens, eine Konzentration, die höher 
ist als vor dem Bürgerkrieg. Die 
einzelnen Ländereien nehmen unvor¬ 
stellbare Ausmaße an. So besitzt z.B. 
die Gräfin von Alba über 34 000 
Hektar Ackerland. 

Die Landwirtschaft ist der einzig 

produktive Wirtschaftssektor in Anda¬ 
lusien. Ausreichend Einkommen 
bietet sie allerdings nur wenigen. So 
kommen die meisten in Marinaleda 
nur unter allergrößter Anstrengung 
auf 60 Arbeitstage ihm Jahr, die Hälfte 
davon in der Olivenemte. Nur wer 
diese 60 Tage nachweisen kann, hat 
Anspruch auf die Arbeitslosen- 

51 



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Unterstützung für Tagelöhner, lächer¬ 
liche 25 000 Peseten im Monat, 
umgerechnet ca. 320 DM. Von dieser 
kärglichen Arbeitslosenunterstützung 
leben in Andalusien etwa 400 000 
Menschen. Diese miserable Situation 
ist wohl der Hauptgrund für die 
Radikalität der SOC. “Die Lösung 
heißt Arbeit, und diese Arbeit muß 
durch das Land und die weiterverar¬ 
beitende Industrie entstehen. Wir 
brauchen Arbeit und keine Almosen, 
weil Almosen denjenigen, der sie 
bezieht, erniedrigen“, so Juanma. 

Landbesetzungen 

Eine der wichtigsten Aktionsformen 
ist die Besetzung brachliegender 
Güter. Die erste Besetzung nach dem 
Ende der zweiten Republik datiert 
vom Jahre 1978. 

"Einen Tag und eine Nacht 
dauerte es bis zur Räumung durch die 
Guardia Civil”, erklärt Juanma. Ihm 
brachte diese Aktion eine Geldstrafe 
und zwei Monate Gefängnis auf 
Bewährung ein. Mittlerweile haben 
die Leute aus Marinaleda über hundert 
solcher Besetzungen durchgeführt. 
Und sie haben einen Erfolg vorzu¬ 
weisen. 1800 Hektar Land fielen nach 
mehreren Besetzungen entgültig ans 
Dorf. Mittels verschiedener Genos¬ 
senschaften soll dieser Boden einem 
Sechstel des Dorfes Arbeit und Brot 
geben. Neben ökologischem Landbau 
sollen hier neue Lebensformen aus- 
probiert werden. Ein Modell für ganz 
Andalusien werdees sein,erfahre ich. 

Für Juanma war der Prozeß wegen 
der Besetzung nicht der letzte. Längst 
hat er aufgehört zu zählen. “So 
zwischen dreißig und vierzig werden 
es sein” So laufen zurZeit Verfahren 
gegen ihn wegen einem erfolgreichen 
Generalstreik bei der Olivenernte 
Anfang 1991. Nötigung sei dies 
gewesen und Sachbeschädigung, so 
die Anklage. Wenn er verurteilt wird, 
drohen ihm 14.000 DM Geldstrafe 
und 9 Monate Gefängnis. 

“Gewerkschaftliche Konflikte, d.h. 
Arbeitskämpfe, in einem Rechtsstaat 
vor Gericht auszutragen, ist für mich 
eine echte Schweinerei. Und ich nenne 
dies eine Art von weichem Totali¬ 
tarismus seitens der Arbeitgeber. Sie 
wollen sich auf dem Gerichtswege an 
uns rächen, rächen für einen Kampf 
den wir letzendlich gewonnen haben, 
da wir einen Tarifvertrag durch¬ 
setzten, der erheblich über dem An ge¬ 
bot der Großgrundbesitzer lag. Und 
die Anschuldigungen gegen uns sind 


an den Haaren herbeigezogen. Wenn 
hier in Andalusien überhaupt jemand 
vor Gericht gehört, so sind dies die 
Arbeitgeber, die Großgrundbesitzer, 
für ihre Rolle in der Geschichte und 
weil sie bis heute nicht die sozialen 
Aufgaben erfüllen, die ihnen zu- 
ständen”, schätzt Juan ma die Prozesse 
ein. 

Maschinenstürmerei? 

In den letzten Jahren nehmen die Aus¬ 
einandersetzungen bei der Oli venemte 
zu. Die Großgrundbesitzer setzen 
Erntemaschinen ein, die Tagelöhner 
verlieren die letzte wichtige Ein¬ 
nahmequelle. Ob dies nicht Technik¬ 
feindlichkeit und Maschinenstürme¬ 
rei sei, frage ich. 

Zur Antwort bekomme ich folgende 
allgemeine Reflexion zum Thema 
Fortschritt: “Der Fortschritt muß 
menschliche Züge haben. Wenn dies 
nicht so ist, kann man nicht von 


Fortschritt reden, sondern von Rück¬ 
schritt. Dieser sogenannte Fortschritt 
hat uns 850 Millionen Menschen 
beschert, die an Hunger sterben - 25 
Millionen von Kindern jedes Jahr. 
100 Millionen Kinder, die durch 
Unterernährung erblinden, während 
es auf der anderen Seite genug 
Reichtum auf der Erde gibt, um das 
vierfache der aktuellen Wettbevöl¬ 
kerung zu ernähren. Dieses Entwick¬ 
lungsmodell ist unmenschlich . Wir 
brauchen ein anderes Entwicklungs¬ 
modell, eine andere Gesellschaft und 
eine andere Staatsform. Dafür 
kämpfen wir, für diese Utopie, die 
unbedingt notwendig ist, und auf die 
wir nicht verzichten können.” 

In diesem Zusammenhang kommt 
er auf die EG und auf die Konsequen¬ 
zen, die seiner Ansicht nach Maa¬ 
stricht für die Situation in Andalusien 
haben wird zu sprechen. 


52 








"Wir gehen davon aus, daß die 
EG-Agrarpolitik und die aufgrunddes 
Drucks der USA zustande gekom¬ 
menen GATT-Vereinbarungen die 
spanische Landwirtschaft in eine tiefe 
Krise stürzen. Dies wird besonders 
stark die andalusischeLandwirtschaft 
betreffen. Wir werden die Rechnung 
für die EG zahlen. Der Staat verteidigt 
in keiner Weise die Interessen der 
andalusischen Landwirtscheft. Schon 
heute liegen 15% des Bodens brach, 
und das in einem Gebiet, das mit über 
die besten Böden des gesamten 
Kontinentes verfügt. Die sogenannte 
Umstrukturierung der Landwirtschaft 
ist eine systematische Zerstörung 
derselben. Wenn Andalusien die 
Landwirtschaft verliert, verliert es den 
einzigen produktiven Wirtschafts¬ 
bereich, wir haben ja keine Industrie 
hier. Hier muß man von einem 
Anschlag auf die Rechte dieses Volkes 
sprechen, ein Anschlag auf Anda¬ 
lusien. Ich glaube, daß alle auf dem 
Land tätigen Organisationen hier in 
Andalusien sich gegen die EG und 
ihre Landwirtschaftspolitik zusam¬ 
menschließen müssen” 

Er weiß, daß dies harte Kämpfe mit 
Madrid bedeuten wird. Doch er hat 
eine Idee, wie man die Mobilisierung 
auf dem Land verstärken könne: 

tl Andalusien muß die Abhängigkeit 
von Madrid abschütteln, oder ganz 
allgemein die Abhängigkeit von der 
E olitik aus demNorden. Wir brauchen 
einen Nationalismus von links, ein 
Nationalismus, der sich nicht ab¬ 
grenzt, der keine Grenzen kennt. Dies 
brauchen wir, um aus der Abhängig¬ 
keit herauszukommen, um die Rolle, 
die Andalusien hat zu durchbrechen. 
Wir können nicht länger Warenhaus 
für landwirtschaf tliehe Produkte und 
für billige Arbeitskräfte sein, die 
überall hin emigrieren. Dies muß von 
Andalusienaus geschehen, wir müssen 

dieandalusischenlnteressenvertreten 

und dies gegen Madrid. Wir brauchen 
ein andalusisches Bewußtsein” 

Sehr zweischneidig erscheine mir 
die Sache mit dem Nationalismus, ge¬ 
he ich zu bedenken. 

n Klar, Nationalismus ist ein sehr 
gefährliches Wort. Wir wollen den 
Nationalismus als Mittel zum Zweck 
benutzen, und nicht als Selbstzweck. 
°as Ziel muß die weltweite Befreiung 
und die Gleichheit, das Ende der 
Ungerechtigkeit sein, wenn möglich. 
Nationalismus ist ein Begriff, den man 
n ur schwer benutzen kann, weil er 
sooft von Leuten verwendet wird , die 
dos genaue Gegenteil wollen ” 


SOC und “Vereinigte Linke” 

Bei den letzten Wahlen zum spani¬ 
schen Parlamentam 6. Juni diesen Jah¬ 
res verblüffte Juanma viele Linke. Er, 
der als undogmatischer Linker Be¬ 
kannte, kandidierte auf der Liste der 
“Vereinigten Linken”» “Izquierda 
Unida” (IU). Diese Wahlkoalition 
steht unter starkem Einfluß der Kom¬ 
munistischen Partei Spaniens, PCE. 
Seine Kandidatur war das Ergebnis 
eines Bündnisses zwischen IU und 
einer andalusischen Gruppe, die unter 
dem Namen Candidatura unificada 
de los Trabajadores/CUT (Vereinigte 
Arbeiterkandidatur) eigens zu den 
Wahlen entstanden war. a Die CUT 
sindwir,Leute der SOC, aber es neh¬ 
men auch Leute aus der Stadt, wie die 
anarchistische Gewerkschaft CGT, 
Christen für den Sozialismus, dietrotz- 
kistische LCR , die Ex-Maoisten von 
MC und Unabhängige Linke, sowie 
Totalverweigerer daran teil; Leute, 
die seit dem Anti-Nato-Referendum 
nicht mehr gewählt haben und jetzt 
wieder wählen ,weil wir kandidieren. 

Mit IU scheint es bisher keine 
Schwierigkeiten gegeben zu haben: 
“IU ist die einzige Möglichkeit, die 
wir haben uman Wahlen teilzunehmen 
und so mit anderen Leuten in Kontakt 
zu treten, Leute die sich als Links füh¬ 
len, die zum Volk gehören, Leute die 
immer noch revolutionäre Ansichten 
vertreten. Leute an der Basis. Inner¬ 
halb des Apparates von IU gibt es 
natürlich eine Reihe sehr gemäßigter 
Leute, - Leute, mit denen wir an be¬ 
stimmten Punkten einer Meinung sind 
in anderen Fällen nicht. Aber inner¬ 
halb der Wahlkoalition besteht ge¬ 
nügend Freiraum für die einzelnen 
Strömungen, um von einem Bündnis 
zusprechen, und um innerhalb dieses 
Bündnisses unsere Politik zu ent¬ 
wickeln. Deshalb sind wir innerhqlb 
vonlU. Wir müssendie Möglichkeiten 

ausschöpfen, die uns der Parlamen¬ 
tarismus bietet, um mehr Öffent¬ 
lichkeit zu erreichen, um so stärker zu 
werden, um denen eine Stimme zu ge¬ 
ben, die keine haben. Ich will ein 
Abgeordneter der Straße sein. I ch will 
nicht die herrschende Ordnung 
stützen, das ist klar. Das Parlament 
als Lautsprecher, als Tribüne 



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6000 Stimmen fehlten ihm. Viele 
Leute, nicht nur die Rechte, sondern 
auch innerhalb von IU dürften auf¬ 
geatmet haben, als Juan Manuel 
Sänchez Gordillo nicht ins madri- 
lenische Parlament einzog. Bei den 
nächsten Wahlen zum andalusischen 
Landesparlament in Sevilla kandidiert 
er wieder. Diesmal wird ihm niemand 
seinen Parlamentssitz streitig machen 
können. Dies scheint sicher. 

Als ich mich verabschiede, sind es 
doch fast zwei Stunden geworden. 
Mit RAP im vom Rathaus unter¬ 
stützten Lokalradio besteige ich den 
Bus Richtung Granada, zurück in die 
Stadt, in dieses Jahrhundert? - In die 
erste Welt? Ich weiß nicht so recht 
wie ich das Erlebte in Worte fassen 
soll. 


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ropotkin IlSM 
d derE213i^ 

jostsowjetische 
Anarchismus 



von Markus Mathyl 


Die Konferenz 

Im letzen Jahr wäre Peter Kropotkin, 
einer der wohl einflußreichsten anar¬ 
chistischen Theoretiker und Aktivi¬ 
sten des 19. und frühen 20. Jahrhun¬ 
derts, 150 Jahre alt geworden. 

Aus diesem Anlaß fand in Moskau, 
Dimitroff und St. Petersburg, vom 9. 
bis 12. Dezember 1992eine Konferenz 
statt. An ihr nahmen Anarchistinnen 
und Wissenschaftlerlnnenaus ^Län¬ 
dern, darunter aus Japan, Israel, J ugos- 
lawien, Bulgarien und den USA, teil. 

Alleine das Stattfinden der Kon¬ 
ferenz war ein Politikum. Dies betonte 
auch der US-amerikanische Kropot- 
kin-Biograph Martin Miller am An¬ 
fang seines Referates. Miller sagte, 
daß bei seinem ersten Aufenthalt in 
der damaligen Noch-Sowjetunion, vor 
über 10Jahren,einesolcheKonferenz 
undenkbar gewesen wäre. 

Obwohl es in der Sowjetunion Kro- 
potkinstraßen und Metrostationen gab, 
ja sogar eineideine Stadt trägt seinen 
Namen, wurde Kropotkin eher instru¬ 
menteil in die Propaganda der Sowjet¬ 
politikeingebaut. Er diente als Beispiel 
eines Adligen, der trotz seiner reaktio¬ 
nären Klassenzugehörigkeit die Ent¬ 
wicklung zum Revolutionär erfolg¬ 
reich absolvierte. Seine Bedeutung 
als anarchistischer Theoretiker wurde 
weitestgehend verschwiegen, da sie 
der bolschewistischen Doktrin grund¬ 
sätzlich widersprach. Dement¬ 
sprechend wurden seine anarchi¬ 
stischen Werke bis zur Perestroika 
nicht wieder aufgelegt und waren nur 
ausgesuchten Spezialisten zugänglich. 

Daß jetzt neben Dzerschinski- und 
Kalininstraßen(l) auch Kropotkin- 
straßen umbenannt werden sollen, er¬ 
scheint, unabhängig vom eigenen 
Standpunkt, angesichts der 
beschriebenen Vereinnahmungs- 
politik Kropotkins durch die Sowjet¬ 
macht, erklärbarer. Andererseits ent¬ 
behrt dies natürlich nicht einer ge¬ 
wissen Tragikkomik: Gehörte doch 
die anarchistische Bewegung nach der 
endgültigen Konsolidierung des 
Sowjetstaates zu einer der am meisten 



Alle Photos: Markus Mathyl, Ausnahme: 


verfolgten Gruppierungen,' die bis 
Ende der 30er Jahre vollständig 
ausgelöscht wurde. 

60 Jahre später findet also die Kro- 
potkin-Konferenz statt. In einer Situ¬ 
ation, in der “der Zusammenbruch 
des Sowjetregimes die Menschen in 
Rußland und anderen einst domi¬ 
nierten Ländern inmitten der Krise 
zurückließ "(2) 

Veranstalterin war, und das kann 
wohl als 2.Politikum gelten, die 
Ökonomische Fakultät der Akademie 
der Wissenschaften, höchste wissen¬ 
schaftliche Institution der ehemaligen 
Sowjetunion. Chairman der Konfe¬ 
renz war Leonid Abalkin, Direktor 
des Ökonomischen Instituts und 
seinerzeit marktwirtschaftlicher 
Berater Gorbatschows. 

In Albakins z.T. nationalistisch 
gefärbter Eröffnungsrede,"Worte über 
Kropotkin" hieß es zunächst ein¬ 
leitend: 

“Kropotkin nimmt einen heraus¬ 
ragenden Platz unter den größten 
Wissenschaftlerlnnen, Revolutio¬ 
närinnen und Persönlichkeiten des 
öffentlichen Lebens nicht nur in Ru߬ 
land, sondern der ganzen Welt ein. 

Die beruflichen Aktivitäten dieses 
vielseitigen enzyklopädistischen 
Denkers zu bestimmen, ist nicht 
einfach. Aber Eines steht außer 
Zweifel - er war ein großer Humanist, 
der all sein Leben den Völkern 
R ußlands und der Befreiung der Arbeit 
gewidmet hat. Es ist dieses Gefühl des 
zivilen Bewußtseins, das der russi¬ 
schen Intelligenz innewohnt , d.h. die 
Fähigkeit sich selbst zu opfern, das 
ihm half sein größtes Drama zu 
durchleben - eine brilliante Karriere 
als Wissenschaftler aufzugeben im 
54 



Kropotkin-Haus (Photo um 1960) 


Austausch für ein Leben voller 
Schwierigkeiten als revolutionärer 
Kämpfer für das Glück der Menschen 
- und das ihn weiter durch den Rest 
seines Lebens führte. 

Deswegen ist wirkliche Achtung 
gegenüber Kropotkin so weit ver¬ 
breitet, egal ob die Menschen seine 
philosophischen Ansichten und 
revolutionären Überzeugungen teilen 
oder nicht” 

Zur Bedeutung kropotkinscher 
Ansätze sagte Abalkin am Schluß sei¬ 
ner Rede: 

“Ich denke, daß die heuristische(3) 
und soziale Bedeutung des Prinzips 
der gegenseitigen Hilfe, das von 
Kropotkin auf gestellt wurde, bis heute 
nicht die Beachtung erhält, die es 
verdient .... Vielleicht sollten wir heute 
in einer Zeit tiefer Veränderungen in 
der Entwicklung unserer Zivilisation, 
in einer Zeit des qualvollen Nach¬ 
denkens über das Schicksal Rußlands 
zu diesen Gedanken zurückkehren. 
Zurückkehren zu ihnen als geniale 
Annahmen und sie an Hand neuesten 
historischen Materials und mit Hilfe 
des strengen Maßes wissenschaft¬ 
licher Verfahren nachprüfen. Wir 
sollten begreifen, daß alle Menschen 
unabhängig von ihrer sozialen Situa¬ 
tion, nationalen und religiösen 
Unterschieden zu einer Art gehören 
und nach den Prinzipien des gemein¬ 
schaftlichen Einverständnisses und 
der gegenseitigen Hilfe handeln 
sollten. ...Und am Schluß über 
diejenigen Theorien Kropotkins, 
welche in einem direkten Sinn aktuell 
und modern sind. Zuallererst handelt 
es sich hierbei um die brilliant 
entwickelten und begründeten 
Prinzipien des Föderalismus, der 




Organisation der munizipalen 
Selbstverwaltung und Kooperation. 
In ihnen kann mensch eine der 
Ilauptrichtungen der modernen 
Entwicklung - die Sozialisierung des 
öffentlichen Lebens in aller Ver¬ 
schiedenheit seiner Formen - deutlich 
erkennen. 

Die weitere Entwicklung dieses 
Problemkreises, der so aktuell für die 
modernen Gesellschaftswissen¬ 
schaften ist, sollte auf den reichen 
Leistungen der internationalen und 
russischen Wissenschaften basieren. 
Das Benutzen des theoretischen Erbes 
Kropotkins kann eine große Rolle in 
dieser Hinsicht spielen. 

Die folgenden wundervollen Worte 
stammen von ihm: In der Geschichte 
eines jeden Volkes kommt unver¬ 
meidbar die Zeit , wenn tiefgreifende 
wesentliche Veränderungen in seiner 
ganzen Lebenswelt unausweichlich 
werden. Dann wendet sich das Volk , 
um Kräfte zu sammeln und um 
Unterstützung für seinen Geist und 
seine Moral zu suchen, an sein 
historisches Gedächtnis und ruft nach 
seinen großen Vorfahren. Und sie 
kommen und verstärken die Reihen 
der Kämpferinnen für eine Erneue¬ 
rung der Gesellschaft.” 

In Abalkins Rede waren bei weitem 
weniger Distanzierungen gegenüber 
Kropotkins anarchistischer Gesell¬ 
schaftsphilosophie zu entdecken als 
mensch vielleicht erwartet hatte. 
Andererseits liegt ein Interesse 
marktwirtschaftlicher Modemisierer 
am Abbau des bürokratischen Systems 
klar auf der Hand. Daß sie sich dabei 
einzelnen Elementen anarchistischer 
Gesellschaftsorganisation bedienen 
und diese dabei in einen ganz anderen 
Kontext stellen, ist auch für uns hier 
im Westen nichts Unbekanntes. 
Spezifisch für die Situation der Ex- 
Sowjctunion kommt hinzu, daß nur 
durch weitere Machtzugeständnisse 
an die Eliten der einzelnen Teilrepu¬ 
bliken, d.h. durch eine Stärkung der 
föderativen Elemente, die GUS eine 
Chance hat, als solche weiterzu- 
existicren. 

Bereits vor Abalkins Eröffnungs¬ 
rede fand am Vormittag dieses 1 .Kon- 
fcrenztages ein Treffen der Teilneh¬ 
merinnen auf dem Moskauer Novo- 
devichi Friedhof statt, wo Kropotkin 
begraben ist. 

Eine illustere Gesellschaft von ca. 
60 Personen zog unter schwarzen und 
schwarz-roten Fahnen zum Grab von 
Bjctr Alckscjcwitsch. Neben Anar¬ 
chistinnen waren auch eher aristo¬ 
kratisch wirkende Mitglieder der 


russischen Intelligenzia unter den 
Anwesenden. Am Grabergriffen meh¬ 
rere Rednerlnnen, darunter auch ein 
Angehöriger der Kropotkinfamilie, 
das Wort. 

Vom Friedhof aus ging es dann 
zum kropotkinschen Familienhaus. 
Dieses fungierte noch bis zu seiner 
Schließung im Jahre 1938 ais einziges 
nichtstaatliches Museum. Ent¬ 
sprechend Kropotkins letzten Willens 
sollte dieses Haus der anarchistischen 
Bewegung zur Verfügung stehen und 
auf keinen Fall dem Staat anheim 
fallen. Heute ist in dem Haus die Bot¬ 
schaft Palästinas untergebracht. In 
Gesprächen signalisierten die Palä¬ 
stinenserinnen ihre Bereitschaft, bei 
einer gleichwertigen Alternative das 
Haus der anarchistischen Bewegung 
“zurückzugeben”. 

Dies ist eine der konkreten Forde¬ 
rungen der “Kommission zum Stu¬ 
dium des wissenschaftlichen Nach¬ 
lasses Kropotkins.”(4) Sie schlug eine 
internationale Kampagne für eine 
Wiedereröffnung des Hauses als 
Museum, aber auch als “wissen¬ 
schaftliches Zentrum der Organisa¬ 
tion und Koordination von Kro- 
potkinstudien” vor. Dann könnteauch 
Kropotkins umfangreiche Bibliothek, 
die während des 2.Weltkrieges aus¬ 
gelagert wurde, wieder einziehen. 

Zweiklassenkonferenz 

Nachdem wir die durch die Menge 
der Besucherinnen etwas überfor¬ 
derten Mitarbeiterinnen der palä¬ 
stinensischen Botschaft verlassen 
hatten, wurden wir in ein Devisenlokal 
unweit des Hauses in der Kropotkin- 
straße geführt. Dorthin wurden die 
offiziellen Konferenzteilnehmerinnen 


vom Besitzer des Etablissements, 
einem “Freund der russischen Kultur”, 

(so seine Begründung für die Ein¬ 
ladung), zu einem oppuienten Mahl 
geladen. Im Klartext hieß dies, daß 
nur die westlichen Konferenzteil¬ 
nehmerinnen und die Angehörigen 
der russischen Intelligenz gemeint 
waren. Die aktiven GUS-Anarchist¬ 
innen mußten draußen bleiben. 

Ich hatte das Gefühl, daß recht j 
wenigen bewußt war, daß wir Essen 
im mehrfachen Wert durchschnitt¬ 
licher russischer Monatsgehälter 
serviert bekamen. 

Dieses Modell der Zweiklassen¬ 
konferenz wiederholte sich dann auch 
am Freitag während des Mittagessens 
in Dimitroff. Als wir bereits unsere 
Vorsuppe aufgegessen hatten, be¬ 
merkte ich, daß unsere GUS-Genoss- 
Innen fehlten. Sie konnten sich das j 
Essen von umgerechnet 50 Pfennigen 
einfach nicht leisten. Als ich losging, 
um sie im Namen einiger westlicher 
Teilnehmerinnen einzuladen, waren 
sie bereits fortgegangen und nicht 
mehr aufzufinden. 

Ein anderer westlicher Teilnehmer 
hat, wie es seinem Konferenzbericht 
in Freedom 5413 zu entnehmen ist, 
diese Ungleichbehandlung gar nicht 
bemerkt, oder was noch schlimmer 
wäre, nicht für erwähnenswert ge¬ 
halten. Stattdessen sprich tJohnSlatter 
von einem “lebendigen Mix aus 
Anarchistinnen und akademischen 
Spezialistinnen”. 


Der l.Konferenztag 

Zurück zum l.Konferenztag, an dem 
nach Abalkins Eröffnungsrede vier 
vordem Gesamtplenum stattfindende 





Hauptvorträge gehalten wurden. Den kollektivistische Anarchismus in 

ersten über Kropotkins wissen- seinen Konzepten vorsah. Der 

schaftlichen Universalismus hielt kollektivistische Anarchismus, lege 

Aleksei Petrovich, ein Enkel von Kro- das Hauptgewicht der notwendigen 

potkins Bruder Alexander. Danach gesellschaftlichen Veränderungen 

I sprach Martin Miller in einem sehr einseitig auf die Produktionssphäre 

1 lebendigen Vortrag über die psycho- und konserviere mit der Beibehaltung 

! logischen Wurzeln Kropotkins Anar- eines wie auch immer gearteten 

1 chismus. Er verortete diese in Lohnsystemä Formen kapitalistischer 

l Kropotkins Familiensituation wäh- Verteilung. 

rend dessen Kindheit. Die frühsyndikalistische und 

i Mit einem der aus meiner Sicht danach von einem Teil'der Anarchi- 
1 besten Vorträge trat dann Vadim stlnnen (Max Nettlau, Diego Abad de 

1 Datnier, Mitglied der Initiative Santillan, Daniel Guerinu.a.) wieder 

: Revolutionärer Anarchistinnen holte Kritik am kropotkinschen Mo- 

| (IREAN), vor’sRednerlnnenpult. Sein dell, die ihm z.B. eine Rückkehr in’s 

I Thema,“Dasanarchokommunistische primitive, patriarchalische Mittelalter 

t Modell Kropotkins als eine Antwort vorwarf, stellt nach Vadims Meinung 

I auf die ökologische Krise des aus- durch ihre Fixiertheit an die 

i gehenden20.Jahrhunderts”,wareines kapitalistische Wirtschaftsorga- 

s der wenigen, das einen direkten Bezug nisation einen Rückschritt dar. 

zu den gegenwärtigen weltweiten Wiederum seien die konkurrierenden 

* Problemen, natürlich insbesondere zu Produzentlnnen und nicht die Bedürf- 

j den postsowjetischen, herstellte. nisse der Verbraucherinnen Grund¬ 


lage der Gesellschaft. 



Donezk-Gebiet Mai 1993 — Konflikte der FAD mit der Polizei 
Am Anfang seines Referates 


kennzeichnete Vadim Kropotkins Positiv bewertete Vadim die 
Anarchismuskonzeption als Ausdruck Versuche eines Teils der anarchi- 

des sich m der damaligen anarchi- stischen Bewegung (Kropotkin, 

stischen Bewegung vollziehenden russische Anarchosyndikalistlnnen, 

Übergangs vom kollektivistischen Rudolf Rocker, Isaak Puente, 

zum kommunistischen Anarchismus. Zaragoza-Programm der CNT von 

Kropotkins Ansatz, der die freie 1936 etc.) libertären Kommunismus 

i Kommune in den Mittelpunkt der und revolutionären, praktischen 
zukünftigen Gesellschaft stellt, Syndikalismus zusammenzuführen, 

verbunden mit einer Bedarfs- DieVerschärfungderökologischen 
Wirtschaft, sozialer und Wirtschaft- Krise in den 60er 70er und 80er Jahren 

licher Dezentralisierung, sowie einer zeigte nicht nur die Notwendigkeit 

größtmöglichen (aber nicht totalen) der Überwindung der kapitalisüschen 

Selbstproduktion und -Versorgung, Wirtschaftsorganisation, sondern 

stellt nach Vadims Aussage eine sorgte auch für eine Überwindung der 

radikalere Abkehr von der kapita- “industriellen Entwicklungsstufe” in 

listischen Wirtschafts- und Gesell- der anarchistischen Theorie, 

schaftsördnung dar, als dies der Es folgen weitere Auszüge aus der 


Zusammenfassung seines fast 20- 
seitigen Vortrags: 

“In vielen radikalökologischen, 
alternativen und kommunitären 
sozialen Bewegungen dieser Jahre 
spiegelten sich kropötkinsche Kom¬ 
munegedanken wieder . 

Viele Jahre vorder Ökokrise stellte 
und beantwortete Kropotkin mehrere 
damit verbundene Fragen. Seine 
Antworten sind heute aktueller als je 
zuvor. Kropotkin zeigte, was später 
zum Hauptgrund der Ökokrise, der 
Wirtschaftsprobleme in der privat¬ 
kapitalistischen Welt und des 
Wirtschaftszusammenbruchs im 
“Realsozialismus” wurde: nämlich 
die Trennung der Produktions- von 
der Konsumtionssphäre und der 
jeweiligen Beschlüsse, die Unter¬ 
ordnung der ersten unter Macht und 
Profitzuwachs, die Wegwerf wirtschaft 
überhaupt. 

Kropotkin entwarf eine Bedarfs¬ 
wirtschaft ohne Vergeudung als eine 
rettende Alternative, wo die koordi¬ 
nierende und solidarische “Planung 
von unten” zustandekommt, und wo 
die selbstorganisierten Konsument- 
Innen-Kommuneeinwohnerlnnen ihre 
Bedürfnisse selbst bestimmen und 
dann diese als selbstverwaltete und 
föderierte Produzentlnnen im Rahmen 
der gesamtgesellschaftlichen, basis¬ 
demokratischen Wirtschaftsorgani¬ 
sation befriedigen .... 

Ganz aktuell bleibt die kro- 
potkinsche Kritik an der sich in einer 
tiefen Krise befindenden Vertreter¬ 
demokratie. Die Gedanken der 
anarchosyndikalistischen “Doppel¬ 
föderation”, der direkten und fö¬ 
derativen Basisdemokratie , der Kom¬ 
munevollversammlungen sowie ^der 
Wiederbelebung des Polismodells 
wurden von Kropotkin entweder direkt 
formuliert oder vorbotlich ange¬ 
kündigt. 

Die von Kropotkin begründeten 
libertär-kommunistischen Prinzipien 
der Verteilung, die das gleiche Recht 
aller Leute auf die Befriedigung ihrer 
individuell verschiedenenBedürfnisse 
proklamieren, wurden nicht nur in 
den Erfahrungen vieler Collectiv- 
idades, Kommunen und Kibbuzim 
praktisch bewiesen, sondern bleiben 
auch heute die einzige Möglichkeit, 
die Eindimensionalität, die den 
Menschen zerstörende Uniformität 
sowie die Nivellierung in der 
modernen "Massengesellschaft ” zu 
überwinden, und sich auf die größt¬ 
mögliche Selbstentfaltung jeder 
Persönlichkeit mit all ihren Besonder¬ 
heiten und Fähigkeiten zu orien¬ 
tieren”. 











Am Ende seines Referates kritisierte 
Vadim einige Positionen Kropotkins, 
wiez.B. seinepositivistische Philoso¬ 
phieintention oder sein zu großes Ver- 
trauen in den technischen Fortschritt. 

Zu positiv bewertete Vadim, m.E. 
nach, Kropotkins Positionen zur 
Geschlechteremanzipation. Obwohl 
gerade durch die kommunistischen 
Verteilungsprinzipien auch Haus¬ 
arbeit als Arbeit anerkannt wird und 
sich Kropotkin für die Verbesserung 
der Arbeitsbedingungen der Frauen 
einsetzte, wies er mit diesen 
Vorschlägen den Frauen ebenfalls 
bestimmte “frauenspezifische” Be¬ 
reiche zu.(5) 

Der 2.Konferenztag 

Entsprechend Kropotkins thematisch 
breit .angelegten wissenschaftlichen 
Arbeitcn(6), war die Konferenz in 4 
Sektionen cingeteilt. Diese sollten 
dann am zweiten Konferenztag von¬ 
einander getrennt arbeiten. 

Die Einteilung, 1.anarchistische 
Sektion, 2.biographische Sektion, 
3 .naturwissenschaftliche Sektion und 
4.geschichtliche, soziologische und 
ethische Sektion, erschien nicht nur 
etwas willkürlich, sondern führte auch 
dazu, daß verschiedene interessante 
Vorträge gleichzeitig stattfanden. 

Daß dann kurzerhand die anarchi¬ 
stische und die 4. Sektion zusam- 
mcngclcgt wurden, wirkte sich durch 
die Zahl der Vorträge und die damit 
verbundene Beschränkung der 
Redezeit eher negativ aus. Interes¬ 
santer weise traf die Beschränkung der 
Vortragszcit gerade Beiträge der 
anarchistischen Scküon. 

Die Bandbreite'dcr Vorträge reichte 
von “Kropotkin und Dostojevski” über 
“Kropotkins Konzept der spontanen 
Kooperation und seine Resonanz in 
der zeitgenössischen kybernetischen 
Theorie”, bis hin zu eigentlich anar¬ 
chistischen Themen, wie der vorhin 
bereits erwähnte Vortrag Vadim Da- 
miers. 

Au fgrund der Tatsache, daß m ir bis 
beute erst drei Vorträge schriftlich 
vorlicgcn, ist cs schwierig, mehr über 
den Inhalt der einzelnen Vorträge zu 
schreiben. 

AlsHighlightdcs2.Konfcrenztages 
empfand ich H. Cleavcrs Vortrag: 
Kropotkin, Selbstcinschätzung und 
die Krise des Marxismus”. Ähnlich 
Damicr, versuchte auch Cleaver, der 
^ch selbst als autonomen Marxisten 
bezeichnet und als Ökonomie-pro- 
fcssor in Austin/Tcxas lehrt, Bezüge 
zur gegenwärtigen Krise in der Ex- 
Sowjctunion hcrzustellen. Dabei 


betonteer Ähnlichkeitenzwischen der 
Analyse autonomer Marxisten im 
Westen und der Kropotkins. Beide 
versuchten in der jeweiligen Gegen¬ 
wart Tendenzen solidarischer Kämpfe 
zur Überwindung des herrschenden 
Systems aufzudecken. Diese bereits 
in der bestehenden Gesellschaft 
vorhandenen kooperativen Ansätze 
stellte Cleaver in den Gegensatz zu 
rein utopischen Entwürfen einer 
zukünftigen Gesellschaft. Am Ende 
seines Vortrages forderte er die 
Konferenzteilnehmerinnen aus der 
GUS auf, etwas davon zu erzählen, 
welche Ansätze von gegenseitiger 
Hilfe zur Überwindung der be¬ 
stehenden Gesellschaft heute im Land 
vorhanden sind. Eine anschließende 
Diskussion hätte sicherlich den 
Rahmen der Konferenz, d.h. die Art 
wie diese von den Wissenschaft- 
lerlnnen organisiert war, gesprengt. 


Räumlichkeiten mußten dabei auch 
außerhalb der offiziellen Konferenz 
organisiert werden. 

Anarchy in Dimitroff 

Nach den ersten beiden anstren¬ 
genden Konferenztagen hatten wir alle 
ein wenig Abwechslung nötig. So war 
dann der 3.Konferenztag in Dimitroff 
in aller erster Linie ein Ausflug zu der 
historischen Stätte, wo Kropotkin 
seine letzten Lebensjahre verbrachte. 

Bereits hinter der Moskauer Stadt¬ 
grenze wurden unsere mit schwarz¬ 
roten und schwarzen Fahnen ge¬ 
schmückten Busse von der Polizei 
eskortiert. In Dimitroff angelangt, wo 
ein großes Kropotkinbild das Rathaus, 
von weitem sichtbar, verzierte, waren 
dann alle weiteren Spekulationen über 
den Sinn der Polizeieskorte über¬ 
flüssig. Wir wurden vor dem Heimat¬ 
museum von jungen Frauen in Volks¬ 



Kritk an der Organisation der 
Konferenz 

Fast alle Vorträge lagen nicht in 
schriftlicher Form vor. Die schlechte, 
z.T. sehr unvollständige Simultan¬ 
übersetzung ins Englische erschwerte 
die Verständlichkeit zusätzlich. 
Gleichzeitig wurde wohl nicht nur 
meine Aufnahmefähigkeit bei mehr 
als 10 Vorträgen pro Tag bei weitem 
überschritten. Platz für Diskussionen 
nach den einzelnen Vorträgen war 
von den Organisatorlnnen gar nicht 
erst eingeplant worden. So ist dann 
eine offene anarchistische Diskus¬ 
sionsrunde erst nach den ersten drei 
Konferenztagen durch Eigeninitiative 
einiger nicht akademischer Teilneh¬ 
merinnen zustandegekommen. Die 


tracht, gemäß einer alten russischen 
Tradition, mit Brot und Salz empfan¬ 
gen. Das Bild der “Ehrenjungfrauen”, 
in ihren Kostümen in der Kälte 
stehend, vermischt mit dunklen, 
schwarze und schwarzrote Fahnen hal¬ 
tende Gestalten, halte schon sunreale 
Züge. 

Im Heimatmuseum waren danneine 
kleinere Kropotkinausstellung und 
zusätzlich ein paar internationale 
anarchistische Publikationen Zusehen. 
Danach besichtigten wir das alte 
Holzhaus, in dem Kropotkin während 
seiner letzten Lebensjahre wohnte. Es 
steht eingerahmt inmitten von 
Platlenbauten realsozialistischer 
Betonromantik. Sein Fortbestand als 
Museum ist gefährdet. Es war 
zumindestens eine der Forderungen 
der Konferenz, eine internationale 



Kampagne für seine Erhaltung zu 
iniüieren. Nach dem bereits erwähnten 
Mittagessen zogen wir ins örtliche 
Kulturhaus ein. Auch hier ein über¬ 
dimensionales Kropotkinbild - dies¬ 
mal auf einem rosa Vorhang im 
Bühnenhintergrund. 

Vor den eigentlichen Vorträgen 
wurde ein etwa 8-minüüges Video 
von Kropotkins Beerdigung, der 
letzten großen anarchistischen Mani- 
festaüon in der Sowjetunion gezeigt. 
Unter den Trauernden waren auch 
EmmaGoldman und Alexander Berk¬ 
mann zu erkennen. 

Danach waren dann unter anderem 
zwei für die gesamte Konferenz nicht 
untypische “Kropotkin und 
Vorträge zu hören. Den ersten - 
“Kropotkin und Cechov” - hielt ein 
japanischer Professor, der sich gleich 
zum Anfang dafür entschuldigte, daß 
er fast ausschließlich über Cechov 
reden wird. Den zweiten Vortrag - 
“Kropotkin und Tolstoi” - referierte 
Natalia Pirumowa Mitglfed der 
Kropotkin-Kommission, deren 
Bakunin-Buch demnächst im Karin 
Kramer Verlag unter dem Titel: “Der 
rebellierende Adel und die Familie 
Bakunin” verlegt wird. 

Am frühen Abend fuhren wir dann, 
ohne Polizeieskorte, zurück nach 
Moskau. 


“Anarchistische Diskussionen” 

Bevor die meisten offiziellen Kon¬ 
ferenzteilnehmerinnen am 4.Konfe¬ 
renztag abends nach St. Petersburg, 
oder wie es von einigen Anarchist¬ 
innen bezeichnet wird : nach Petrograd 
(7) aufbrachen, fand in den Räumen 
der Solidarnosc-Redaktion(8) eine 
“offene anarchisüsche Diskussions¬ 
runde” statt. 

Leider stand auch hier die Dis¬ 
kussion, für die auf der Konferenz bis 
dahin kein Platz war, nicht im Mittel¬ 
punkt. Größtenteils wurde das Treffen 
von einem lange schwelenden Kon¬ 
flikt zwischen der IREAN und der 
KAS überschattet. Diesen will ich 
später in seiner inhaltlichen Dimen¬ 
sion noch ausführlicher darstellen. 

In der Situation, wo eine Reihe von - 
Anarchistinnen aus verschiedenen 
wesüichen Ländern anwesend war, 
versuchte die IREAN darauf auf¬ 
merksam zu machen, daß sie trotz 
Zusage eines SAC-Mitgliedes die 
Druckte/:hnik der KAS nicht benutzen 
darf. Diese Drucktechnik wurde der 
KAS vor einiger Zeit von der 
schwedischen SAC gespendet. Eines 
ihrer Mitglieder hat auf dem kurz zuvor 
stattfindenden ersten anarchosyndi- 
kalistischen Ost/West-Treffen be¬ 
kräftigt, daß die IREAN die Druck¬ 


technik für die Herstellung des inter¬ 
nationalen A/S-Infos (9) benutzen 
darf. Die beiden anwesenden SACler 
wollten dies nicht bestätigen und 
stellten das Gahze als rein inner¬ 
russischen Konflikt dar. 

Eine solidarische, sachliche Klä¬ 
rung der Fragen war danach nicht 
mehr möglich. Es kam zum Eklat und 
die IREAN verließ die Diskus- 
sionsrund^bevordiese überhaupterst 
begann. 

In dem Zwiespalt, wie ich mich in 
dieser Situation verhalten sollte, 
überwog dann doch, trotz freund¬ 
schaftlicher Beziehungen zur IREAN, 
die Neugier auf eine Diskussion. Zu 
dieser kam es dann erst nach einem 
kurzen Referat über einen Modell¬ 
versuch “anarchistischer” Pädagogik. 
Zuvor hatte auf meine Initiative hin 
eine Vorstellungsrunde der Diskus¬ 
sionsteilnehmerinnen stattgefunden. 
Anlaß der Intervention war die 
Tatsache, daß nach dem beschriebenen 
Eklat des Klärungsversuches, ohne 
vorherige Vorstellung und Sichtung 
der Diskussionswünsche aller, bereits 
ein Beitrag gehalten wurde. 

Die Darstellung des “anarchi¬ 
stischen” Pädagogik-Modellver¬ 
suches löste nicht nur bei mir stärkere 
Reaküonen aus. 

In diesem Vortrag wurde ein höchst- 
gradig manipulatives Projekt vor- 
gestellt, das den Kindern Kropotkins 
“konstruktive” Gedanken im Kontrast 
zu Bakunins “zerstörerischen” Theo¬ 
rien näherbringen sollte. Mittels anti¬ 
pädagogischer Ansätze und der Dar¬ 
stellung Tolstois Pädagogikkritik 
wurde dann versucht, direkt Kritik an 
dem beschriebenen Modellversuch zu 
üben. Diese Kritik stieß nicht nur auf 
Interesse und Verständnis, sondern 
ließ am Ende doch noch eine lebhafte 
Diskussion entstehen. 

Zum Schluß baten zwei russische 
Diskussionsteilnehmer um Literatur 
über Theorie und Praxis anarchi¬ 
stischer Bildungsansätze. 

Ergebnisse der Konferenz 


Kropotkin-Haus (Photo um 1960) 



Sicherlich hat die Konferenz und 
einiges, was um sie herum passierte, 
dazu beigetragen, den Namen Kro¬ 
potkins wieder in einem anderen Zu¬ 
sammenhang als den eingangs be¬ 
schriebenen in der Öffentlichkeit dar- 
zustellen. 

Es sind nach der Perestroika eine 
Reihe von Büchern von und über 
Kropotkin erschienen. Wieder¬ 
veröffentlicht wurden z.B. “Memoiren 
eines Revolutionärs” und ein 
Sammelband, der Teile von “Ethik”, 



















“Moderne Wissenschaften und der 
Anarchismus” und “Worte eines 
Rebellen” enthält. Im Vorfeld der : 
Konferenz sind zwei Bände mit 
bislang unveröffentlichten Briefen 
und Aufsätzen erschienen. Inwieweit 
diese Aufsätze bereits in anderen 
Sprachen veröffentlicht wurden 
entzieht sich meiner Kenntnis. Heraus¬ 
geberin war die bereits erwähnte 
“Kommission zur Erforschung des 
wissenschaftlichen Erbes Kropot- 
kins”. 

Neben diesen erfreulichen (Wie¬ 
del-Veröffentlichungen konnten 
jedoch einige wichtige Veröffent- 
lichungsvorhaben bislang nicht 
realisiert werden. So wurde bspw. am 
ersten Tag der Konferenz vor allem 
gegenüber den westlichen Teilneh- . 
mcrlnncn um finanzielle Unter¬ 
stützung für die Veröffentlichung 
eines zweiten Ethik-Sammelbandes 
geworben. Angesichts der Tatsache, 
daß so ein grundlegendes Buch wie 
die “Gegenseitige Hilfe” seit der 
Oktoberrevolution nicht wieder in 
russischer Sprache erschienen ist, 
sollten sich Gruppen und Einzel¬ 
personen finden, die eine Vor¬ 
finanzierung solcher und anderer 
Veröffentlichungen mittragen. Bei 
den vergleichsweise niedrigen Pro¬ 
duktionskosten, die sich in End¬ 
verkaufspreisen von weit unter einer 
UM pro Buch ausdrücken, dürfte dies 
auch mit geringen Spenden oder 
Krediten möglich sein. Ebenfalls aus 
Geldmangel ist bislang die vor¬ 
gesehene Veröffentlichung der Kon¬ 
ferenzbeiträge gescheitert. Dieses 
Projekt, das eine wichtige Grundlage 
für die eigentliche inhaltsbezogene. 
Auswertung der Konferenz darstellt, 
soll nun gerüchteweise als “Ob- 
schina^-Sondernummer von einigen 
KAS Mitgliedern hcrausgegeben 
werden. 

Im Juli 93 hatte ich die Gelegenheit 
Vadim Damicr über die Wirkung der 
Konferenz und des inoffiziellen 
Kropotkinjahres auf die breite GUS- 
Bcvölkcrung zu befragen. Er sagte, 
daß eine Reihe von Jubiläumsartikeln 
zu Kropotkins 150.Geburtstag auch 
in der Tagespresse erschienen seien. 
Von der Konferenz habe sogar das 
russische Fernsehen in seiner 
Nachrichtensendung Novosti be¬ 
richtet. Trotzdem seien diese Artikel 
bzw. Berichterstattungen auf einem 
oberflächlichen Niveau geblieben und 
batten sich größtenteils darauf 
beschränkt, Kropotkin als “großen 
Sohn Rußlands” darzustellen. Seine 
gcsellschaftskritischen, anarchi¬ 
stischen Gedanken seien nur in einigen 


Fachzeitschriften veröffentlicht 
worden, die wie die Konferenz selbst 
einem begrenzten Kreis Vorbehalten 
gewesen sei. 

Ais ein anderes Konferenzergebnis 
ist sicherlich die Initiative zur 
Rückgabe des Kropotkinhauses zu 
nennen. Nach Vadims Aussage wäre 
aber eine breite internationale Kam¬ 
pagne nötig, um ausreichend Druck 
auf die politisch Verantwortlichen zu 
entfalten, so daß in Moskau zusammen 
mit einem Kropotkinmuseum wieder 
ein anarchistisches Zentrum enstehen 
könnte. 

Daß dies dringend nötig ist, drückt 
sich in der Tatsache aus, daß die anar¬ 
chistischen Gruppen in Moskau wie 
auch in anderen GUS- Städten über 
keinerlei eigene Räumlichkeiten ver¬ 
fügen und sich deswegen entweder in 
Privatwohnungen oder auf der Straße 
treffen müssen. 


Stand und Perspektiven der 
anarchistischen Bewegung 
in der GUS 

Insgesamt muß mensch ehrlicher¬ 
weise einen geringen und größtenteils 
schwindenden Einfluß der Anarchist¬ 
innen auf das politische Geschehen 
konstatieren. Dies läßt sich wahr¬ 
scheinlich nicht nur am Beispiel der 
KAS, sondern auch an anderen Grup¬ 
pen zeigen. Hatte die KAS 1989/90 
noch einige hundert Mitglieder, so 
sind es heute in Moskau kaum noch 
10 . 

Es gibt eine verwirrende Vielzahl 
von Gruppen und Abspaltungen, die 
oftmals nur 2 oder 3 Mitglieder um¬ 
fassen. Darunter auch solche, die sich 
als Anarchodemokratlnnen oder 
Anarchokapitalistlnnen bezeichnen 
und sich an den westlichen Libertär - 
ians orientieren. Auch im Spektrum 

der sich als anarchokommunistisch 
bezeichnenden Gruppen gibt es z.T. 
sonderbare Tendenzen, wie z.B. 
Anarchomaoistlnnen... . Auch hier 
scheinen Versatzstücke westlich¬ 
linker Ideologien eine nicht un¬ 
wesentliche Rolle zu spielen. 

Viele kleinere Gruppen schließen 
sich für direkte Aktionen aber trotz¬ 
dem zu größeren Gruppen zusammen. 
Bei diesen z.B. radikalökologischen 
Aktionen wurden mit wenigen Leuten 

z.T. beträchtliche Erfolge erreicht. So 
mußten extrem umweltverschmu¬ 
tzende Fabriken stillgelegt werden 
oder wurden gar nicht erst in Betrieb 
genommen. 

Mir geht es aber nicht so sehr um 
ein Aufzählen von Aktionen, sondern 


eher um die grundsätzliche politische 
Ausrichtung und Strategie der Grup¬ 
pen in der gegenwärtigen politischen 
Situation. Von den ”Anarcho”kapita- 
listlnnen und -demökratlnnen ganz 
zu schweigen, befürwortet auch eine 
erklärt anarchosyndikalistische Grup¬ 
pe wie die KAS die Einführung der 
Marktwirtschaft (allerdings mit 
kollektiven Eigentumsformen) und 
eine Arbeit in den bestehenden 
Strukturen. Dabei wird die Mög¬ 
lichkeit einer wirklichen Verge¬ 
sellschaftung des Eigentums durch 
die Propagierung der Übernahme der 
Fabriken und anderer gesellschaft- 
licher Einrichtungen durch Arbeiter- 
Innen und Angestellte aufgegeben. , 
Dies ist einer der Hauptstreilpunkte I 
zwischen der IRE AN und der KAS. 

Dieser Streit, wie zwischen KAS 
und IREAN skizziert, ist kein rein 
theoretischer um eine konsequentere 
anarchistische Politik. Zusätzlich birgt 
er in sich die Brisanz, daß die Eigen¬ 
tumsfrage momentan einen der zen¬ 
tralen Aspekte der öffentlichen Dis- ; 
kussion darstellt. Unter dem Para¬ 
digmenwechsel eines so benannten 
Überganges von Planwirtschaft/ 
Staatseigentum zu Marktwirtschaft/ 
Privateigentum versuchen dicSpiizcn- 
manager der roten Bürokratie, ihre 
bisherige planwirtschaftliche und 
mafiose Verfügungsgewalt über die 
Betriebe allmählich in eine neue 
privatkapitalistische zu überführen 
und damit neu zu legitimieren. 

Dabei ist absehbar, daß weder mit 


»Ich mag kein Geld« - 


Graffiti in StPetersburg 





1 
3 

j planwirtschaftlichen noch mit 

\ marktwirtschaftlichen Konzepten 

| Wege aus der strukturellen, gesell¬ 

schaftlichen Krise gewiesen werden 
können. Bei über 1000% Jahres-in- 
flation stagnieren die durchschnitt¬ 
lichen Monatseinkommen bei heute 
! ungefähr 30 DM. Permanenter Pro- 
! duktionsabfall, der Zerfall der GUS- 
! Binnenmärkte, Kapitalabfluß, die 
| Auflösung sozialer Sicherheiten, die 
1 Drohung von Hungersnöten, zuneh- 
! mende Exportorientierung durch 
I Biliigproduktion, eine rasant anwach- 
1 sende Arbeitslosigkeit, der Rückgang 
! der Investitionstätigkeiten usw. sind 
! Eckdaten des freien Falls der GUS- 
! Ökonomien. 

! Gerade die auch von Teilen der 
‘ KAS gehegte Hoffnung, daß markt- 
■ wirtschaftliche Mechanismen ähnlich 
; wirken könnten wie in einigen reiche- 
[ ren westlichen Ländern, erweist sich 
j als Illusion. Das Engagement west- 
1 licher Firmen ist hauptsächlich auf 
I eine Verlagerung der Technologien 
beschränkt, die auf Grund ihrer Schäd¬ 
lichkeit in den eigenen Ländern längst 
verboten sind. Mittlerweile scheint 
die Ex-Sowjetunion immer mehr in 
| die Position eines 3 .-Welt-Landes zu 
j geraten. 

Die Propagierung der Vergesell¬ 
schaftung der Betriebe und gesells¬ 
chaftlichen Einrichtungen in dieser 
Situation offener Eigentumsfragen - 
noch immer sind z.B. 94% aller 
Betriebe der Ukraine Staatseigentum 
- in der sich kontinuierlich 
zuspitzenden Krisensituation , die 
Propagierung des Aufbaus einer 
bedarfsorientiörten Wirtschaft, 
z.B.durch den Aufbau von Konsum¬ 
genossenschaften, könnte auf offene 
Ohren stoßen und die bisherige Hege¬ 
monie des Establishments der “roten 
Direktoren” und ihre Marktwirt¬ 
schaftsbestrebungen durchkreuzen. 

Daß dies keineswegs nur anar¬ 
chistische Wunschträume sind, die 
wenig mit der tatsächlichen Situation 
zu tun haben, soll an Hand der im Juni 
1993 stattgefundenen Streiks im 
Donezkgebiet und der Rolle der FAD, 
der Föderation der Anarchistinnen aus 
Donbass, in den Streiks gezeigt 
werden. (10) Die FAD ist derzeit die 
größte und einflußreichste anarchi¬ 
stische Gruppe in der ehemaligen 
| Sowjetunion und damit auch eine 
positive Ausnahme im Bezug auf die 
Eingangs getroffene Einschätzung. In 
8 Städten des Donezk-Lugansker Ge¬ 
bietes existieren autonome Gruppen 
der FAD. Insgesamt liegt die Zahl der 
Föderationsmitglieder bei ca. 100. 

Die diesjährigen S treiks entstanden 
vor allem als Reaktionen auf drastische 



Preiserhöhungen in der Ukraine. Nach 
einzelnen Warnstreiks Anfang 1993 
entwickelte sich im Juni ein breiter 
radikaler Streik, der über rein öko¬ 
nomische Forderungen auch politische 
Forderungen aufstellte. 

Dabei konnte an die Streiks von 
1991 und vor allem 1989 angeknüpft 
werden, als das gesellschaftliche 
Leben ganzer Städte von Arbeiter¬ 
innen organisiert und kontrolliert 
wurde. Der Streik von 1989 war auch 
die Geburtsstunde der FAD. Obwohl 
von Studentinnen initiiert, waren bald 
* 80% der Mitglieder Arbeiterinnen. 

Trotzdem die Anarchistinnen nicht 
die treibende Kraft in der jüngsten 


S treikwelle waren, entstand diese doch 
spontan von unten und trug klar direkt¬ 
demokratische Strukturen: Die 
Bergarbeiterinnen versammelten sich 
zu einem permanenten Protest auf dem 
zentralen Platz vor der Gebietsver¬ 
waltung in Donezk. Das Streikkom- 
mitee wurde.aus gewählten Dele¬ 
gierten der einzelnen Gruben gebildet. 
Diese führten direkte Verhandlungen 
mit der Regierung. Zwischenergeb¬ 
nisse der Verhandlungen waren Stell¬ 
tafeln auf dem Protestplatz zu ent¬ 
nehmen. Durch ein allen zugängliches 
Mikrophon konnten die Streikenden 
direkt neue Forderungen aufstellen 
bzw. ihre Meinung zu den Verhand- 


St. Petersburg, Newski Boulevard, 1993 

Verkäufer einer anarchistischen Zeitung in Machno-Uniform 



60 






lungsergebnissen äußern. Der Druck 
der Streikenden zwang die für die 
Mißstände verantwortlichen Politiker 
zu erscheinen. Diese mußten ange¬ 
sichts der aufgebrachten Menge die 
konkreten Forderungen z.B. nach 
Wohnungen für Arbeitsinvaliden 
erfüllen. 

Für eine erfolgversprechende anar¬ 
chistische Intervention bzw. Ansätze 
einer konkreten Solidaritätsarbeit 
scheinen mir folgende Aussagen der 
FAD-Genossen besonders wichtig: 

In den Streiks haben weder poli¬ 
tische Parteien noch offizielle Ge¬ 
werkschaften eine Rolle gespielt. Im 
Gcgcgcnteil - die Arbeiterinnen zei¬ 
gten ein generelles Mißtrauen gegen¬ 
über allen Vertreterinnen der Macht. 
Sich “sozialistisch” bezeichnenden 
stalinistischen Gruppen, die abstrakt 
die Wiederherstellung der Sowjet¬ 
union forderten, wurden ihre roten 
Fahnen zerrissen, als sie den Platz 
betraten. Ähnlich wurdeauf Versuche 
einer nationalistischen Vereinnah- 
mung der Streiks reagiert. Die Rede 
eines Vertreters der nationalistisch¬ 
ukrainischen Organisation RUCH 
wurde durch lautes Buh-Rufen über- 
tönt. Zu einem gewissen Zeitpunkt 
waren die schwarzen und schwarz¬ 
roten Fahnen der Anarchistischen 
Föderation Donbass die einzigen auf 
dem Platz. 

Sicherlich auch gerade wegen den 
Erfahrungen der Streiks 1989 und 
1991, nach denen sich die erreichten 
Lohnerhöhungen durch die Hyper¬ 
inflation bald wieder in Real- 
lohncinbußen verwandelten, waren 
die Streikenden diesmal “neuen 
Wegen” jenseits sozialistischer 
Planwirtschaft und des “Allheil¬ 
mittels” Marktwirtschaft sehr aufge¬ 
schlossen. Dies bezeugte ein großes 
Interesse der Arbeiterinnen für die 
Flugblätter und Diskussionen der 
Anarchistinnen. Aufgrund des auch 
für sie überraschend eingetretenen 
Streiks, aber vielmehr noch wegen 
absolut mangelhaften technischen 
Möglichkeiten, reichten Flugblätter, 
Broschüren und anderes Material bei 
weitem nicht aus. Darüberhinaus 
scheuen staatliche als auch private 
Druckereien das Risiko, Flugblätter 
und Broschüren der FAD zu drucken. 
Deswegen ist eine lange geplante 
c igcnc Zei tung bislang nicht zustande 
gekommen. Aus Moskau fuhren dann 
extra zwei IREAN-Mitgliedcr nach 
Donezk, um die FAD mit Broschüren 
und Flugblättern zu unterstützen. 

Die FAD schaffte es während des 
gesamten Streiks einen Infostand unter 
^er schwarzen Fahne und der Parole: 


Generalstreik - Chance zum Sieg! 
täglich aufrechtzuerhalten. Es 
entwickelten sieh Gespräche und 
Diskussionen, die ein Interesse der 
Arbeiterinnen an einem der Ziele der 
FAD, dem Aufbau einer starken 

Arbeiterinnenkampforganisation 

zeigten. Diese soll als ukrainische 
Sektion der IAA in den nächsten 
Streiks gegen staatliche Repression 
und die Verschärfung wirtschaftlicher 
Ausbeutung noch effeküver sozialen 
Widerstand leisten. 

Wie bedrohlich bereits der dies¬ 
jährige Streik auf die herrschenden 
Eliten gewirkt hat, zeigt die Tatsache, 
daß während der Streiks um dasGebiet 
von Donezk Panzerregimenter 
Stellung bezogen. In den Städten 
selber patroullierte die ukrainische 
Nationalgarde. 

Von den 4 Hauptforderungen der 
Streikenden - 

1. Erhöhung der Löhne, 

2. Regionaie Selbstverwaltung, 

3. Rücktritt des Präsidenten und 
Auflösung des Parlaments und 

4. Festere wirtschaftliche 
Beziehungen zu Rußland 

- wurde nur die dritte insofern 
erfüllt, als das für Herbst 1993 ein 
Referendum durchgeführt werden 
soll, das darüber abstimmt. 

Die Genossen der FAD erzählten, 
daß auf einer Tagung des ukrainischen 
Ministerrates anläßlich der erhobenen 
Streikforderungen geäußert wurde, 
man könne eher politische als öko¬ 
nomische Forderungen erfüllen, da 
ein Referendum bspw. nichts koste 


und, wie es die jüngsten Ereignisse 
zeigt, auch leicht wieder rückgängig 
gemacht werden kann. 

Die Foiderung nach einer regio¬ 
nalen Selbstverwaltung desDonezker 
Gebietes bietet wiederum interessante 
Ansätze einer anarchistischen 
Ausgestaltung dieses Selbstver¬ 
waltungskonzeptes, das von ver¬ 
schiedenen politischen Kräften sehr 
unterschiedlich aufgefaßt wird. Lokale 
Eliten, Direktoren etc. versprechen 
sich von einer regionalen Autonomie 
natürlich hauptsächlich einen eigenen 
Machtzuwachs. 

Inwieweit die Arbeiterinnen an die 
Selbstverwaltungsformen von 1989 
anknüpfen und sie praktisch und 
theoretisch weiterentwickeln, hängt 
stark von den materiellen Möglich¬ 
keiten der Einflußnahme anarchisti¬ 
scher Gruppen ab. 

Die Möglichkeit, daß die Arbeiter¬ 
innen “jederzeit wieder zu streiken 
beginnen können”, wie es ein FAD- 
Genosse ausdrückte, ist inzwischen 
sehr wahrscheinlich geworden. Auf 
die Rücknahme des Referendums von 
Seiten der ukrainischen Regierung 
reagierten die Arbeiterinnen mit der 
Ankündigung zu streiken. 

Solidaritätskomitee 

Donezk/Donbass 

Im August dieses Jahres haben Einzel¬ 
personen und Mitglieder verschie¬ 
dener anarchistischer Gruppen in 
Hamburg ein Solidaritätskomitee 
Donezk/Donbass gegründet. Sein 
Name “Pjotr Siuda” wurde in Ge- 


Aktivisten der FAD vor dem Kropotkin-Haus in Dimitroff 












denken an einen aktiven Anarcho¬ 
syndikalisten der UdSSR gewählt, der 
bereits 1962 als Bergmann am 
Aufstand von Novocherkask teilge- 
nommen hatte. Am 5. Mai 1990 starb 
■ er an den Folgen von Schlägen und 
j Verletzungen, die ihm in Moskau von 
! Unbekannten zugefügt wurden. 27 
! Jahre lang hat er versucht, die Verant- 
| wörtlichen des KGB für das Massaker 
1 von Novocherkask zur Rechenschaft 
' zu ziehen. 

| Das Komitee will die Arbeits- 
: kämpfe in der Donezker Region unter- 
\ stützen und beim Aufbau einer 
anarchosyndikalisdschen Gewerk- 
f schaft mithelfen. 

= Konkrete Projekte bestehen in der 
I Unterstützung der Herausgabe einer 
s Zeitung der FAD, und der Produktion 
; von Broschüren und Büchern aktueller 
1 und geschichtlicher anarchisüscher 
j Texte. Ein Schwerpunkt soll dabei die 
! Geschichte der Machnobewegung 
| sein, um an vorhandene Erinnerungen 
in der Bevölkerung anzuknüpfen. 
Weiterhin wollen wir eine Rundreise 
von FAD-Genosslnnen durch West 
und Ost-Deutschland organisieren, um 
Informationen über die Situation im 
Donbass zu verbreiten und die 
Möglichkeit des direkten Erfahrungs¬ 
austausches zu schaffen. 

Für diese Vorhaben sind vor allem 
Geldspenden dringend nötig. 

Alle Spenden können auf das DA 
KontoF.Mohrhof überwiesen werden: 
Konto 341979-208 
Postgiroamt Hamburg 
BLZ 20010010 
Stichwort “DONBASS” 

Anmerkungen 

1 Felix Dzerschinski (1877-1926), Pole, 
war Volkskommissar für Inneres und 
der erste Vorsitzende der bolsche¬ 
wistischen Geheimpolizei Tsche- 
ka (1918-22),* die bald nach der 
Machtergreifung der Bolschewiki das 
Land mit einem Netz von Spitzeln, 
Denunzianten und Provokateuren 
überzog und als “Vertreter des 
organisierten Schreckens” (Dzer¬ 
schinski über dieTscheka) den Terror 
| gegen weite Teile der Bevölkerung' 

; organisierte. 

i Michail IwanowitschKalinin (1875-1946) 

! war seit 1922 Vorsitzender des 

Exekutivkomitees und seit 1936 
! Vorsitzender des Präsidiums des 

| Obersten Sowjets. 

5 2 Harry Cleaver, “Kropotkin 

selfvalorization and the crisis of 
marxism”, (Konferenzbeitrag) 

j3 heuristisch, Heuristik: “Findungs-, 

j Erfindungskunst”; Lehre von den 

j nichtmathematischen Methoden zur 

! Gewinnung neuer Erkenntnisse. 


4 Die Kropotkinkommission besteht 
hauptsächlich aus GUS-Wissen- 
‘ schaftlerlnnen. Sie schlug die Grün¬ 
dung einer internationalen Kropotkin- 
gesellschaft vor, die sich mit der 
Veröffentlichung von Kropotkins 
Werken, der Weiterführung seiner 
Theorien; mit der Vergabe von 
Kropotkinstipendien und der Organi¬ 
sation regelmäßiger Konferenzen 
befassen soll. 

5 Siehe auch Ariane Gransac, “Der 
Anarchafeminismus und die Gemein¬ 
schaftsküche Kropotkins”, Schwarzer 
Faden - Sondernummer Feminismus 

6 NachHug (Kropotkin zur Einführung, 
Junius Verlag) hatte “Kropotkin mit 
seinen wissenschaftlichen Arbeiten 
Zugang zu den führenden Fachzeit¬ 
schriften seiner Zeit”. Die Breite 
kropotkinscher Arbeiten reichte von 
geologischen, geographischen, 
biologischen über historische, 
sozialphilosophische, politische, 
Ökonomische bis hin zu ethischen und 
literaturwissenschaftlichen Ver¬ 
öffentlichungen. 

7 Der Name Petrograd, in das St. 
Petersburg nach dem ersten Weltkrieg 
wegen des deutschen Namens um¬ 
benannt wurde, soll eine Ablehnung 
sowohl gegen den monarchistisch 
geprägten Namen St. Petersburg, als 
auch eine Ablehnung gegenüber dem 
Namensgeber Leningrads, dem 
Gründer des Sowjetstaates, Lenin, 
symbolisieren. 

8 Die Solidamosc ist eine oppositionelle 
sozialistische Zeitung, in der bis vor 
kurzem auch einige noch aktive K AS- 
Mitglieder Artikel veröffentlichten. 
Hauptsächlicher Herausgeber ist 
Andrej Isajew, der ein Gründungs¬ 
mitglied der KAS war. Danach 
gründete er die Partei der Arbeit. Die 
Solidamosc wird mit Hilfe der 
Moskauer Föderation der Gewerk¬ 
schaften (z.T. Mitglieder der 
ehemaligen offiziellen Gewerk¬ 
schaften) herausgegeben und hatte 
1992 eine Auflage von 40.000 
Exemplaren. 

9 Das A/S-Info soll als Rundbrief für 
den Austausch von Informationen 
über anarchistische und anarcho- 
syndikalistische Aktivitäten in Ost- 
und Mitteleuropa fungieren. Bislang 
sind zwei Nummern auf russisch/ 
englisch erschienen. Siehe auch 
Direkte Aktion Nr. 96. 

10 Die folgenden Zeilen sind eine 
akzentuierte Zusammenfassung eines 
Interviews, das uns Mitglieder der 
FAD aufderanarchosyndikalistischen 
Konferenz in Saporoshje im Juli dieses 
Jalires gaben. Das Inten/iew ist in der 
" Direklen Aktion” Nr. WO , allerdings 
nicht unter unseren Namen und in 
einer nicht durchgängig unseren 
Einschätzungen entsprechenden 
Überarbeitung, veröffentlicht. Es 
wurde unter meiner Mitarbeit haupt¬ 
sächlich von einem anderen Genossen 
des Libertären Zentrums vorbereitet 
und geführt. 02 


Geplante Neufrscheinungen 
im Trotz4em-Verlag 
Frühjahr 1994 
F. Kamann/E. Kögel 
»Ruhestörung« - Band 2 
zu den Konflikten eines 
selbstverwalteten Juzes 
Im Mittelpunkt des zweiten Bandes steht die 
Hausbesetzung 1975 und die Rolle, die diese 
Erfahrungen für die Beteiligten spielte. 
Weiter wird untersucht, welche Zwänge den 
ursprünglich radikal abgelehnten Sozial¬ 
arbeiter doch möglich machten und welche 
Folgen (selbstverwaltete Betriebe, Betriebs¬ 
räte etc.) die Zentrumsarbeit für die Einzel¬ 
nen (Qualifizierung) hatte u.v.m., mit Doku¬ 
menten, Fotos, ca280S., 28.- DM (April 
1994) 

Maren Witthoeft 
Neokonservativismus 
und Neue Rechte 

Marens Untersuchung beschäftigt sich mit 
der Ideologie und Theorie der "Neuen Rech¬ 
ten, mit der Geschichtsrevision der Ncokon- 
servativen, mit den "Kampfbegriffen" der 
Neuen Rechten wie z.B. "Nationale Identität" 
und formuliert antifaschistische Gegenstra¬ 
tegien. ca. 200 S., 22.-DM (ca. März 1994) 

F. Kamann (Hg.) 
Anarcha-Feminismus 

Der Band bringt-im Anschluß an die nahezu 

vergriffene SF-Sondemummer Feminismus/ 

Anarchismus - eine kritische Entwick¬ 
lungsgeschichte des Anarcha-Feminismus 
von seinen Ursprüngen im Anarchismus und 
Feminismus bis zu neuesten Ansätzen und 
Diskussionen. Die Herausgeberin wehrt sich 
dabei gegen eine vorschnelle Vercin- 
nahmung feministischer Ansätze durch den 
Anarchismus. Aufgenommen werden 
beispielhafte Texte als Diskussionsgrund¬ 
lage. ca. 160 S. ca. 20.-DM (Juli 94) 

Heinz Hug 

Kropotkin-Bibliographie 

Diese erstmals zusammengetragene Biblio¬ 
grafie vereinigt alle deutschen Veröffent¬ 
lichungen und alle Erstveröffentlichungen 
im Original. Gemeinschaftsprojekt mit Ed i- 
tion Anares, Bern. Ca.300S, 35.-DM 
(Februar 1994) 

Trotzdem irVerlag 

PF 1159 
71117 Grafenau 














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Autonome KuiturwerKstau 
Wohlgroth in Zürich 

Erster Oktober 1993 
Ab heute darf geräumt werden. Alle 
Einsprüche dagegen sind abgelaufen. 
Glitzernde Fassaden sollen er¬ 
wachsen. Oerlikon - Bührle, tradi¬ 
tionsreichster Waffenproduzent der 
Schweiz, will hier Büroräume bauen, 
was sonst bei 1.000.000m 2 leerstehen¬ 
der Bürofläche in Zürich? Trotzdem 
hier: beste Lage am Hauptbahnhof, 
die »zugig« Ankommenden erblicken 
weithin leuchtend die Schriftzüge 
"A Ups wird qut" und "ZUREICH". 

h, das ist heute Lebens- 
wa 120 Leute, Arbeits- 
wp.it mehr, selbstver¬ 


walteter, autonomer, sub' 
freier Kulturbetrieb: größte 
Veranstalterin in Zürich, Ca 
Jazzkeller, Bar, Disco, Fl 
täglich Volxküche, Frau« 
Galerie, Bewegungsraum 
Stätten... 

Hier findet die Jugend- u 
besetzerkultur der 90er Ja! 
Raum und ihren Ausdruck. 1 
gie der Leute ist scheint 
schöpflich, der Reibung 
gering; die Effizienz des ■ 
sehr hoch. Zwei Wochen 
reichen nicht aus, um wirk 
blick in Entscheidungsstrul 


















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sparen, die sie ... schon seit Jahr¬ 
zehnten beschäftigt hat." 

Natürlich bindet sich hierein gesells- 
chaftsumstürzendes Potential, schafft 
dadurch Raum für eine an den Rand 
gedrückte Jugendbewegung, um die 
sich dann niemand mehr zu kümmern 
braucht. Doch die Bewegung wächst 
im Kampf um ihren Freiraum, und die 
Frage bleibt, was entstand hier, was 
geht von der Wohlgrothaus für Zürich, 
für die Schweiz und darüber hinaus? 
Fahrt hin und schaut’s Euch an, Wohl- 
groth braucht Besuch! 

Schwer begeistert , 


Fargotof 


Zweiter Oktober 1993 
Wohlgroth-Wohngroth-Kulturbrot, 

1 Großdemo 13.30 Uhr: Raumschiff 
I WohlgrotH hebt ab, 3000 Leute auf 

I den Beinen trotz strömenden Regens; 
mehrere Umzugswagen mit Band, 
Bier, Sandwiches und Raumschiff; 
Kostüme, Stelzenläuferinnen, Feuer- 
schluckerlnnen, schwarzer Block mit 
bunte^ Schirmen. Vorher eindeutige 
/ Aussagen: 

"Sägt allen Euren Freunden, die aus 
Deutschland kommen, die Demo soll 
friedlich ablaufen", während das 
Demoflugblatt klarstcllt: "...Wir 
können und werden eine Räumung 
nicht hinnehmen und fordern die 
| politisch Verantwortlichen auf, von 
einer militärischen Konfrontation 
abzusehen." 

Die Demo war ein großer Erfolg, 
ein Riesenspaß. Hinterher Volxküche 
für alle Teilnehmerinnen. Den Wohn- 
grotherlnnen ist die Ermattung an¬ 
zusehen: Dutzende von Gästen teil¬ 
weise über Wochen, verschärfter Kul¬ 
turbetrieb an diesem Wochenende, 
Nachtwachen. Sie schwanken zwi¬ 
schen Zukunft und Hoffnung, auch 
hier eine klare Position: "Kein Gott, 
kein Staat, kein Mietvertrag" steht 
außen dran, für die Unkosten (Strom, 
Gas, Wasser, Müll) wollen sie auf- 
kommen, aber keine weiteren Kon¬ 
zessionen. Sie wissen, was sie ge¬ 
schaffen haben, noch einmal das 
Demoflugblatt: "... befindet sich die 
Stadtregierung in der Lage, einen 
bereits breit akzeptierten und gut 
genutzten Freiraum frei zu lassen. So 
kann sie sich eine soziale Problematik 






















AntiknastaussteHung und 
Reader: Mit Hilfe von Äuße¬ 
rungen von Frauen aus dem 
Knast, eigenen Beiträgen 
und Interviews wurde das 
Thema »Frauen und Knast« 
dokumentiert. 

Themen sind: Funktion 
v on Knasten, Alltag im 
Knast, Vollzug, Abschiebe¬ 
haft, U-Haft, Widerstand, 


Rund um’s Zeitung Ma¬ 
chen - eine Fortbildung von 
Frauen für Frauen veranstal- 


Repression, Lesben im 
Knast. 

Die Ausstellung, die ver¬ 
liehen wird, besteht aus 26 
Di na-2 (70x100cm) Schau¬ 
feln. Der Reader plus Pla¬ 
tte ergänzen die Lieferung. 

Genauere Infos bei: MA- 
FALGA, do Verein für 
befangene, Gneisenaustr2 
A * 10961 Berlin 

Solingen: Die Mobilisie- 


tet die Wuppertaler Frauen¬ 
zeitung Meta M. vom 26.11* 
bis 28.11. in der Börse, 
Wuppertal, (mit Teilnahme¬ 
gebühr). Es geht ums Kon- 
zeptionieren und gestalten, 
ums Schreiben und ums Fi¬ 
nanzieren einer Frauenzei¬ 
tung. 

Kontakt: Wuppertaler 
Frauenzeitung Meta MPF 
200552, 42205 Wuppertal 


Hamburg: Das Libertäre 
Zentrum existiert nun schon 
seit Oktober 1986. Es sieht 
sich in der Tradition der spa¬ 
nischen “Ateneos Liber- 
tarios” und will Anarchist¬ 
innen verschiedener Rich¬ 
tungen gemeinsame Räume 
anbieten. Eine ausführliche 
Selbstdarstellung kann jetzt 


Vom4.12.-5.12. ist ein anti¬ 
militaristischer Anarcho- 
Kongreß in San Floriano de 
Polcenigo (Friaul) geplant. 
Organisiert vonden anarchi¬ 
stischen Föderationen Ita¬ 
liens (FAI) und Frankreichs 
(FAF), der Gruppe Germi- 
nal in Triest und der anare ho- 
pazifistischen Gruppe ZAPO 
aus Zagreb. 

Kontakt: Germinal, Via 
Manzinni 11,1-34121 Triest, 


run g und Vorbereitung der Vom 3.-5.12. findet in gegen Rückporto angefor- Tel.: ft-040638096 


re gionalen sowie der 
bundesweiten Demonstra- 
honen wegen der fünf faschi¬ 
stischen Morde in Solingen 
hat den Infoladen tat(W)ort 
In c inen Schuldenberg ge¬ 
stürzt. 

Spenden unter dem Stich- 
*° n: Antifa-Orga, an: S. 
eharkin , Postgiro Essen, 
Kt °nr . 490486-432, BLZ 
36010043 


^lolli - Heidelberg ade. Die 
°stan diese Zeitschrift geht 
Zukunft an: c/o VAPET, 
Molir , Grotten-str.14 f 
44? 89 Bochum. 


Berlin das Sozialpolitische 
Forum 1993 unter dem 
Motto “Begegnung und 
Vernetzung sozialpolitischer 
In i tiati vgruppen aus Ost und 
West” statt. Sechs Themen 
sollen diskutiert werden: Er- 
werbslosigkeil/Grundsiche- 
rung, Wohnungsnot; Multi¬ 
kulturelles Leben; Alterna¬ 
tive Wirtschaftsformen; 
J ugendum Weltbewegung; 
Ambulante Dienste/Pflege¬ 
versicherung. Das Sozial¬ 
politische Forum will den 
Widerstand gegen den sozia¬ 
len Kahlschlag und unge- 

rechteUmverteilungspolitik 

organisieren. 

Kontakt: AG SPAK, 


dert werden. Kontakt: 
Libertäres Zentrum, Lager- 
str.27,20357 Hamburg, 

Tel. 040-43013 96 

Zu den festen monat¬ 
lichen Terminen gehören: 
Dienstags (19-24 Uhr): 

Cafe/Kneipe 
Mittwoch (19-21 Uhr): 

Libertäre Bibliothek 
Donnerstag (ab 18 Uhr): 
FAU-IAA (Anarchosyndi- 
kalistlnnen-Treffen) 

(ab 20 Uhr): Radio 
Loretta-Gruppenabend. 

Radio Loretta sendetauf 
96,0 MHz jeden Mittwoch 
von 22-23 Uhr und Samstags 
von 21-22 Uhr! 


Mölln: Seminar zum 1.Jah¬ 
restag des Mölln Anschlags 
vom 20.11.-23.11.. 

Kontakt: Verein zur För¬ 
derung multikultureller Be¬ 
gegnung, Wasserkrüger Weg 
14,23879Mölln, Tel. 04542- 
87463. 

Unter dem Stich wort “Wah¬ 
len und Bomben” findet in 
London am 28.11. ein Semi¬ 
nar über die europäische und 
nordamerikanische Ultra- 
Rechte statt. Veranstalter 
sind das Spiro Institute und 
Searchlight. 

Kontakt: Searchlight, 


Adlzreiterstr.23, 80337 37B New Cavendish Street, 

München, Tel. 089-774078 GB-London W1 M8JR 


65 













Autonomes Info Büro in 

Göttingen im Juzi geöffnet, 
werktags ab 16 Uhr. 
Kontakt: Juzi , Bürgerstr.41 , 
Tel. 0551-7703735, Fax 
0551-74557 


Für den 13J14.1 1. lädt der 
Projektbereich Internatio¬ 
nalismus der Ökoli ins Um¬ 
weltzentrum Bielefeld (Au- 
gust-Bebel-Str.16). Thema 
der Veranstaltung: “An deut¬ 
schem Wesen wird die Welt 
verwesen” (oder: Wem dient 
unsere offensive humanitäre 
Verteidigungsarmee?). 

Kontakt: Ökoli , PB 
Internationalismus, clo 
Karin Döpke, Schulstr.47 , 
80634 München, Tel. 089- 
166321 


“Asyl in Deutschland” - 
über Asylsuchende wird 
überall diskutiert, immer 
über die Probleme, die sie 
machen, fast nie überdiePro- 
bleme, die sie haben. Viele, 
auch Linke, reden über sie 
und kennen kaum welche. 
Ein gemeinsames Seminar 
für Asylsuchende und Inte¬ 
ressierte Deutsche veran¬ 
staltet das AKE-Bildungs- 
werk im Jugendhof Vlotho 
vom 15.1.-16.1.94 


Wo gibt es den SF? ■ 

.weitere VerkaufsteUen« 

finden sich in: .... 1 

-10451 Hannover, Bibuo ■ 
thek-CafoRhizom, Wecken-1 

str.l (EckcKöthnerholzweg) fl 

30167 Hannover, Inter- 1 

nationalismus Buchladen,| 


Die Afrikanische Union 
in Hamburg organisiert ein 
internationales Seminar zu 
Sklaverei, Kolonialismus 
und Rassismus vom 17.11.- 
20.11. unter dem Titel: 
“Afrika 1493-1993 - 500 
Jahre Missionstätigkeit”. 

Kontakt: Afrikanische 
Union, Nernstweg 32,22765 
Hamburg, Tel. 040-3902875 


“Weltbund zum Schutze des 
Lebens” und “Collegium 
Huamanum” (Sitz Vlotho) 
als Zentren ökofaschisti¬ 
scher Ideologie?” - Vortrag 
mit Jutta Ditfurth im Jugend¬ 
hof Vlotho am 13.11. 

Kontakt: Jugendhof Vlo¬ 
tho, Oeynhausener Str.l, 
32602 Vlotho 


Anaresinfo: Dieses von der 
Anares-Föderation kostenl¬ 
os verteilte Info mit Anti- 
quarialsangeboten und Neu¬ 
erscheinungsvorstellungen 
zu Themen, die direkt oder 
indirekt mit “Anarchismus” 
zu tun haben, wird aus Post- 
Kostengründcn statt sechs¬ 
mal nur noch viermal pro 
Jahr erscheinen. Dafür je¬ 
doch mit Rezensionen “an¬ 
gereichert”. Porlospcnden, 
Vcrlagsanzeigcn und Mit¬ 
arbeit sind erwünscht, eine 
Schwerpunktausgabe zu 
Kropotkin ist in Vorbe¬ 
reitung. Der nächste Redak- 
tionsschlußistderl5.Januar, 
ab da im vierteljährlichen 
Rhythmus (15.4., 15.7., 
15.10.). 

Die bisherige Auflage von 
1500 Exemplaren muß aus 
Kostengründen überdacht 
werden, die bisherigen Be- 
ziehcrlnncn des Infos und 
Ncuintercssicrtc sollten sich 
deshalb (mit ihrer neuen 
PLZ!!) bei den einzelnen 
Vertriebsgruppen melden 
und mitlcilcn,obsiedas Info 
weiterhin erhalten wollen! 

Redaktionsadresse ist der 
Dachkammer-Buchvertrieb 
PF 120 423, 68055 Mann¬ 
heim. 




Am 25.11.1960 starben in 
der Dominikanischen Repu- 
• blik drei Frauen. Sie wurden 
vom militärischen Geheim¬ 
dienst gefoltert, vergewaltigt 
und ermordet. Als 1981 ein 
Treffen von Feministinnen 
aus Lateinamerika und der 
Karibik in Bogota stattfand, 
wurde dieser 25.11. zum 
Internationalen Tag gegen 
Gewalt an Frauen ausge¬ 
rufen. 

In diesem Jah will Ter re 
desFemmes sich auf Gewalt 
an Frauen im eigenen Land 
konzentrieren, genauer auf 
“die Gewalt an Frauen in 
Femsehbeiträgen.” 

Deshalb plant Tcrrc des 
Femmes am Do, den 25.11- 
1993 Aktionen vor den 
Privatsendern (RTL Plus, 
Aachener str.l 036, 50858 
Köln-Junkersdorf), (SAT L 
Hegelstr.61,55122 Mainz), 
(PRO 7, Bahnhofstr.27a, 
85 774 Unterföhring b. 
München). 

Kontakte: (für Köln): 
Karin Hinkel, Am Parkgürtel 
8, 50823 Köln, Tel. 0221- 
5506835 

(für Mainz): Anne 
Bleckmann, Fröbelstr.2, 
61231 Bad Nauheim, Tel. 
06032-85764 

(für München): Terre de 
Femmes, PF 2531, 72015 
Tübingen, Tel. 07071-24289 

Auch die Frauen-AG 

der Graswurzehverkstatt 

Köln ruft zu internatio¬ 
nalen Aktionstagen vom 
30.10. bis zum 6.12 zur 
“Beendigung der Gewalt 
gegen Frauen” auf. Über 
dezentral geplante Aktivi¬ 
täten informiert: 

Gra_swurzelwerkstaO 

Köln, Scharnhorststr.6. 
50733 Köln. 


6666 












Der letzte IDES 

Nach der Auflösung zahlreicher 
Lateinamerika-Solidaritätsgruppen 
ist, mit etwas Zeitverzögerung, am 
25.Juni 1993, mit dem endgültig 


Spiegelbild der Situation. 

Für die, die den ides , bzw. die Infor¬ 
mationen aus Amerika, vermissen, 
gibt es seit einiger Zeit den “POO- 
NAL”-Nachrichtendienst (c/o FDCL, 
Gneisenaustr.2,1.0961 Berlin), der mit 
einem anders ausgelegten Konzept 


letzten IDES (Informationsdienst El die Informationsdefizite der Tages- 


Salvador) auch eines der wichtigsten unc j sonstiger. Presse auffängt. Auch 

Medien der ehemaligen Bewegung der Poonal stützt sich hierbei auf 


von der Bildfläche verschwunden. 
Über den beachtlichen Zeitraum von 
13 Jahren versorgte der ides die 
lateinamerikainteressierten Menschen 
in der BRD wöchentlich mit aktuellen 
Meldungen über und von den revolu¬ 
tionären Bewegungen auf dem ameri¬ 
kanischen Kontinent. 

Die Grundsteinlegung für das Zei- 
lungsprojckt erfolgte auf dem ersten 
Bundestreffen der El Salvador-Soli- 
daritätim Sommer 1980 auf Anregung 
der Vertreterinnen der salvadoria- 
nischcn Opposition in der BRD. Be¬ 
reits am 8.Juli erschien die erste Aus¬ 
gabe des ides. Parallel zum Erstarken 
des Widerstands in El Salvador ver¬ 
breiterte sich die Solidaritätsarbeit und 
das Bedürfnis nach Informationen, 
welches die bürgerlichen Medien nie¬ 
mals befriedigen konnten. Der ides 
konnte in der Folge zeitweilig eine 
Auflage von 4000 Exemplaren er¬ 
reichen. 

Inhaltlich wurde der Informations¬ 
dienst seit 1982 bereichert. Mehrere 
Ländcrkomilees steuerten seitdem 
Beiträge zu Nicaragua, Honduras und 
Guatemala später auch noch zu 
Mexiko und Kolumbien bei. Von die¬ 
sen Komitees ist in Berlin lediglich 
das Guatemala-Komitee übrig ge¬ 
blieben. Hinter der Arbeit derübrigen 

Ländcrbcrichte standen jeweils 
Einzelpersonen, für die der Arbeits¬ 
aufwand, um Kontinuität zu gewähr¬ 
leisten, entsprechend größer war. Die 
Frustrationsgrcnzc war mit dem 
Zählen der bezahlten ABOs nun end¬ 
gültig erreicht. Der Finanz- und 
Arbeitsaufwand stand in den letzten 
Monaten in keinem sinnvollen Ver¬ 
hältnis mehr zur Anzahl der vielleicht 
300 Personen zählenden Lcscrlnnen- 
gemeinschaft und den etwa 100 be¬ 
zahlten ABOs. 

Daß die Laleinamerika-Solidarität 

in der BRD heute keine relevante Be¬ 
wegung darstellt, hat die 500-Jahre- 
Kampagnc gezeigt und somit ist das 
Verschwinden des ides nur ein 


direkte Quellen in Lateinamerika und 
erscheint ebenfalls wöchentlich. 

HermannWerle 


Ricardo Falla: 
Masacres de la Selva, Ixcan 
Guatemala (1975-1982) 

Nachdem sich die Solidaritätsgruppen 
für die emanzipatorischen Bewe¬ 
gungen Zentral- und Lateinamerikas 
größtenteils aufgelöst haben, ist auch 
das Interesse an politischer Literatur 
aus diesen Ländern hierzulande stark 
zurückgegangen. 

In den Zeiten, in denen auch dort 
keine spektakulären Siege in Guerilla¬ 
kriegen zu erwarten sind, werden die 
aktuellen Versuche zu wenig beachtet, 
von den Volksbewegungen erkämpfte 
demokratische Öffnungen zur Aufar¬ 
beitung der jüngsten Geschichte zu 
nutzen. Dafür ist das Buch des katho¬ 
lischen Theologen Ricardo Fallo aus 
Guatemala ein gutes Beispiel. Als 
Ergebnis seiner jahrelangen Recher¬ 
chen im Gebiet des Ixcan im Norden 
des Department Quiche und dem 
Gebiet zwischen den Flüssen Ixcan 
und Xalbal legte er Ende letzten J ahres 
sein Buch Masacres de la selva vor. 

In der militärisch überwachten K- 
asernenhofdemokratie Guatemalas, 
jüngst erneut in den Schlagzeilen, 
rührte Fallas Buch an einem Tabu. 
Jede Kritik am allmächtigen Militär 
kam bisher einem Todesurteil gleich. 
Auch Ricardo Fallo mußte nach 
Mexiko emgirieren, nachdem er we¬ 
gen des Buches Todesdrohungen er¬ 
hielt. 

Dieses Buch führt uns in die blutige 

Periodeder Jahre 1975-1982, in denen 

das guatemaltekische Militär mit 
Unterstützung der USA mit Massa¬ 
kern an der Bevölkerung ganzer Dör¬ 
fer und kleiner Städte der wachsenden 
Oppositionsbewegung der größten¬ 
teils indigenen Bevölkerung herr zu 
6-i 


werden versuchte. 

Im Vorwort stellt Falla die Frage: 
‘Tür wen schreibe ich über die 
Massaker? Warum rufe ich die Erin¬ 
nerungen an diese Greuel wieder 
wach?” 

Erantwortet gleich selbst, daß diese 
Zeugnisse der Überlebenden neben 
dem emotionalen "Schreib es auf, 
damit es nie wieder vergessen wird” 
auch positiveZeichen sind ."Zwischen 
dem Grauen ist das Zeugnis der 
erstaunlichen Realität: Ich bin am 
Leben geblieben. Dieses Buch will die 
hunderte von Zeugen in die Welt rufen 
lassen: Wir leben - unerhörterweise, \ 
wir leben.” 

Im Anschluß daran findet sich ein 
knapper Abriß der guatemaltekischen 
Geschichte der letzten 30 Jahre, der 
mit dem Erstarken der Volksbewe¬ 
gungen und der Guerilla in den Jahren ' 

1966-1982 endet. Angespomt durch J 
den Sieg der Sandinistlnnen 1979 in | 
Nicaragua war für große Teile vor 
al lern der indigenen Landbevölkerung 
die Revolution wahrscheinlich und I 
erstrebenswert. Die Antwort der j 
Militärs waren jene Massaker, die im j 
Buch untersucht werden. Nach Mili- j 
tärangaben wurden 440 Dörfer dem j 
Erdboden gleichgemacht. Die Zahl; 
der Ermordeten schwankt zwischen j 
10.-20.000 (konservative Kreise) und j 
50.-75.000 (Untersuchungen der, 
Volksbewegungen). 

In mühsamer Kleinarbeit besuchte j 
Falla diese Stätten der Massaker und j 
brachte die wenigen Überlebenden j 
zum Sprechen. Was er aufführt ist! 
eine Statistik des Grauens. In zahl-, 
reichen Tabellen werden die Opfer 
der Massaker aufgeführt, ihr Alter.j 
ihre Verwandtschaftsbeziehungen.j 
Beispielsweise führt Falla die Mas-i 
saker in Cuarto Pueblo vom 14.-| 
17.März 1982 auf, die in der Welt-j 
presse unbeachtet blieben (S.l 14ff.).j 
Die jüngsten Opfer waren 6 Monatej 
alt, die Älteste 80 Jahre. 















Mit derselben Akribie werden die 
anderen Massaker chronologisch auf¬ 
geführt, ihr Ablauf soweitmöglich re¬ 
konstruiert und die Daten der Ermor¬ 
deten dokumentiert. 

Im letzten Kapitel widmet sich Falla 
den refugiados (vor dem Militär 
Geflohene, die nun nach Guatemala 
zurückkehren wollen) und den Be¬ 
wohnerinnen der “Comunidades de 
Population en Resistencia” (CPRs). 
Das sind die Widerstandsdörfer (vgl. 
SF-2/93) im schwerzugänglichen 
Regenwald, in die sich viele Idigenas 
vordem Staatsterror geflüchtet haben. 
Sie fordern ihre Anerkennung als 
Zivilbevölkerung. Mit diesen Zeug¬ 
nissen unterstützt Falla die Kam pagne 
zur Rückkehr der Flüchtlinge (vgl. SF 
1/93) und der Eingliederung der CPRs 
ins zivile Leben. 

Es wäre wünschenswert, wenn mit 
einer baldigen Übersetzung des 
Buches ins deutsche diese Forderun¬ 
gen hierzulande popularisiert werden 
würden. 

Vorerst kann die spanische Ausgabe 
bestellt werden: Informationsstelle 
Guatemala, Oscar-Romero-Haus, 
Heerstraße 205,53110 Bonn. 

Ricardo Falla: Masacres de la 
selva, 

Editorial Universitaria, Coleccion 
500 Ahos, Guatemala-City 1992 
(253.S., ca.8.-DM) 


Peter Nowak 


»Chronik eines 
angekündigten Todes«. 
Zur Liquidierung des 
Grundrechts auf Asyl. 

Ratgeber zum neuen Asylrecht 
(Stand 1.7.93), 112 S„ 10.-DM 

Am 1.7. trat die neue Asylrechts¬ 
änderung (GG Art.l6a)zusammen mit 
erneuten Verschärfungen im Asyl¬ 
verfahren in Kraft. Im Ergebnis kann 
nur noch ein sehr begrenzter Teil von 
Flüchtlingen ein Asylverfahren be¬ 
treiben. 

Für all diejenigen, die in der Fl ücht- 
lingsberatung und -betreuung, in Fach¬ 
kreisen und politischen Zusammen¬ 
hängen sich die Haare raufen, um das 
komplizierte Gesetzeswerk zu ver¬ 
stehen, sei nun Hilfe gewährt. Der 
Hamburger Arbeitskreis Asyl hat einen 
Ratgeberzur Asylrechtsänderung her¬ 
ausgegeben, der die aktuellsten Ände¬ 
rungen sachgerecht und verständlich 
präsentiert und politisch körn mentiert. 

In einem detaillierten Leitfaden wird 
der Weg von der Asylantragstellung 
bis zur Ablehnung (oder Anerken¬ 
nung) mit all seinen Instanzen unter 


Angabe der jeweiligen rechtlichen 
Grundlagen beschrieben, Sonderrege¬ 
lungen benannt und explizit auf zu 
beachtende Schwierigkeiten und 
Fallen hingewiesen. Ein Überblick 
über die Bestimmungen zur Neu¬ 
regelung der Erstaufnahme für Flücht¬ 
linge (ZAST) nach der Änderung des 
Asylverfahrensgesetzes listet die 
massiven Verschlechterungen für die 
Flüchtlinge auf. So wird die Beratung 
der Flüchtlinge, wie sie ihr formales 
Recht auf Asyl überhaupt noch in 
Anspruch nehmen können, nichtmehr 
gewährleistet. Der Hamburger Ar¬ 
beitskreis Asyl rät dazu, in direkter 
Nähe derZAST-Stellen unabhängige 
Beratungsstellen aufzubauen. 

Interessant als Hintergrundsmate¬ 
rial ist die Erstellung einer Chronik 
der Asylpolitik und des Asylrechts 
seit 1948. Auf ca. 30 Seiten werden 
die Änderungen im bundesdeutschen 
Asylrecht auf ihrem jeweiligen 
politischen Hintegrund dokumentiert 
und die europäischen Parallelen einge¬ 
arbeitet. 

Am Schluß der Broschüre finden 
sich die häufig schwer zugänglichen 
Gesetzesänderungen zum 1.7.93 im 
Originaltext: Asylrechtsänderung, 
Altfallregelung für Asylantragstel¬ 
lungen vor dem 1.1.91 etc. 

Bestelladresse: Hamburger Ar¬ 
beitskreis Asyl, Werkstatt 3, 
Nernstweg 32, 22765 Hamburg, 
Tel. 040-3908862 

gg/ac 


Karl Heinz Roth 
- Politische Texte 


Mit "... und es begann die Zeit der 
Autonomie" liegt endlich eine Ein¬ 
führung in diebundesdeutsche Rezep¬ 
tion der in Italien entwickelten Theorie 
des Operaismus vor. Dies geschieht 
am Beispiel des politischen und wis¬ 
senschaftlichen Wirkens von Karl 
Heinz Roth. Roth war nach seiner 
Zeit beim Hamburger SDS einer der 
führenden Theoretiker des Operais¬ 
mus (Hauptwerk: ,Die andere Ar¬ 
beiterbewegung’, 1974) und Mit¬ 
begründer der Zeitschrift Autonomie. 
Materialien gegen die Fabrikge¬ 
sellschaft' und deren Nachfolge¬ 
projekt Autonomie. Neue Folge' 
(eingestellt 1985). Seitdem arbeitet er 
am von ihm mitaufgebauten ,Ham¬ 
burger Institut für Sozialgeschichte 
des 20.Jahrhunderts’ und deren 
Zeitschrift "1999" mit. Er interveniert 
in politische Auseinandersetzungen 


(Hafenstrasse, .Radikale Linke’) und 
arbeitet seit 20 Jahren als Arzt. 

Das Buch behandelt weniger die 
ausführlichen Forschungen Roth’s 
zum Nationalsozialismus, zur Eugenik 
oder zur Arbeiterinnengeschichte, 
sondern hat die theoretischen Grund¬ 
lagen, deren Herausbildung und Ver¬ 
änderungen zum Thema. Dabei darf 
einen die oftmals etwas bombastische 
Sprachenichtabschrecken. Das Buch 
ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten 
Abschnitt steht die Biographie von 
Roth und eine Einführung in .Operais¬ 
mus’ durch die Herausgeberinnen. 
Danach beginnt der Abschnitt, der 
sich direkt mit Roth beschäftigt ,Die 
andere Arbeiterbewegung’, die 
theoretische Figur des “(multi¬ 
nationalen) Massenarbeiters” und die 
Kämpfe im Produktionssektor. Nach 
einem kurzen Abschnitt überden be¬ 
waffneten Kampf folgt die “Ent¬ 
deckung” des Reproduktionsseklors: 
die neuen sozialen Bewegungen und 
theoretischere Arbeiten. Dazu werden 
acht Thesenpapiere Roth’s aus 1978 
bis 1993 dokumentiert. 

Im Buch wechseln sicheinführende 
und kommentierende Abschnitte der 
Herausgeberinnen mit der Dokumen¬ 
tation von Texten ab. Ein ausführliches 
Interview der Herausgeberinnen mit 
Roth beschließt den Band. Anhand 
des Buches kann die praktische und 
theoretische Arbeit von Roth nach¬ 
vollzogen werden. Dieser hat sich in 
den vergangenen 25 Jahren zwar oft 
geirrt, aber nie resigniert oder sich in 
den bürgerlichen Wissenschaftsbe¬ 
trieb integriert 

Einen anderen Ansatz verfolgt die 
zweite Neuerscheinung zu Roth. "Pa¬ 
tient Geschichte” ist eine Festschrift 
anläßlich seines 50. Geburtstages. In 
ihr sind 20 Beiträge von Autorinnen 
aus dem Umfeld der .Hamburger 
Stiftung für Sozialgeschichte des 
20.Jahrhunderts’ und “1999” 
versammelt. Inhaltlich sind die Bei¬ 
träge breit gestreut: sie reichen von 
Arbeiterinnen- und Umwellge¬ 
schichte bis zu Bevölkerungspolitik. 
Vernichtung und Entwicklung im 
Nationalsozialismus, die Geschichte 
der Linken in Italien und Revolulions- 
thcorien sind weitere Kapitel des 
Buches. Ferner gibt es einen von 
Angelika Ebbinghaus verfassten 
politischen Lebenslauf Roth’s, und 
eine fast vollständige Bibliographie 
seiner Veröffentlichungen. 

Als Taschenbuch ist nun “Vor¬ 
denker der Vernichtung. Auschwitz 
und die deutschen Pläne für eine neue 
europäische Ordnung”, ein wichtiges 
Werk zur Diskussion um die “Öko- 










nomieder Endlösung”, erhältlich. Das 
Buch kommt aus derselben theore¬ 
tischen Tradition wie die Arbeiten 
von Roth und der »Hamburger Stif¬ 
tung’ zum Nationalsozialismus. Es 
beschreibt detailliert, wie planerische 
Eliten im Nationalsozialismus ver¬ 
suchten, Europa nach ihren ras¬ 
sistischen Vorstellungen neu zu 
ordnen, indem sie durch Vernichtung 
und Rationalisierung modernisierten 
und zu “überflüssigen Essern” erklärte 
Bevölkerungen zur “Ausmerzung” 
bestimmten. Zur Vernichtung und 
Inwertsetzung der Subsistenzöko¬ 
nomien Ost- und Südosteuropas und 
zur Schaffung des “Großwirtschafts¬ 
raumes Europa” setzten diese Techno¬ 
kraten modernste wissenschaftliche 
Methoden ein. 

be 

Frombelov (Hg.): ... und es begann die 
Zeit der Autonomie; Verlag Libertäre 
Assoziation Hamburg, ca. 330 S., 

24 DM 

K- Linne, T. Wohlleben (Hg.): Patient 
Geschichte; 374 S., 27 DM, nur bei 
2001 Versand, Postfach, 60381 
Frankfurt, Bestellnr. 11592 

Götz Aly, Susanne Heim: Vordenker der 
Vernichtung, Fischer Verlag 1993; 
540 S., 19,90 DM 


Das Agrarbündnis (bisher: Dach¬ 
verband der Deutschen Agraroppo¬ 
sition) hat den ersten Kritischen 
Agrar bericht als Alternative zum all¬ 
jährlichen Agrarbericht der Bundes¬ 
regierung vorgelegt. Es will mit einem 
anderen* Blick die reale Situation der 
Landwirtschaft darstellen. Die grö߬ 
tenteils aus den Mitglieds verbänden 
des Agrarbündnisses stammenden 
Autorinnen verfassten über 50 Bei¬ 
lage zur europäischen und deutschen 
Agrarpoli (ik, zur wirtschaftlichen und 
sozialen Situation der Landwirtschaft, 
zum Verhältnis Landwirtschaft und 
Naturschutz bzw. Landwirtschaft im 
internationalen Zusammenhang, zu 
Tierhaltung und Tierschutz, Nah- 
ru ngsmittclqualität und Verbraucher- 

Innenpolitik. Im zweiten Teil des 
Buches soll der Diskussionsstand nicht 
nur in den Reihen der Agraropposition 
dokumentiert werden. Wer sich für 
Land Wirtschaft und die dam it verbun¬ 
denen Problembereiche wie länd-li- 
c hen Raum, Natur- oder Tierschutz 
oder “3 .Wclt”-Solidarität interessiert, 
hat mit dem “Agrarbericht” ein pro¬ 
fundes Jahrbuch 1 zur Hand. 


Kritischer A g rar bericht; 300S. B 5,29,80 
Piks3 Dhi Porto bei Arbeitsgemeinschaft 
bäuerliche Landwirtschaft , Nordrheda 3, 
3^378 Rheda-Wiedenbrück 







Liebe und Anarchie 


Chansonnier Leo Ferre gestorben 

Mit dem Tod des Poeten Leo Ferre hat das 
französische Chanson seinen bekanntesten 
Anarchisten verloren. Immer wieder hat 
der Sänger und Komponist die indmdu- 
eile und kollektive Freiheit zum Haupt¬ 
thema seiner Lieder gemacht. Ebenso po¬ 
pulär wurden seine Vertonungen von Ge¬ 
dichten von Louis Aragon, Charles Baude¬ 
laire oder Arthur Rimbaud. Der Mone- 
Mqqp ist — wie erst jetzt bekannt wurde 
fm 14 JulHm Alter von 77 Jahren be. 

Sl Rund eS 350 Chansons („Paris Canaille“) 
hat der Künstler mit der Löwenmähne ge¬ 
schrieben und damit vor allem das burger 
.liehe Establishment attackiert. Kompro- 
mißlos bis zum Ende hat der Autor von 
„Ni Dieu, ni maitre 4 * (Keinen Gott, keinen 
Herrn) seine Ideale verteidigt. Ferre ge¬ 
hörte keiner Partei an und ließ sich vor 
keinen ideologischen Wagen spannen, „lch^ 


bin ein Anarchist, aber ein Einzelgänger“, 
sagte er. 

Ferre, Sohn eines Personalchefs des Ca¬ 
sinos in Monte Carlo, wollte schon als 
Kind Dirigent werden. Vor seinem Militär- j 
dienst im Jahre 1939 studierte er Recht.! 
Edith Piaf riet ihm, nach Paris zu gehen, j 
1954 wurde Ferre, der bereits in Paris in • 
Kabaretts auf trat und Konzerte für anar¬ 
chistische Vereinigungen gab, im „Olym¬ 
pia“, dem Mekka des Showbusiness, mit 
„Graine d’ananar“, ,,Le piano du pauvre“ 
oder „Monsieur William“ berühmt. 

In der Folge sang er auf Solidaritäts¬ 
kundgebungen, in Fabriken für streikende 
Arbeiter oder 1968 für aufständische Stu¬ 
denten. Mehrere seiner Chansons wurden 
zensiert, so während des Algerienkriegs 
1962 „Mon general“. Sein 1970 erschie¬ 
nenes Album „Amour Anarchie“ enthielt 
sein Credo. Zu Klassikern des französi¬ 
schen Chansons rückten „Avec le temps“ 
und „La Solitude“ auf. dpa 





















btr. “Ökofaschismus und New 
Age” von Peter Bierl 
in SF 2/93 

Auch Bakunin ein Faschist? 

War interessant von faschistischen Ideen 
der Ökos zu lesen. Sicher gibt es grüne 
Repression und Intoleranz. Doch das 
Herumwerfen mit dem Wort »Faschis- 
mus« dient nichtweniger der Repression 
und Zensur von Andersdenkenden. Wir 
Anarchisten sind ja gewohnt, als “fünfte 
Kolonne Francos” tituliert zu werden. 
Leute wie Erich Mühsam wären Peter 
Bierl zufolge ebenfalls Ökofaschisten, 
weil sie dem Materialismus eine “gei¬ 
stige Erneuerung” und eine “natürliche”, 
“organische” Lebensordnung entge¬ 
gensetzten (siehe "Die Befreiung der 
Gesellschaft vom Staat”). Ähnlich wie 
Nietzsche stellte Bakunin “Volk” und 
“Leben” über die tote Wissenschaft - 
war auch er ein Faschist? 

Nein, die alten Anarchos hatten nur 
begriffen, was einige Linke immer noch 
nicht kapieren: daß gerade die bodenlose 
Herrschaft der Wissenschaft, der “Ra¬ 
tio”, solche Mißgeburten wie den 
Faschismus hervorbringt. Gerade ra¬ 
tionale Verwaltung und Gleichschaltung 
weckt bei den Gleichgeschalteten den 
Haß auf alles “Fremde”. Doch von dieser 
“Dialektik der Aufklärung” scheinen 
die aufgeklärten Marxisten noch nichts 
gehört zu haben. Wenn Peter Bierl die 
“mythische” Auffassung der Natur 
verurteilt, setzt er wie Vater Marx das 
Weltbild der Physik voraus, das be¬ 
kanntlich vom Interesse des Kapita¬ 
lismus getragen wird. Wie weit wir mit 
dieser “entmythisierten” Natur gekom¬ 
men sind, sehen wir heute. Natur (und 
Mensch) verkamen zum bloßen “Gegen¬ 
stand” in der Hand der Macher. Diese 
patriarchalische Sicht setzt Peter Bierl 
fort, wenn er seine “rationale Analyse 
der ökologischen Zusammenhänge” 
predigt. Das bedeutet: umwelttechno¬ 
kratische Optimierung der Naturbe¬ 
herrschung. Die “ökologische Linke” 
ist reiner Etikettenschwindel. Indem sie 
alle Kritik am Fortschritts-Mythos, alle 
anderen Bilder der Natur gleichmäßig 
als faschistisch” denunziert, repro- 
duziertsiedie herrschenden Verhältnisse 
-und damit die Wurzeln des Fasch ismus. 

Daniel Salber, Bornheim 


Anm. d. SF-Red.: 

Obwohl wir dem inflationären 
Gebrauch des "Faschismus"-Stigmas 


durchaus kritisch gegenüberstehen, 
teilen wir die Ansicht Peter Bierls, daß 
der Einbruch neurechter Ideologie in 
die Öko- und New Age-Szene viel mit 
dem unkritischen Naturverständnis 
dieser Bewegungen zu tun hat. Wer 
zudem den Faschismus auf die 
"bodenlose Herrschaft der Wissen¬ 
schaft" zurückfiihrt und sein Heil dem¬ 
gegenüber in einer mythischen (Gesell¬ 
schafts-? jauffassung sucht, verkennt die 
fundamentale Rolle des Mythos sowohl 
im Faschismus wie in der Geschichte 
der Herrschaft überhaupt. 

Abgesehen von der Tatsache, daß die 
"Natur"-Begriffe eines Mühsam oder 
Bakunin von denen der Ideologen Fritjof 
Capra, Alain de Benoist oder Herbert 
Gruhl inhaltlich sehr verschieden sind, 
halten wir eine Diskussion auch über 
"traditionell anarchistische" Begriff- 
lichkeiten keinesfalls für ein Tabu. 

So macht es selbstverständlich einen 
Unterschied, ob von einer "entfrem¬ 
deten" oder einer "unnatürlichen" 
Lebensweise die Rede ist, oder ob 
mensch den "geschichtlichen" (d.h. 
seine Geschichte bewußt undfrei selbst 
gestaltenden) oder den "natürlichen" 
(d.h. vonder Natur bzw. transzendenten 
Mächten determinierten) Menschen zu 
verwirklichen gedenkt. 

In diesen Kontext stellt Peter Bierl 
seine Forderung nach "rationaler 
Analyse der ökologischen Zusammen¬ 
hänge". Über eine Krilikbzw. Akzeptanz 
des Industrialismus und des linear- 
mechanislischen Denkens ist mit diesen 
Worten noch gar nichts ausgesagt. 
Nicht umsonst heißt es ja DIALEKTIK 
der Aufklärung. 

btr. Ökofaschismus-Artikel 
von Peter Bierl, SF-2/93 

Nachdem ich nun von einigen Ökoli- 
Freunden die Austrittsbegründungen 
("Warum sind wir so geil auf Parlament 
und Partei in Zeiten der Parlaments- und 
Parteienverdrossenheit?") nach einer 
frustrierenden (Hessen-)Wahl gelesen 
habe und die Gruppe Ökoli inzwischen 
wohl im selben Bermuda-Dreieck 
verschwunden sein dürfte wie seinerzeit 
Koppiks und Hansens DS, lese ich Pe¬ 
ters interessanten Essay "Ökofaschismus 
und New Age" im SF. Ein Kompliment 
an ihn für umfangreiche und detaillierte 
Quellenanalyse, die mir- wie das immer 
so geht, einige neue Anregungen 
gegeben hat. Schade, daß die inhaldichen 
Wertungen und Folgerungen durchweg 
veraltet "links" ausfallen — ich vermisse 
70 


die neue Denkdimension. Peter setzt 
den Wertkonservatismus klar in die 
"rechte" Ecke.' Lorenz, Guhl etc. sind 
Öko-Faschisten, wer hätte das ge¬ 
dacht?! Justus F. Wittkop zum Beispiel 
siedelt in'seinem Buch "Unter der 
schwarzen Fahne" den Wertkonser¬ 
vatismus in der anarchistischen Ecke 
an, wie auch die gesamte Öko-Bewe¬ 
gung, die sich ja zuerst in den USA 
politisch bemerkbargemacht hat. Namen 
wie Bookchin fallen in diesem Zu¬ 
sammenhang. Es ist wahr, daß die euro¬ 
päisch-rückständige Form der "Linken" 
bis hin zur Gründung der GRÜNEN m it 
der Ökologie nichts anzufangen wußte 
und letztendlich auf einen losfahrenden 
Zug aufsprang, um überhaupt noch Land 
zu sehen. Den Zusammenbruch der 
Sowjet-Union und des gesamten real¬ 
sozialistischen Ostens kann man getrost 
der Unfähigkeit zurechnen, die Öko¬ 
logie als fundamental neuen Denkan¬ 
satz zu erkennen, geschweige denn zu 
akzeptieren. Die "Linke” der euro¬ 
päischen Interpretation hat sich ihr ve¬ 
hement verschlossen und dann, als es 
gar nicht mehr anders ging, drauf¬ 
gesetzt, um sie zu benutzen. Das konn¬ 
te nicht gut gehen, denn die Verinner¬ 
lichung fehlte und letztendlich auch der 
sachliche Bezug. Aus dieser Un¬ 
fähigkeit der "Linken" traditionellen 
Zuschnitts haben wir jetzt die schlim¬ 
me Situation, in der der Kapitalismus 
meint Sieger zu sein und sich alle 
Plumpheiten erlauben darf, ohne Angst 
zu haben, in irgendwelcher Form und 
absehbarer Zeit bestraft zu werden. Das 
ist das "Loch” der Post-moderne, in dem 
der Neo-Faschismus herumstochert und 
sich mehr und mehr profiliert. Ich em¬ 
pfehle die genaue Analyse unseres 
Ökosophen-Artikels "Parteien) und 
Anarchismus" und erinnereandie Mög¬ 
lichkeit, daß das ganze "Rechts-Links- 
Konstrukt" und damit die europäische 
"Moderne” im Orkus der Postmodcme 
verschwinden könnte, wenn nicht... ja 
was? 

Haben die Anarchisten mit ihrer mora¬ 
lischen Anbindung an eine nicht mehr 
vorhandene "linke Arbeiterklasse" da 
wenigstens noch eine Chance? Zweifel 
dürften angemeldet werden. Ich freue 
mich auf eine engagierte Erwiderung. 

Rolf-Dewet Klar, Maintal 
Anm. SF-Red. 

Was zunächst auffälll, ist die Falle, in 
die mensch geht, wenn man "links" nicht 
näher definiert. Rolf unterscheidet nicht 
und seine Argumentation verliert 











Schicken die eigene Katze in das Labor 




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btr. Libertäre 
Buchmesse, 
Artikel v. Wo 
SF 2/93